Wenn man in Castrop-Rauxel an Disco denkt, denkt man an das Spektrum. 1982 am Westring eröffnet, musste Heribert Seck den Laden im Jahr 2011 endgültig dicht machen. Und auch der Isi-Treff ist Geschichte.

Castrop-Rauxel

, 27.07.2018, 12:34 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Rock-Disco am Westring war für Generationen von jungen Castrop-Rauxelern unverzichtbares Ziel am Wochenende. Bis zu 1500 Feiernde passten dort hinein. Nach 25 Jahren war dann 2007 Schluss. Kurzzeitig versuchten sich am selben Standort zwei andere Betreiber mit der Disco MT-one, mussten aber nach kurzer Zeit aufgeben. Ex-Betreiber Heribert Seck ließ das Spektrum daraufhin noch einmal aufleben, aber 2011 gingen endgültig die Lichter aus.

Wie dem Spektrum ist es in den vergangenen Jahren vielen Clubs und Großraumdiskotheken in Nordrhein-Westfalen ergangen. Die Partynächte von früher sorgen heute bei denen, die sie damals erlebten, für nostalgische Gefühle. In den einschlägigen Facebook-Gruppen tauchen regelmäßig alte Werbeanzeigen, Fotos und manchmal auch Videos der heiß und innig geliebten Kultlokale auf und sorgen für Gesprächsstoff.

Die legendäre Diskothek Bonanza

So aktuell auch die Dortmunder Diskothek Bonanza, die 1967 bis 1985 im Stadtteil Mengede der magische Treffpunkt der Jugend aus der Region war. Helmut Rathjen war über 18 Jahre der Betreiber des Kultschuppens, dessen Spezialität Auftritte der damals namhaftesten Beat-Bands waren. Für das Aus der Diskothek gab es mehrere Gründe: Unter anderem stand damals ein großflächiger Ausbau des Gebietes rund um den Laden an, aber befürchteten Behörden auch, dass durch einen eingebrochenen Stützpfeiler im Innenraum die Tragfähigkeit des Daches nicht mehr ausreichend gegeben sein würde.

Das Bauamt ließ das Bonanza daher schließen. In Castrop-Rauxel hat es nach dem Spektrum-Aus keinen echten Versuch mehr gegeben, eine neue Diskothek an den Start zu bringen. Ebenfalls seit 1982 gab es in Ickern noch den Isi-Treff als Anlaufstelle für tanz- und feierwütige Castrop-Rauxeler. Gerade Ende der 90er-Jahre war der Club angesagt. Schlagerstar Olaf Henning etwa erinnerte sich noch 2016 daran, dass er in der Diskotheken-Zeit Ende der 90er „ja praktisch wöchentlich“ im Isi-Treff aufgetreten sei. Doch auch in Ickern war schließlich Ende mit Disco.

Das Disco-Fieber ist in Castrop-Rauxel längst abgeklungen

Das legendäre Spektrum am Westring machte 2011 endgültig zu. © foto: schlehenkamp

Selbst in Mengede nochmal als Diskobetreiber in Erscheinung zu treten, war für Helmut Rathjen nie wieder ein Thema. „Ich hatte bemerkt, dass sich da was gewandelt hatte“, sagt Rathjen. Die Leute seien immer mehr und immer öfter in große Hallen abgewandert, um Konzerte der Lieblingsbands zu besuchen. Die blieben dem Bonanza ebenso fern wie jene, die die Neue Deutsche Welle für sich entdeckt hatten. „NDW, haben wir uns geweigert, zu spielen. Bei uns war R’n’B, Soul oder Beat angesagt“, sagt der ehemalige Gastronom. Ärger mit Behörden und immer neue Bestimmungen hätten den Spaß zunehmend verhagelt. „Früher, da reichte es, wenn man die Musik liebte und eine Portion Glück auf seiner Seite hatte. Aber die Zeiten waren schon Mitte der 1980er-Jahre dann vorbei.“

Dem stimmt Stephan Büttner uneingeschränkt zu. Von einem „Diskothekensterben“, will der Geschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Diskotheken und Tanzbetriebe (BDT) im Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) aber nicht sprechen. „Wir erleben hier in den vergangenen Jahrzehnten eine Marktbereinigung, die in absehbarer Zeit wohl ihre Talsohle erreichen wird“, sagt Stephan Büttner.

2011 gab es noch noch 2259 Discos bundesweit

Laut einer Statistik des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dohega) gab es bundesweit 2011 noch 2259 Disco- und Tanzbetriebe, 2016 waren es dann schon nur noch 1986. Aktuell gibt es laut dem BDT-Geschäftsführer circa 1500 Tanzlokale. Gesonderte Zahlen für die einzelnen Bundesländer hält man beim Verband nicht bereit.

