Corona-Zahlen in Castrop-Rauxel sind niedrig - aber warum?

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Die Corona-Fallzahlen in Castrop-Rauxel sind niedrig – vor allem im Vergleich zu anderen Städten und Kreisen in NRW. Warum ein Vergleich aber schwierig ist, erklärt ein Statistik-Professor.

Castrop-Rauxel

, 11.04.2020, 16:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein Artikel über die Entwicklung von Corona-Fallzahlen bildet schnell nicht mehr den aktuellen Stand ab. Die Zahlen werden täglich aktualisiert. Manchmal kommt an einem Tag kein neuer Fall hinzu, an einem anderen sind es acht neue.

Zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Textes (9.4., 18.30 Uhr) gab es in Castrop-Rauxel 64 Corona-Fälle, im Kreis Recklinghausen waren es 659 bestätigte Corona-Infektionen.

In Castrop-Rauxel sind es sechs Fälle mehr als Anfang dieser Woche und 20 mehr als Anfang der vergangenen Woche. Mit 8,7 Fällen pro 10.000 Einwohnern liegt Castrop unter der durchschnittlichen Quote des Kreises. Diese liegt bei 9,91 Fällen pro 10.000 Einwohner. Im Vergleich mit ähnlich großen Städten im Kreis liegt Castrop-Rauxel unter dem Niveau von Gladbeck (11,8 Fälle pro 10.000 Einwohner) und deutlich unter den Fallzahlen von Dorsten (16,7 Fälle pro 10.000 Einwohner).

Wie groß ist die Aussagekraft solcher Vergleiche?

Problemlos lassen sich weitere Vergleiche anstellen: 15 Kreise und Städte in NRW haben weniger Fälle pro 10.000 Einwohner als der Kreis Recklinghausen. 37 verzeichnen höhere Werte. Aber wie groß ist überhaupt die Aussagekraft solcher Vergleiche?

Ziemlich gering, wenn man den Bio-Statistiker Roland Fried von der TU Dortmund fragt. Er stellt sich die Frage nach dem Erkenntnisgewinn solcher Vergleiche: „Es gibt sicherlich zahlreiche Unterschiede zwischen den verschiedenen Städten und Regionen, selbst wenn man lokal hier im Ruhrgebiet denkt.“

Einer sei etwa die Altersstruktur, die nicht nur die Schwere der Erkrankung beeinflusse, sondern auch das Freizeitverhalten. Weitere Faktoren seien, ob es in einer Stadt viele Pendler gebe oder ob die Vorgaben für die Tests in den Städten auch wirklich einheitlich umgesetzt würden. Aktuell könne man deshalb nur sagen, dass es Unterschiede gibt, und müsse dann Ursachenforschung betreiben.

Der Zufall ist ein wichtiger Faktor

„Da wir es mit einer ansteckenden Krankheit zu tun haben, spielt der Zufall zumindest am Anfang einer Epidemie eine große Rolle“, erklärt Fried. Aufgrund der Abhängigkeit der Erkrankungen untereinander habe der Zufall dann auch einen längerfristigen Effekt.

Mit Blick auf den Kreis Heinsberg, der bezogen auf 10.000 Einwohner mit 59,4 Fällen am stärksten in NRW betroffen ist, sagt Fried, dass man dort statistisch gesehen einfach Pech gehabt habe. „Dort ist die Erkrankung nämlich zu einem Zeitpunkt aufgetreten, an dem die Öffentlichkeit das Problem noch nicht richtig wahrgenommen hat, es keine Vorsichtsmaßnahmen geben hat und dann auch noch im Karneval“, sagt Fried

„Die gültigen politischen Maßnahmen reduzieren das Ausbreiten der Erkrankung. Probleme bleiben dabei zumindest für eine Zeit lokal bestehen, aber eben lokal beschränkt“, erklärt der Statistiker. Wer jetzt das Glück habe, in einer weniger betroffenen Region zu leben, werde dieses Glück bei Aufrechterhalten und Beachten der Maßnahmen auch noch eine Weile haben. „Bis eben durch Zufall oder sonstige Gründe nach und nach Verschiebungen entstehen.

„Noch zu früh, um eine Prognose zu wagen“

Mittlerweile ist in Castrop-Rauxel über die Hälfte der Infizierten wieder gesund. Das gilt auch, wenn man den gesamten Kreis Recklinghausen betrachtet. Für das Ziel, die Kurve zum Abflachen zu bringen, bedeutet das Frieds Verständnis nach wenig: „Anders wäre es, wenn wir über 40.000 von 64.000 Fällen reden würden und genesene Menschen eine Immunität erworben hätten.“

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Auch beim Kreis und bei der Stadt möchte man die Zahlen nicht zu positiv betrachten. Es sei zu früh, um eine Prognose zu wagen, heißt es von Kreis-Sprecher Jochem Manz. Auch Castrop-Rauxels Bürgermeister Rajko Kravanja sagte im Videogespräch mit dieser Redaktion: „Zufrieden sind wir natürlich nie, solange es noch erkrankte Menschen gibt, aber es ist im Moment eine beherrschbare Situation.“

Es gehe aber in jeder Phase darum, die Krise langfristig beherrschbar zu machen. Seiner Meinung nach hätte man sich frühzeitiger abstimmen müssen, damit alle Kommunen von vornherein einheitliche Regelungen gehabt hätten.

Unterschiedliche Strategien nicht ursächlich für Fallzahlen

Das NRW-Gesundheitsministerium geht nicht davon aus, dass unterschiedliche Strategien in den Kommunen für die unterschiedlichen Zahlen verantwortlich sind: „Aus medizinischer oder epidemiologischer Sicht gibt es keine landesweit gültigen Erklärungen für eine höhere oder niedrigere Betroffenheit in den unterschiedlichen Regionen“, heißt es aus dem Ministerium.

Die Experten des Landes NRW glauben eher an die Theorie, dass besondere lokale und regionale Ereignisse entscheidenden Einfluss auf die Verbreitung des Coronavirus gehabt haben. Sie verweisen wie Fried auf die Karnevalssitzung in Gangelt, die verantwortlich dafür war, dass der Kreis Heinsberg zu einem Epizentrum der Epidemie in Deutschland wurde. In Castrop-Rauxel oder dem Kreis Recklinghausen gab es ein solches Ereignis nicht.

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