Damit das Sterben leichter wird: Dr. Anton Preissig und Kollegen können helfen

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Das Palliativnetzwerk hilft in Castrop-Rauxel Menschen, die wissen, dass sie bald sterben. Kaum einer kennt es. Christel Sperz auch nicht - bis sie Hilfe brauchte. Heute ist sie dankbar.

Castrop-Rauxel

, 17.03.2020, 19:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Das Palliativnetzwerk hilft in Castrop-Rauxel Menschen, die sterben müssen, und ihren Angehörigen. Dass kaum einer davon weiß, dass es das gibt, ist ein Problem. Denn die Hilfe, die es leisten kann, ist unersetzlich. Christel Sperz weiß das aus eigener Erfahrung. Als sie Hilfe brauchte, war Dr. Anton Preissig für sie da.

Ihr Mann Hans-Peter war im Sommer 2019 schwer erkrankt. Es zeichnete sich schnell ab, dass er nicht mehr lange leben würde. An Silvester starb er im Alter von 76 Jahren. Er schlief ruhig ein. Dr. Preissig stellte den Totenschein aus. Es war sein vorerst letzter Termin bei den Eheleuten Sperz in Rauxel. Über die sechs Monate vorher sagt Christel heute: „Er hat mir jede Hilfe angedeihen lassen. Ich fühlte mich sicher, denn er wäre sofort gekommen, wenn ich ihn gebeten hätte.“

Juli 2019: Der Anfang vom Ende

Es war Juli 2019, als Hans-Peter Sperz immer weniger Appetit verspürte. Der Mann, der schon unter einer Demenz litt, aß immer weniger, am Ende nur noch eine Kleinigkeit. „Er bekam einfach nichts mehr runter“, so Christel Sperz. Sie gingen zum Arzt, mussten ins Prosper-Krankenhaus nach Recklinghausen, er wurde untersucht - und bekam die schlimme Diagnose: Es ist Bauchspeicheldrüsen-Krebs. Und zwar in einem unheilbarem Stadium.

Seine Prognose: ein paar Wochen, maximal aber ein halbes Jahr, sagten die Ärzte. Und das auch nur, wenn er einen Stent gelegt bekäme. Das ist praktisch eine Umleitung, um den zugewucherten Zwölffingerdarm herum. Nach knapp zwei Wochen und einer erfolgreichen OP wurde er entlassen. In der Zeit knüpfte seine Frau Christel aber wertvolle Kontakte.

„Im Krankenhaus bin ich von einer Sozialarbeiterin auf das Palliativnetzwerk hingewiesen worden“, erzählt sie heute: „Sie gab mir Telefonnummern. Ich habe mich da gleich angemeldet. Noch am selben Wochenende wollte direkt ein Arzt kommen - das war Anton Preissig.“ Gleich am Montag kam er zu Besuch.

500 bis 600 Totenscheine im Jahr

Dr. Anton Preissig ist im Palliativnetzwerk einer von mehreren Fachärzten, die ambulante palliative Betreuung leisten. Der Allgemeinarzt, niedergelassen in Herne, ist seit zehn Jahren im häuslichen Umfeld und in Seniorenzentren für sterbenskranke Menschen zuständig. Er sagt: „Ich fülle 500 bis 600 Totenscheine im Jahr aus.“

Preissig las damals die Diagnose, erzählt Christel Sperz. Sie sprachen miteinander über eine mögliche Schmerzmittelmedikation. Und: „Er hat mir gleich als erstes ein Präparat zum Appetitanregen gegeben. Mein Mann konnte wieder essen und hat schnell fünf, sechs Kilo zugenommen. Er fühlte sich wieder fit und konnte wieder raus.“ Und Schmerzen hatte er auch nicht, trotz des Tumors.

„Ich habe den Arzt auch mal spät abends oder am Wochenende angerufen, um mir Rat zu holen – auf einer Handynummer. Den kann man immer erreichen“, sagt Christel Sperz. „Zum Beispiel, dass man die Dosierung um eine Tablette erhöht. Oder wenn mein Mann unruhig war, verschrieb er mir ein Medikament, schickte es per Fax direkt an die Apotheke und ich musste nicht mehr extra zum Arzt, sondern konnte es direkt abholen. Sie hätten es sogar gebracht.“

„Eine schöne, ruhige Zeit“

Jetzt, wo ihr Mann tot ist, sagt sie: „Wir hatten die letzten sechs Monate seines Lebens eine schöne, ruhige Zeit – und ich konnte mir immer helfen lassen.“

Das Palliativnetzwerk, das diese Hilfe gewährleistet, führt aber ein stiefmütterliches Dasein. Das sagt zumindest der Arzt. 50 bis 70 Prozent der Menschen, sagt Anton Preissig, wollen zu Hause sterben. Die Realität aber sei: 50 bis 70 Prozent der Menschen stürben in Altenheimen. Nur sehr wenige stürben heute im Krankenhaus – „das war vor 20 Jahren noch ganz anders“.

Der Arzt Anton Preissig kümmert sich im Palliativnetzwerk darum, Menschen in den Tod zu begleiten.

