In Brüssel sucht man Wege, allen Menschen Zugang zu Trinkwasser zu gewähren. Die Folgen wirken sich auch auf Castrop-Rauxel aus. Sie betreffen Landwirte, aber auch alle anderen Bürger.

Castrop-Rauxel

, 19.04.2019 / Lesedauer: 6 min

Nicht alles, was mit Trinkwasser zu tun hat, ist einfach erklärt. Entscheidend bei allem ist: Wasser wird nicht verbraucht, es wird gebraucht. Doch unsachgemäßer Gebrauch kann Wasser unbrauchbar machen.

Aber fangen wir zunächst mal an mit einer simplen Aufzählung von Fakten an:

  • 121 Liter Trinkwasser verbraucht jeder Bundesbürger laut Statistik im Durchschnitt täglich.
  • Für sein Trinkwasser zahlt jeder Bürger im Durchschnitt 30 Cent täglich, 9,19 Euro monatlich.
  • Für die rund 5 Euro, die ein durchschnittlicher Kasten Mineralwasser kostet, bekommt man nach Angaben des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU) durchschnittlich 2495 Liter frisches Trinkwasser aus dem Wasserhahn.
  • Im Haushalt wird nach Angaben des Umweltbundesamtes durchschnittlich der höchste Wasseranteil für die Körperpflege (Baden, Duschen) genutzt (36 Prozent).
  • Die Toilettenspülung beansprucht 27 Prozent und Wäsche waschen 12 Prozent.
  • Mit den Wasser- und Abwasserentgelten dürfen die Städte und Gemeinden keine Gewinne erzielen, sondern haben alle Kosten abzudecken, die ihnen von Verbänden der Wasserversorgung und -entsorgung in Rechnung gestellt werden beziehungsweise ihnen selbst entstehen.
  • Castrop-Rauxel ist in Sachen Trinkwasser eine geteilte Stadt. Der Norden bezieht Wasser aus dem Halterner Stausee. Dazu zählen Becklem, Bladenhorst, Habinghorst, Henrichenburg, Ickern und Pöppinghausen sowie in Rauxel nördlich von Europaplatz und Grutholzallee, in Castrop an Ahornstraße, Birkenstraße und Buchenstraße. Der Süden wird aus der Ruhr versorgt.

Ein Dutzend Fakten zum Trinkwasser in Castrop-Rauxel und seinem Schutz durch die EU

Auf dieser Grafik erkennt man die alte und die neue Wassergrenze: Der Norden bekommt Wasser aus dem Halterner Stausee, der Süden Wasser aus der Ruhr. So erklären sich auch die verschiedenen Werte unseres Leitungswassers. © Grafik: Sauerland

Und jetzt wird es komplizierter: Weil Flüsse und Grundwasserströme keine Landesgrenzen kennen, wird auf EU-Ebene beschlossen, was zum Trinkwasserschutz getan werden muss. Die Europäische Union also beeinflusst stark, was mit unserem Wasser passiert.

„Trinkwasser ist das Lebensmittel Nummer eins. Es muss auch künftig ein Leben lang bedenkenlos getrunken werden können. Dafür muss die Sicherung der Trinkwasserqualität an erster Stelle stehen, wenn Gesetze überarbeitet werden“, sagt Katherina Reiche, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU). Die EU-Trinkwasserrichtlinie legt Mindestqualitätsstandards für Wasser fest, um die Bürger vor Kontamination zu schützen. Zudem regelt die Nitrat-Richtlinie, wie es um unser Grundwasser bestellt sein muss.

Unser Trinkwasser, aus verschiedenen Perspektiven betrachtet:

Einfluss der EU.

Ulrich Peterwitz leitet bei der Gelsenwasser AG, die auch die Haushalte in Castrop-Rauxel versorgt, die Abteilung Wasserwirtschaft. Er hat immer ein Auge auf die EU-Entscheidungen in Brüssel, vor allem über die Mitarbeit in Verbänden der Energie- und Wasserwirtschaft. „Wir sind unmittelbar davon betroffen“, sagt der Geologe. Der Einfluss der EU sei groß. Ob Wasserrahmenrichtlinie, Nitrat-Richtlinie oder Trinkwasser-Richtlinie – Änderungen auf EU-Ebene schlagen in der Gesetzgebung auf Bundes- und Landesebene hierzulande durch und betreffen so jeden Fluss, jedes Rohr und jeden Wasserhahn in Nordrhein-Westfalen.

