Die alte Eiche in Habinghorst rettet unser Überleben auch nicht

hzKolumne „Schroeter denkt“

Darf sie stehen bleiben oder nicht? Die alte Eiche in Habinghorst erhitzt die Gemüter der Menschen in Castrop-Rauxel. Ich sehe drängendere Probleme. Sie haben mit viel mehr Bäumen zu tun.

Castrop-Rauxel

, 01.04.2019 / Lesedauer: 4 min

So, ich mache mich hier jetzt mal so richtig unbeliebt: Die Zukunft der alten Eiche im Baugebiet an der Heerstraße ist mir nicht wirklich wichtig. Nicht, weil ich etwas gegen Bäume habe. Nicht, weil ich den Einsatz der Anwohner für diesen Baum nicht für beachtlich halte. Nicht, weil ich den Klimawandel negiere. Nein. All solche Gründe haben nichts mit meiner Haltung zu tun. Ich würde dem Baum gern noch weitere Jahrhunderte gönnen, den Anwohnern ihren Baum und dem Klima jedes Blättchen, das CO2 bindet.

Aber darum geht es hier nicht. Es geht um Symbolpolitik. Es geht um Verhältnismäßigkeit. Es geht um unsere Einstellung.

Der Regenwald wird Tag für Tag vernichtet

Etwa ein Drittel der Landfläche der Erde, mehr als vier Milliarden Hektar, sind Wälder. Sie beherbergen unzählige Tier- und Pflanzenarten, regulieren das Klima und speichern unsere Süßwasservorräte. Wälder sind zudem Lebensgrundlage für Millionen von Menschen.

Jährlich nimmt diese Waldfläche um durchschnittlich 13 Millionen Hektar ab. Dies entspricht rund 35 Fußballfeldern pro Minute. Der Regenwald wird geopfert für Tropenholz, Papier, Umwandlung in Ölpalm- oder Sojaplantagen, Rinderweiden oder zur Ausbeutung von Bodenschätzen wie Eisenerz, Gold, Öl oder Gas oder zum Bau von Großstaudämmen. (Quelle WWF)

In Deutschland sind Millionen Bäume tot

Wer lieber nach Deutschland sieht und dem WWF nicht traut: Hier berichtet die Bild-Zeitung über das „Das neue Waldsterben – Es ist eine Jahrhundert-Katastrophe“: „Erst der große Schaden durch die Stürme („Xavier“, „Herwart“ und „Friederike“), dann kam die extreme Dürre, und jetzt auch noch der gefräßige Borkenkäfer. Viele Millionen Bäume im Land sind tot, müssen gefällt werden. ‚Es ist eine Jahrhundertkatastrophe, wir werden bald überall im Land großflächige Kahlschläge haben‘, sagt Philipp Freiherr zu Guttenberg, Präsident der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände (AGDW) zu BILD.“ So stand es im November 2018 im Boulevard-Blatt.

Waldbrände richten Milliardenschäden an

Lieber ein Versicherungsbericht? Hier ein dpa-Artikel im Spiegel über die Waldbrände in Kalifornien 2018: „Für die Versicherungsbranche waren die Waldbrände in Kalifornien im vergangenen Jahr die schwersten Feuer aller Zeiten. Der weltgrößte Rückversicherer Munich Re hat die gesamtwirtschaftliche Schadenssumme nun auf 24 Milliarden Dollar beziffert, ein Vielfaches der bei Feuern üblichen Summe. Davon waren 18 Milliarden Dollar versichert.

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‚Diese Waldbrände waren ein neuer Schadenrekord, auch mit knapp 100 Todesopfern ein trauriger humanitärer Höchststand‘, so Ernst Rauch, Chef der Klimaforschungsabteilung des Unternehmens. Davor habe es in dem US-Bundesstaat bereits 2017 Rekordschäden durch Waldbrände gegeben. Es gibt bei Naturkatastrophen immer wieder Ausreißer, aber zwei Jahre hintereinander ein Vielfaches der üblichen Schadenssumme, das ist besonders auffällig.“

Ist wirklich jeder gerettete Baum wichtig?

In Habinghorst kämpft man um eine Eiche. Das ist sicherlich redlich. Im Hambacher Forst haben Menschen um ein Waldstück von der Größe von 100 Fußballfeldern gekämpft. Das war redlich. Auch wenn man über die Art des Kampfes trefflich streiten kann. Auf beiden Seiten. Baumschützer haben es 2018 in Düsseldorf geschafft, ein Konzert von Ed Sheeran zu verhindern. Für dessen Auftritt auf einem Parkplatz hatten 104 Bäume fallen sollen. Ein schöner, von viel Medienaufmerksamkeit begleiteter Erfolg.

Ist wirklich jeder gerettete Baum wichtig? Ich glaube: Bevor wir nicht unsere Einstellung zu unserer Welt ändern, können wir noch so viele Apfelbäumchen pflanzen und uns an Eichen ketten - es wird nichts ändern. So lange viel zu viele Menschen über eine Greta Thunberg dämliche Witze reißen, so lange Menschen, die es besser wissen sollten und sich die Bewahrung der Schöpfung auf ihre christlichen Fahnen geschrieben haben, die Jugendlichen von Fridays for Future diskreditieren, so lange Menschen das billige Rindfleisch auf ihrem billigen Burger wollen... So lange ist der Baum an der Heerstraße ein treffliches Feigenblatt.

Das interessiert uns einen feuchten Dreck

Warum geht hier niemand unter den Erwachsenen auf die Straße, um zu verhindern, dass tagtäglich auf der Welt knapp 500 Quadratkilometer Wald vernichtet werden? Weil wir nun mal gerade nicht in Brasilien spazieren gehen? Weil wir unser kleines Häuschen nicht in Kanada gebaut haben, wo auch die Urwälder gerodet werden? Auf Vancouver Island sollen bereits 90 Prozent der Baumriesen verschwunden sein. Diese Bäume fallen für uns. Weil wir weiter konsumieren, auf Teufel komm raus. Weil wir im Überfluss leben müssen.

Also, liebe Castrop-Rauxeler: Bitte nicht missverstehen, ich würde die Eiche gern am Leben erhalten. Aber an der Eiche in Habinghorst hängt nicht unser Überleben. Das wird anderswo massiv aufs Spiel gesetzt. Aber das interessiert viele von uns einen feuchten Dreck.

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