„Drachenläufer“-Regisseur: WLT-Schauspieler sollen „heulen und schreien“

Westfälisches Landestheater

Das Westfälische Landestheater bringt einen Weltbestseller in Deutscher Erstaufführung auf die Bühne: „Drachenläufer“ von Matthew Spangler. Wir hatten Regisseur Gert Becker im Interview.

Castrop-Rauxel

von Allessia Vit, Janine Jähnichen

, 25.11.2019, 16:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
„Drachenläufer“-Regisseur: WLT-Schauspieler sollen „heulen und schreien“

Regisseur Gert Becker ist für die Inszenierung von "Drachenläufer" verantwortlich. Er hat bereits mehrere Stücke auf die Castrop-Rauxeler Theaterbühne gebracht. © Volker Beushausen

Amir und Hassan wachsen in Kabul Mitte der 1970er-Jahre wie Brüder auf. Ihrem Gefühl der tiefen Verbundenheit kann niemand etwas anhaben. Bis zu dem Moment, in dem Amir ein Verbrechen an seinem Freund Hassan beobachtet, aber zu feige ist, ihm zu helfen.

Regisseur Gert Becker, der am WLT unter anderem „Er ist wieder da“ und „Unterwerfung“ inszenierte, freut sich, mit der Aufführung von „Drachenläufer“ wieder in Castrop-Rauxel zu sein und spricht im gemeinsamen Interview mit Dramaturg Christian Scholze über sein neuestes Projekt.

Das Buch „Kiterunner“ erschien 2003, der gleichnamige Film kam 2007 in die Kinos. Wieso lohnt es sich, den Titel jetzt auf die Bühne zu bringen?

Christian Scholz: „Drachenläufer“ ist eine zeitlose Geschichte, die elementar menschliche und existenzielle Fragen behandelt. Themen wie Verbundenheit, Schuld und Familie sind universell. Es ist eine zutiefst menschliche Geschichte. Außerdem gibt es viele Parallelen zu unserer Gesellschaft. Wenn man sich etwa die Schicksale der Kinder ansieht, die in Afghanistan aus den Familien geholt werden, um für Männer zu tanzen und dann von ihnen missbraucht werden, findet man hier ähnliche Tragödien.

Gert Becker: Gerade was den Schauplatz – Afghanistan – angeht, hat die Geschichte für mich sogar an Aktualität gewonnen. Ich sehe das heute brennender denn je. Das ist ja genau unser Thema: „Wie geht es den Menschen dort?“. Alle haben gejubelt, als die Taliban kamen und was war die Folge? Eine Katastrophe! Bis heute. Es kommen so viele tagesaktuelle Themen in dem Stück vor, wie Migration oder Flucht.

Wie haben Sie all diese verschiedenen Themen in den Proben erarbeitet?

Gert Becker: Als Theatermacher finde ich es toll, dass man hier nicht nur über den Kopf, sondern vor allem über die Gefühle dem Stück Ausdruck verleihen kann. Ich habe die Schauspieler dazu animiert, sich fallen zu lassen. Auch mal in den Proben zu heulen oder zu schreien. Das Stück darf keinen Moment der Ruhe haben. Der Haken an der Theaterfassung ist der Erzähler, durch den der Fluss der Erzählung ins Stocken geraten könnte. Ich versuche Oliver (Anm.d.Red.: Oliver S. El-Fayoumy) klarzumachen, dass er den Fortgang der Geschichte dem Publikum nicht einfach nur erzählen darf, sondern, dass er das, was er erzählt, wieder durchleben muss. Es darf gefühlsmäßig keine Pausen geben.

Die Geschichte ist teilweise sehr brutal. Hilft die Schattenwand dabei, gewisse Szenen auf der Bühne umzusetzen?

Gert Becker: Absolut! Sie kann Szenen sogar noch verstärken, wie etwa die Vergewaltigungsszene von Hassan. Davor hatte ich ehrlich gesagt ein wenig Angst, denn normalerweise verbindet man mit Schattenspiel etwas Schönes. Es hat sich aber gezeigt, dass es auch mit den schlimmen Szenen funktioniert. Beim Publikum passiert viel mehr im Kopf, wenn es nur den Schatten sieht. Es sieht viel mehr als wir letztlich auf der Bühne zeigen.

Christian Scholze: Wenn die Szene nur erzählt werden würde, ohne Schatten, wäre die Wirkung definitiv nicht so stark.

„Drachenläufer“-Regisseur: WLT-Schauspieler sollen „heulen und schreien“

Oliver S. El-Fayoumy als Amir und Franziska Ferrari als junger Amir aus dem Ensemble des WLT Castrop-Rauxel bei den Proben zum Stück "Drachenläufer". © Volker Beushausen

Viele Zuschauer werden sicherlich das Buch oder den Film kennen. Warum eignet sich das Stück auch für alle anderen?

Christian Scholze: Ich finde, es eignet sich gerade für diejenigen. Sie werden von der Emotionalität der Inszenierung überrascht sein und umgehauen werden.

Gert Becker: Das hoffe ich. Das Publikum, das ganz unbedarft in die Vorstellung geht, wird - das wünsche ich mir zumindest - von seinen Gefühlen übermannt werden. Ich bin auf die Reaktionen der Zuschauer sehr gespannt.

Informationen zur Premiere

  • Die Premiere am Samstag, 30. November um 20 Uhr in der Stadthalle Castrop-Rauxel ist bereits restlos ausverkauft.
  • Für die Vorstellungen am 20. und 21. Januar 2020 im WLT-Studio gibt es noch Karten.
  • Einen exklusiven Preisvorteil erhalten alle, die ein WLT-Weihnachtsabo buchen. Denn zu den darin enthaltenen fünf Vorstellungen („Verräter“, „Die Mitwisser“, „Romy Schneider – Das Leben einer Ikone“, „Good Morning, Boys And Girls“ und „Musikladen“) für 72 Euro (ermäßigt 61 Euro) gibt es zusätzlich für eine Vorstellung von „Drachenläufer“ zwei Karten zum Preis von einer.
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