Zugang zu Trinkwasser.

Als Reaktion auf die Europäische Bürgerinitiative „Recht auf Wasser – Right2Water“ will die Kommission die EU-Mitgliedstaaten dazu verpflichten, den Zugang zu Trinkwasser zu verbessern und die Nutzung zu fördern, indem beispielsweise frei zugängliche Wasserspender an öffentlichen Plätzen in Städten, in Einkaufszentren und an Flughäfen bereitgestellt werden. Und: In der Gastronomie und in Kantinen soll Leitungswasser künftig gratis ausgeschenkt werden. Mehr als 1,8 Millionen Europäer haben bei der Europäischen Bürgerinitiative „Recht auf Wasser“ unterschrieben. Auch die Vereinten Nationen und das Europäische Parlament hatten die Kommission aufgefordert, sicheren Zugang zu sauberem Wasser als Menschenrecht festzuschreiben.

In Castrop-Rauxel gibt es bis dato kaum Trinkwasser-Spender in öffentlichen Einrichtungen. Die Stadtverwaltung antwortet auf eine Anfrage, dass es von Seiten der Stadt keine gebe, im Rochus-Hospital bietet man den Patienten statt Spendern Wasserflaschen an. Im EvK gibt es Wasserspender, an denen sich Patienten, Besucher und Mitarbeiter bedienen können.

Nitrat im Grundwasser.

Nitrat ist für die Wasserversorger eines der gravierendsten Probleme. An 28 Prozent der Messstellen in Deutschland wurden laut einem Bericht von 2016 mehr als 50 Milligramm Nitrat gemessen. Grundlage ist die Nitrat-Richtlinie der EU. Seit Jahren gibt es Anstrengungen von Behörden, der Landwirtschaft und der Wasserwirtschaft, die Belastung zu reduzieren. Doch es reicht nicht, darauf hat die EU mehrfach hingewiesen, Besserung angemahnt, 2017 Deutschland wegen der Nichteinhaltung verklagt und vor dem Europäischen Gerichtshof Recht bekommen. Schon vor der Klage hatte Berlin mit einer neuen Düngeverordnung auf Mahnungen aus Brüssel reagiert. Kritiker sagen, die Verordnung sei durch die mächtige Agrarlobby verwässert worden. Jetzt muss die Düngeverordnung nochmals nachgebessert werden.

„Ohne die EU hätten wir diese Überarbeitung der Düngeverordnung nicht“, sagt Gelsenwasser-Mann Ulrich Peterwitz über den großen Einfluss aus Brüssel.

Der Gehalt von Nitrat im Trinkwasser wird vor allem deswegen so streng kontrolliert, weil hohe Konzentrationen für Säuglinge gefährlich sind. Das Nitrat kann bei ihnen zu Nitrit umgewandelt werden, was die Sauerstoffaufnahme beeinträchtigen kann. Wegen der Risiken gibt es die EU-Grenzwerte: Eine Konzentration von über 50 Milligramm Nitrat pro Liter Wasser gilt als bedenklich.

Gefahr für das Trinkwasser.

Im Trinkwasser werden die Grenzwerte bis auf wenige Einzelfälle eingehalten, man kann es bedenkenlos trinken. Anders ist es beim Grundwasser (siehe Karte oben). Und Grundwasser ist das wichtigste Reservoir für Trinkwasser. Wenn es zu viel Nitrat enthält, müssen Wasserversorger es filtern, verdünnen, oder die Brunnen müssen tiefer werden. Und das ist teuer – letztlich für Verbraucher, denn es drohen höhere Wasserpreise. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) gehört zu den drängendsten Mahnern, das Düngen einzuschränken.