Der Arzt Anton Preissig kümmert sich im Palliativnetzwerk darum, Menschen in den Tod zu begleiten. © Tobias Weckenbrock

Kurz vor dem Tod würden heute viele Menschen aus den Kliniken entlassen - wohl auch, um die Statistik zu verbessern, sagen Kritiker. Der Arzt hat zwei Beispiele aus den Castrop-Rauxeler Krankenhäusern: „Ohne Medikamente ging es an einem Dienstag für einen Menschen zurück aus der Klinik ins Heim. Zum Sterben. Mittwochmorgen war die Person tot“, so Preissig. Eine falsche Entscheidung? „Ich finde richtig, dass die Leute nach Hause entlassen werden, aber nicht, dass man sie darauf nicht richtig vorbereitet.“

Kritik und Respekt unter Ärzten

Eine andere Geschichte aus der anderen Castrop-Rauxeler Klinik: Eine ältere Dame habe Herz-Insuffizienz und Luftnot gehabt. „Ich habe zu den Ärzten dort gesagt: Geben Sie ihr Morphium.“ Nichts sei geschehen, man habe herumgedoktert. „Ein paar Tage später haben wir dann den Rettungsdienst gerufen. Die Frau ist nach Hause gebracht worden, und wir konnten sie angemessen behandeln.“

Er schätze die Arbeit der Kliniken sehr, sagt Preissig. Konkret die der Castrop-Rauxeler Krankenhäuser, unterstreicht er. Aber: „Viele Ärzte verstehen das Problem nicht, dass da jemand liegt, der keine Untersuchung braucht, sondern einfach nur ein Medikament gegen seine Luftnot.“

Inzwischen seien Seniorenheime relativ gut darauf vorbereitet. „Sie haben heute Personal, damit dort gestorben werden kann. Auch Hausärzte haben erkannt, dass Leute zu Hause sterben können, auch relativ friedlich.“

Der Hausarzt ist der Lotse

Fast alle Hausärzte, so Preissig, schalteten heute die Palliativexperten ein. Der Hospizdienst der Caritas und ein Palliativpflegedienst sind Teil des Netzwerkes. Zuwendung, die vor allem der Hospizdienst leistet, sei sehr wichtig in dieser Lebensphase, aber auch eine Medikamenten-Versorgung, die die Symptome der Erkrankung mildert. Anton Preissig sagt: „Wenn Sie Schmerzen haben, brauchen Sie keine Zuwendung. Das kann die Person nicht annehmen. Wenn sich den ganzen Tag jemand übergibt, muss man erst das Problem beseitigen.“

Schmerzen dagegen müsse man heute nicht mehr haben. „Ich habe zehnmal so viel Morphium in meiner Tasche wie der Notarzt“, erklärt Dr. Anton Preissig.

Sein Ziel formuliert der Arzt so: „In 15 Jahren, wenn ich in Rente gehe, will ich, dass jeder das Palliativnetzwerk kennt. Wir sind die Generation, die stirbt, wenn es keine Pflege mehr gibt.“ Und wer springt dann ein?

Als er nicht mehr atmete...

Hans-Peter Sperz starb Silvester. Er schlief ruhig ein. „Als er nicht mehr atmete“, sagt Christel Sperz, „habe ich Dr. Preissig angerufen. Er ist dann sofort gekommen und hat den Tod diagnostiziert.“ Für ihn ein Fall von Hunderten. „Ehrlich, ich könnte das nicht, was der Mann tut“, sagt Christel Sperz, „das muss man aushalten können.“ Sie halte ihn für sehr kompetent. „Er hat mir nicht ein einziges Mal was Falsches gesagt und hat immer genau richtig gelegen mit seinen Dosierungshinweisen.“

Ihr Mann ist tot. Christel Sperz feierte am vergangenen Wochenende ihren 70. Geburtstag. Sie schaut mit ihren Kindern und der ganzen Familie positiv nach vorn. Eines aber ist ihr ein großes Anliegen, da ist sie mit Dr. Anton Preissig absolut einig: Sie möchte, dass die Castrop-Rauxeler das Palliativnetzwerk kennen - und zwar am besten, bevor sie es brauchen.

Zur Sache

So kommt man in Kontakt zum Netzwerk

  • Das Palliativnetzwerk Herne, Wanne-Eickel und Castrop-Rauxel kümmert sich um Fälle wie den von Familie Sperz. Initiator sollte immer der Hausarzt sein. Bei dem kann man im Zweifel auch selbst nachfragen.
  • Es gibt auch eine telefonische Hotline: Tel. 0800 / 900 91 91 (Täglich von 9 bis 17 Uhr. Die Netzwerk-Hotline ist aus dem deutschen Festnetz kostenlos. Wer betreut wird, hat aber recht schnell auch direkten Kontakt zu Palliativpflegedienst, Arzt und den anderen Hilfen, die das Netzwerk verknüpft.
  • Es gibt auch eine hilfreiche Website mit vielen Infos: www.palliativ-netzwerk.de
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