Inge Abresch, Gattin von Sammlungsgründer Werner Abresch, zeigt ein Brautkleid aus Fallschirmseide. Der Bräutigam hatte den Stoff seiner Braut aus Frankreich zur Anfertigung eines Hochzeitskleids schickte. Das Kleid wurde fertig, der Bräutigam aber fiel. Jahre später heiratete die Braut einen anderen Mann – in diesem Kleid. Es ist heute eines der herausragenden Stücke der Sammlung. Auch ein Castrop-Rauxeler Exponat ist dabei. © picture alliance/dpa
Haus der Geschichte

Einzigartige historische Sammlung: Eine Spur führt nach Castrop-Rauxel

Krieg, Gefangenschaft und ein sadistischer Feldwebel gehören zu der Geschichte, die sich um ein Exponat der einzigartigen Sammlung Abresch rankt. Auch Castrop-Rauxel spielt darin eine Rolle.

Über Jahrzehnte hat Pfarrer Werner Abresch (80) aus Wesel eine einzigartige Sammlung aufgebaut. Mehr als 2000 Objekte gehören dazu. Es sind Alltagsgegenstände aus den 1940er- und 50er-Jahren. Viele entstanden aus Kriegs- und Rüstungsmaterialien. Viele Objekte sind mit persönlichen Geschichten verbunden. Eine von ihnen führt nach Castrop-Rauxel.

Die Sammlung Abresch gilt als die wohl umfangreichste Privatsammlung ihrer Art und in ihrer historischen Bedeutung als einzigartig. In diesem Jahr wurde sie vom Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen erworben.

Diese Zigarettendose ist Bestandteil der Sammlung Abresch, die die Stiftung Haus der Geschichte NRW angekauft hat. In Castrop-Rauxel schenkte ein russischer Gefangener sie einem deutschen Soldaten.
Diese Zigarettendose ist Bestandteil der Sammlung Abresch, die die Stiftung Haus der Geschichte NRW angekauft hat. In Castrop-Rauxel schenkte ein russischer Gefangener sie einem deutschen Soldaten. © Stiftung Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen © Stiftung Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen

Als wichtigster Teil gelten die Notbehelfe, also die Gebrauchsgegenstände, die aus Kriegsmaterialien mit viel Erfindungsreichtum umfunktioniert wurden. Gasmasken wurden zu Kochgeräten, Stahlhelme zu Sieben oder Fallschirmseide zu einem Brautkleid. Andere Objekte erzählen berührende Geschichten aus den Kriegstagen. Dazu zählt eine hölzerne Zigarettendose.

Dank für den Schutz vor einem sadistischen Feldwebel

Werner Abresch zeigt sich als Sammler von Geschichten. „Jeder Gegenstand bekommt so ein Gesicht und eine Geschichte“, erklärt Inge Abresch, Ehefrau des Sammlers. „Es war ihm nie allein wichtig, den Gegenstand zu besitzen, es ging ihm um die Geschichte dahinter.“

So wie die Geschichte von dem Soldaten, der in Castrop-Rauxel von einem russischen Gefangenen ein handgeschnitztes Zigarettenetui als Geschenk bekam. Als Dank für den Schutz vor einem sadistischen Feldwebel. Auf Anfrage unserer Redaktion stellt Johannes Abresch, Sohn des Sammlers, Notizen des ehemaligen Besitzers zur Verfügung. Wie die hölzerne Dose in den Besitz von Werner Abresch kam, konnte sein Sohn nicht sagen.

In der Pressemitteilung des Hauses der Geschichte wird noch von einem aus Castrop-Rauxel stammenden Soldaten geschrieben. Der Bericht, mit Schreibmaschine auf einer Seite geschrieben, ist mit „Udo Schönhaar, Duisburg“ versehen. Er beschreibt hier, wie er als Soldat nach Castrop-Rauxel kam. Seine Einheit, bestehend vor allem aus „älteren Leuten, die bereits den Ersten Weltkrieg mitgemacht hatten, wurde zur Sicherung, Objektbewachung und zur Kriegsgefangenenbewachung eingesetzt.

„Ich schlug mit der Faust, in der sich noch der Torschlüssel befand, zu“

„Eines Tages wurde ich beauftragt, einen jungen Russen zu bewachen, der sich freiwillig meldete, gegen eine Vergünstigung, einem Berginvaliden eine Ladung Deputatkohle in den Keller zu schaffen“, heißt es in dem Bericht. Der Gefangene hatte sich etwas Brennholz besorgt und wollte es mit Erlaubnis des Soldaten ins Lager nehmen.

Über die Rückkehr ins Lager berichtet der ehemalige Soldat: „Ich hatte das Tor noch nicht aufgeschlossen, da kam ein älterer Feldwebel dazu, schlug den jungen Russen mit der Faust ins Gesicht und riss ihm das Holzbündel weg. Er schrie dabei ein russisches Schimpfwort, welches ich nicht verstanden habe. Es musste aber, wie ich später erfuhr, eine große Beleidigung sein. Als ich sah, dass meinem Gefangenen Blut aus Nase und Mund lief, brannten bei mir die Sicherungen durch; ich schlug mit der Faust, in der sich noch der Torschlüssel befand, zu.“

Der Feldwebel ging mit einem Kieferbruch k.o. zu Boden. Udo Schönhaar wusste, wie er schreibt, dass ihm wegen des Kapitalverbrechens das Kriegsgericht drohte. Doch er hatte Glück: Der Wachhabende erklärte, nichts gesehen zu haben. „Unser Hauptmann beendete die Angelegenheit auf seine eigene, wienerische Art. Der betreffende Feldwebel musste seine Meldung zurückziehen und angeben, er sei auf dem schlechten Lagerweg hingefallen.“

Der Bericht endet so: „Der junge russische Gefangenem der wie ich mich erinnere, aus Smolensk stammte, hat mir einige Zeit danach die selbstgemachte hölzerne Zigarettendose geschenkt zusammen mit einer Rubelmünze; letztere hatte er unerklärlicherweise in die Gefangenschaft retten können.“

Haus der Geschichte NRW

  • Das Haus der Geschichte NRW soll 2028 in Düsseldorf öffnen.
  • Das Museum wird im Behrensbau am Rheinufer neben der Staatskanzlei untergebracht, von 1946 bis 1953 Sitz der ersten Landesregierung.
  • Die Geschichte des Landes NRW darzustellen und anschaulich werden zu lassen, ist der Auftrag der Stiftung Haus der Geschichte, die 2019 errichtet wurde.
  • Die Jubiläumsausstellung „Unser Land. 75 Jahre Nordrhein-Westfalen“ ist die erste Ausstellung der Stiftung. Sie wird seit 27. August bis zum 23. Mai 2022 am späteren Sitz des Museums gezeigt.
Über die Autorin
Redakteurin für Castrop-Rauxel und den Dortmunder Westen

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