Ein Ire aus Castrop-Rauxel über den Brexit und die Angst vor dem neuen Nordirland-Konflikt

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„Das Problem mit der EU-Außengrenze wird überbewertet“: So beurteilt Paul Cullen die Lage zur geplanten Grenze zwischen Irland und Nordirland. Wie steht er generell zum Chaos um den Brexit?

von Dieter Duewel

Castrop-Rauxel

, 02.11.2019, 16:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein Brexit zu Halloween? Nein. Bis spätestens Ende Januar kommt es erst so - obwohl der britische Premierminister Boris Johnson den EU-Austritt seines Landes bis zum 31. Oktober versprochen hatte. Egal ob mit oder ohne Deal. Hauptstreitpunkt zwischen Großbritannien und der EU ist die künftige Regelung für die Grenze zwischen Irland und Nordirland.

Über dieses Thema und den Brexit allgemein sprach unser Mitarbeiter Dieter Düwel mit dem Mediziner Professor Paul Cullen, der aus Dublin stammt, aber vor 30 Jahren nach Deutschland kam und in Castrop-Rauxel wohnt.

Wie beurteilen Sie als gebürtiger Ire das Hickhack um den Brexit auf britischer Seite?

Meine Haltung ist etwas ungewöhnlich für einen Iren. Grundsätzlich sind Briten und Iren ja nicht die engsten Freunde, aber in diesem Fall muss ich die Engländer etwas in Schutz nehmen. Es wird oft behauptet, dass es den Briten nur ums Geld gehe. Das sehe ich nicht so, es geht ihnen vor allem um ihre Souveränität. Sie waren immer mit einem europäischen Wirtschaftsraum mit Handels- und Reisefreiheit einverstanden, mit einem europäischen „Super-Staat“ aber nicht.

Zur Person

Das ist Prof. Paul Cullen

  • Paul Cullen wurde 1960 in Dublin geboren.
  • Er kam vor 30 Jahren nach Deutschland, um eine Stelle an der Medizinischen Hochschule in Hannover anzunehmen, wo er auch promovierte.
  • Heute leitet Paul Cullen ein großes medizinisches Labor in Münster.
  • Zusätzlich hat er an der Universität in Hannover eine außerordentliche Professur inne und ist ehrenamtlicher Vorsitzender des Vereins „Ärzte für das Leben“.
  • Professor Cullen ist verheiratet und hat zwei Kinder.
  • Seine Frau Katja unterrichtet an der Sekundarschule Süd in Castrop.
  • Er besitzt die irische und deutsche Staatsbürgerschaft.
  • Paul Cullen interessiert sich sehr für historische und politische Themen und verfolgt die Brexit-Thematik sehr genau.

Was meinen Sie mit einem europäischen Super-Staat?

Ich bin Ire, aber auch überzeugter Europäer. Allerdings macht mich die Entwicklung der EU zu einem solchen Super-Staat nicht glücklich. Es wird zu viel von Brüssel aus den Mitgliedsstaaten auferlegt. Zum Beispiel kommt eine Vielzahl unserer Gesetze aus Brüssel. Bei den Brexit-Verhandlungen hätte ich mir von europäischer Seite etwas mehr Rücksichtnahme auf die britische Befindlichkeit und weniger Arroganz gewünscht. Da wäre möglicherweise noch etwas zu retten gewesen.

Im Referendum 2016 haben die Briten mit knapper Mehrheit entschieden, dass sie die Europäische Union verlassen wollen. Hat Sie das Ergebnis überrascht?

Der damalige Premierminister David Cameron hatte nicht damit gerechnet, dass sich eine Mehrheit für den Austritt aus der EU aussprechen würde. Das kam auch für die Deutschen sehr überraschend. Man hatte ein anderes Ergebnis erwartet. In den Medien wurde immer von einem knappen Ausgang des Referendums gesprochen. Das sehe ich aber anders. Immerhin war eine Mehrheit von 1,3 Millionen Briten für den Brexit.

Es gibt Forderungen nach einem zweiten Referendum, in der Hoffnung, dass sich die Briten dann für einen Verbleib in der EU entscheiden würden. Wie sehen Sie die Chancen?

Ich glaube nicht, dass sich die Briten zu einem zweiten Referendum überreden lassen werden. Ich bin sicher, der Ausgang einer solchen Abstimmung würde ähnlich sein. Das zeigen die letzten Umfragen.

Wer wird Ihrer Meinung nach unter einem Brexit am meisten leiden?

In den Medien wird oft ein düsteres Bild der britischen Wirtschaft nach einem Brexit gezeichnet. Ich glaube nicht, dass es zu einem Kollaps kommen wird. Sie ist seit der Abstimmung nur geringfügig langsamer gewachsen als die des Euroraums. Kurzfristig mag es zu Engpässen kommen, aber langfristig wird sich die Wirtschaft stabilisieren. Politisch ist es allerdings eine andere Sache: Mit Sicherheit werden die Spannungen im Dreieck London - Dublin - Belfast steigen. Außerdem bleibt abzuwarten, wie sich Schottland verhalten wird.

Sehen Sie mögliche Spannungen im Zusammenhang mit der Grenze zwischen Irland und Nordirland? Durch die Insel würde dann eine EU-Außengrenze verlaufen.

Das Problem wird überbewertet. Zwischen Schweden und Norwegen gibt es auch eine EU-Außengrenze, die deutlich länger ist als die Grenze in Irland. Dort gibt es keine Grenzposten, keine „harte Grenze“. Vielmehr wird der Warenverkehr elektronisch überwacht. Seit der Unabhängigkeit Irlands herrscht freier Personenverkehr zwischen Irland und dem Vereinigten Königreich. Das wird sich nach dem Brexit nicht ändern.

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Aber mögliche politische Spannungen sehen Sie schon kommen, oder?

Ich hoffe vor allem, dass der alte Nordirland-Konflikt nicht wieder aufbricht. Nur mit größter Mühe war es möglich, den Konflikt 1998 im Karfreitagsabkommen zu befrieden. Heute gibt es auf beiden Seiten immer noch Ressentiments, die nicht sehr tief unter der Oberfläche schlummern. Es wäre wirklich tragisch, wenn es wieder zu einem Ausbruch von Gewalt kommen würde.

Was glauben Sie, wie wird die „unendliche Geschichte“ des Brexits enden?

Ich hoffe, dass die Demonstrationen in London nicht ausufern. Wenn prominente Brexiteer-Parlamentarier wie Michael Gove und Jabob Rees-Mogg nur unter starkem Polizeischutz ihren Heimweg antreten konnten, letzterer in Begleitung seines 12-jährigen Sohns, macht mich das schon nachdenklich. Jetzt bleibt erst einmal abzuwarten, was die Neuwahlen am 12. Dezember bringen.

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