Vor allem die Großraumdiskotheken mit mehreren tausend Quadratmetern Fläche und mehreren Hallen hat der Tod ereilt. „Denn große Läden verursachen ebenso große Kosten. Wenn da die Tanzflächen nicht mehr voll werden, können laufende Kosten nicht mehr erwirtschaftet werden“, meint Büttner. Der Trend gehe aber in den vergangenen Jahren auch mehr in Richtung kleinere Clubs. Und: „Es überleben nur noch professionell geführte Lokale dauerhaft, deren Betreiber Trends nicht verschlafen. Denn wer pennt, kann schnell seine Existenz verlieren“, sagt Stephan Büttner.

Das Ausgehverhalten hat sich verändert

Ein verändertes Ausgehverhalten und eine Vielzahl von Freizeitangeboten über die traditionellen Diskotheken und Clubs hinaus, hätten dem Überangebot, das lange bestand, den Garaus gemacht. „Einfach Musik zu spielen und die Türen zu öffnen, reicht schon lange nicht mehr aus“, sagt Büttner. Und Einzelpersonen könnten das, was die Branche Betreibern mittlerweile abverlange, schon gar nicht mehr stemmen. „Das fängt schon bei den Investitionen in die Technik an. Mehrere Millionen Euro müssen da rein-gesteckt werden, die man erst Jahre später wieder erwirtschaftet hat, wenn der Laden denn stabil läuft. Und dafür braucht es Ahnung von Marketing, Buch- und Betriebsführung, rechtlichen Rahmenbedingungen und vielem mehr. Schnellschüsse kann man da vergessen.“

Wer sich nicht regelmäßig mit Kollegen austausche und Fortbildungen besuche, manövriere sich als Betreiber unweigerlich ins Aus. Obschon die Zahl der Tanzbetriebe massiv zurückgegangen ist, strahlt man beim Branchenverband Optimismus aus: Auch in Zeiten der Digitalisierung, von Online-Kennenlernportalen und weiteren Mitbewerbern um die Gunst der 18- bis 25-Jährigen verweist Stephan Büttner darauf, dass der Besuch von Diskotheken und Clubs nach wie vor an der Spitze der Freizeitaktivitäten stehe. „Von den 6,5 Millionen jungen Menschen in Deutschland gehen an den Wochenenden gut 1,5 Millionen regelmäßig in die Clubs.“ Von Ausgehmüdigkeit könne daher nicht die Rede sein.

Inzwischen sind Shishabars Mitbewerber

Der Club „Franz von Hahn“ in Menden ist beispielsweise einer dieser kleineren Lokalitäten, die die jungen Leute aus Dortmund, dem Kreis Unna und dem Sauerland regelmäßig ansteuern. Seit 2014 betreiben Fabian Kärnbach und Phillip Nieland den Club. „Dass der Laden läuft, ist keine Selbstverständlichkeit. Wir leben in einer Event-Gesellschaft und es ist einfach nicht mehr möglich, den Leuten 10 Euro Eintritt abzunehmen und ihnen keinen besonderen Mehrwert zu bieten“, sagt Phillip Nieland.

Das Disco-Fieber ist in Castrop-Rauxel längst abgeklungen

Den Disco-Fans in Castrop-Rauxel sind in der Europastadt nur noch die gelegentlichen Spektrum-Partys im Haus Oe auf Schwerin geblieben. © Christian Püls

Als Clubbetreiber trete man mittlerweile gegen alternative Mitbewerber wie Shishabars an, das habe Auswirkungen auf den Besucherstrom. „Klar, wenn es darum geht, das zu spielen, was die Leute hören wollen, dann kann man sich auch an den Spotify-Charts orientieren, aber bis zu 80 Prozent werden die gerade von Hip-Hop dominiert. Und das ist keine Clubmusik.“ Kurzlebige Hypes erschwerten es, am Zeitgeist zu bleiben mit dem Programm. „Da fährt man besser, wenn man weniger Veranstaltungen bringt, aber dafür gezielt Highlights setzt“, sagt der Clubbetreiber. Was gut laufe, das seien gerade auch immer noch die Retro-Partys, auf denen Musik der 90er- und frühen 2000er-Jahre laufe. Mit Gästen wie Olli P. oder Evil Jared, dem Ex-Bassisten der in den 1990ern beliebten Band „The Bloodhound Gang“ schaffe man attraktive Formate, die auch Disco-Muffel und Besucher über 30 in den Club holten.

Revival-Partys kommen sehr gut an

Was den Castrop-Rauxeler Diskotheken-Fans vor Ort geblieben ist, sind die „Spektrum-Revival“-Partys im Haus Oestreich. Bis zu 400 Leute kommen dort zu diesen Partys. Im April hat die 14. Auflage stattgefunden, die Wirt Alfred „Corny“ Hilpert und Martin Neumann, im Spektrum einst unter dem Spitznamen Teddy bekannt, am DJ-Pult auf die Beine stellten. Ein besonderes Lob gab es für die Party vom ehemaligen Spektrum-Geschäftsführer Gregor van Elsberg: „Eine tolle Party. Das ist fast wie früher.“

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