Jetzt muss die Politik nachlegen. Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat mit dem Umweltministerium einen Plan entwickelt, um die Nitratwerte zu senken. „Wir haben der EU-Kommission eine Aufzeichnungspflicht über die aufgebrachten Düngermengen vorgeschlagen, um damit die Einhaltung des ermittelten Düngebedarfs der landwirtschaftlichen Kulturen besser zu kontrollieren“, sagt Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU). „Wir werden unsere Landwirte bei der Umsetzung begleiten und unterstützen.“

Das Wasser in Castrop-Rauxel.

Bauern in Castrop-Rauxel haben kaum Probleme mit diesem Thema: Es gibt nur einen größeren konventionellen Schweinemastbetrieb, Landwirt Kremerskothen auf Schwerin. Die Menge an „organischem Dünger“, der Gülle, ist also überschaubar. Aber aus „dem Borkener Raum“, wie Ackerbauer und Ortslandwirt Heinrich Wiesmann sagt, einem Landstrich mit hohem Tierbesatz, komme das Überangebot ins Ruhrgebiet. „Wir bekommen die Gülle ausgefahren und bekommen dafür sogar noch Geld“, sagt Wiesmann. Er macht auch eine Rechnung auf: Während man heute ein Rekordniveau an Schweinen in der Schweinemast erreicht habe, aber etwa die Hälfte des Fleisches exportiere, halte man die Gülle im Land. Sie aber einfach in Massen auf die Felder zu kippen, sei gar nicht möglich: „Wir müssen Bodenuntersuchungen nachweisen, dürfen uns in der Hinsicht heute nichts erlauben.“ Man seiein „gläserner Landwirt wie noch nie“ geworden, so Wiesmann. „Wir haben auch nichts dagegen, aber der Verwaltungsaufwand ist eklatant hoch. Wir sind Büro-Landwirte.“

Den Stand der Dinge fasst er so zusammen: Auf Bundesebene arbeite man an der neuen Verordnung, ohne dass die erste überhaupt erst richtig umgesetzt sei. Zu viel Dünger schade nicht nur dem Wasser, sondern auch der Fläche – und Geld koste es auch. Man werde dauernd überprüft, müsse Wasser- und Bodenproben vorweisen. Jetzt aber steht die Düngeperiode an. „Wieviel dürfen wir eigentlich düngen?“ Eine Frage, die sich jeder Bauer stelle, aber die er in diese Findungsphase gerade nur schwer beantworten könne.

Kampf gegen Schadstoffe.

Die Trinkwasser-Richtlinie zielt nach Angaben des Europäischen Parlaments auch darauf ab, die Qualität des Leitungswassers zu verbessern, indem die Höchstwerte für Schadstoffe wie Blei (Reduzierung um die Hälfte) oder schädliche Bakterien verschärft werden und neue Grenzwerte für hormonwirksame Stoffe festgesetzt werden. Des Weiteren solle der Gehalt an Mikroplastik überwacht werden. „Einige Entscheidungen auf EU-Ebene unterstützen unsere Anstrengungen im Gewässerschutz“, sagt Ulrich Peterwitz. „In der Wasserrahmenrichtlinie gibt es zum Beispiel das Verschlechterungsverbot für Gewässer. An den Gewässerschutz müssen sich alle Akteure halten. Das ist gut für den Lebensraum, für die Qualität des Rohwassers und für die Trinkwasser-Gewinnung. Wir müssen weniger aufbereiten.“

Leitungswasser statt Plastikflaschen.

Die Trinkwasserrichtlinie soll das Vertrauen der Bürger in die Wasserversorgung stärken und die Verwendung von Leitungswasser zum Trinken fördern. Das könnte auch Abfall und den Verbrauch von Plastik reduzieren. Laut der Europäischen Kommission könnten Haushalte in der EU jährlich mehr als 600 Millionen Euro einsparen, wenn sie weniger abgefülltes Wasser verbrauchen. Zudem gehören Kunststoffflaschen zu dem Plastikmüll, der am häufigsten an europäischen Stränden angeschwemmt wird.

Lesen Sie jetzt