Kunden und Freunde verabschiedeten am Samstag (27.2.) die Habinghorster Geschäftsfrau Renate Schumacher (l.) in den Ruhestand. © Uwe von Schirp
Lange Straße

Emotionaler Abschied: Kunden danken der „Seele eines ganzen Stadtteils“

Nach 24 Jahren hat sich Renate Schumacher am Samstag aus dem Geschäftsleben in den Ruhestand verabschiedet – in einem Meer aus Blumen und Geschenken. Ein Vormittag voller Überraschungen.

Samstagvormittag (27.2.), Lange Straße in Habinghorst: Passanten sind unterwegs, Autos auf den Weg zum Supermarktparkplatz. Läden haben in der einst blühenden Geschäftsstraße kaum geöffnet. Das war vor 24 Jahren anders. 1997 übernahm Renate Schumacher den Tabakladen mit Lotto-Annahmestelle. Heute ist ihr letzter Tag. Montag beginnt der Ruhestand.

Vor der Tür eine lange Schlange von Menschen: Päckchen, Briefe, Lottoscheine halten sie in der Hand. Einige haben einen Blumenstrauß dabei. Oder Schokolade. Oder einen Kuchen. „Die Schlange ist immer so lang“, sagt Renate Schumacher. Zumal jetzt: Aufgrund des Infektionsschutzes dürfen nur drei Kunden gleichzeitig herein.

Doch im Laden bildet sich gleich eine neue Schlange. In diesen letzten Stunden will niemand die Kreuzchen auf dem Lottozettel machen, eine Briefmarke oder Zeitschriften kaufen ohne der Inhaberin „Auf Wiedersehen“ zu sagen. Vor allem aber: „Danke“.

Ein Meer voller Blumen

Im Lager hinter dem Verkaufsraum steht die quirlige Geschäftsfrau in einem Meer voller Blumen. Auf jedem Strauß oder Topf steht ein Name. Renate Schumacher kennt sie alle. Und sie will später, zuhause, noch einmal Blumengebinde für Blumengebinde und Kunde für Kunde Revue passieren lassen, schauen, wer alles Lebewohl gesagt hat.

Die Habinghorster schätzen Renate Schumacher als eine
Die Habinghorster schätzen Renate Schumacher als eine “Seele” des Stadtteils. Viele Kunden kamen darum eigens am Samstag vorbei, um mit Blumen “Danke” zu sagen. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Jetzt, um kurz nach 11 Uhr ist das alles nicht mehr erfassbar. Renate Schumacher ist im positiven Wortsinn fassungslos. „Das hier ist noch gar nicht alles“, sagt sie im Gespräch mit dieser Redaktion. Und holt ihr Handy hervor, zeigt Fotos aus ihrem Wohnzimmer: Blumen über Blumen. Es berührt die beliebte Geschäftsfrau. Sie ist ohne jeden Zweifel eine Institution im Stadtteil.

Renate Schumacher greift nach Büchern auf einem Stuhl. Auf einem dickeren Buch steht „Danke“. Eine Überraschung, die ihre Mitarbeiterinnen ihr bei Ladenöffnung übergeben haben. 100 Kunden haben eine Widmung und einen Gruß hinterlassen.

Zur Kladde gehören Farbdrucke mit 100 Fotos – allesamt bekannte Gesichter. „Ja“, sagt Renate Schumacher, „aber von manchen kannte ich den Namen bisher gar nicht“. In den nächsten Tagen soll sie die Fotos den Grüßen zuordnen, lautet die Aufgabe.

150 Berliner als Dank

Jetzt steht sie inmitten des Abschiedstrubels, all der Geschenke und Pakete, die der Kurierdienst der Post gleich abholen wird. Renate Schumacher packt Berliner Ballen in kleine Papiertüten – ihre Überrschung, ihr Dank und Abschiedsgruß für 24 Jahre Treue. 150 Berliner hat sie bestellt.

Renate Schumacher ist im positiven Sinn fassungslos, mit wie vielen Geschenken ihre Kunden sie bedacht haben.
Renate Schumacher ist im positiven Sinn fassungslos, mit wie vielen Geschenken ihre Kunden sie bedacht haben. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Immer wieder rufen ihre Mitarbeiterinnen sie nach vorne. Jetzt steht Clemens Hegemann vor dem Paketschalter – Habinghorster, ehemaliger Postler und Schulfreund. Der Kontakt riss nie ab. „Man freut sich, wenn man sie sieht, immer freundliche Ausstrahlung, immer ein Lächeln zu den Kunden, was unheimlich gut ankommt“, sagt er.

Draußen vor der Tür reißt die lange Schlange nicht ab. Nur ganz wenige Kunden blicken erstaunt wegen des Abschieds-„Defillees“. Joachim Wittkowski hat auch einen kleinen Gruß dabei. Er kommt nahezu jede Woche in den Laden. Gespräche, sagt er, seien über den üblichen Small-Talk hinausgegangen.

Mehr noch: „Post ist etwas, das mit Vertrauen zu tun hat. Frau Schumacher hat immer dafür gestanden, absolut vertrauenwürdig und zuverlässig zu sein“, betont Wittkowski. „Im Wirtschaftsleben selbst bei hohem Druck und rammelvoller Bude immer ein Ohr für die Menschen zu haben, ist schon etwas herausragendes. Frau Schumacher war hier so was wie die Seele eines ganzen Ortsteils.“

Fünf Frauen verstecken sich an der Hausecke

12 Uhr, draußen läuten entfernt die Kirchenglocken. Renate Schumacher pendelt zwischen Verkaufsraum und Lager. „Eine Stunde bis zum Ruhestand“, sagt sie, grinst und tütet immer neue Berliner Ballen ein. Die Kisten leeren sich.

Daneben stehen zwei große Blumenstrauße. Delegationen des städtischen Eigenbetriebs EUV sowie der Habinghorster Interessen- und Händlergemeinschaft „Inwerb“ haben sie am Morgen abgegeben.

Kein Geschäftsbetrieb wie üblich: Zum Abschied von Renate Schumacher hatten viele Kunden kleine Geschenke dabei. Wegen des infektionsschutzes ist die Schlange vor dem Geschäft in der Lange Straße allerdings alltäglich.
Kein Geschäftsbetrieb wie üblich: Zum Abschied von Renate Schumacher hatten viele Kunden kleine Geschenke dabei. Wegen des Infektionsschutzes ist die Schlange vor dem Geschäft in der Lange Straße allerdings alltäglich. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

„Der Pfarrer war gestern schon da, um ‚Danke‘ zu sagen“, erzählt Schumacher. Natürlich war es keine Frage für sie, zum Dreikönigstag eine Spendendose für die Sternsinger aufzustellen. Renate Schumacher wäre aber nicht Renate Schumacher, es dabei zu belassen zu haben. „Man muss die Leute schon darauf ansprechen und um eine Spende bitten.“

Kurz vor halb eins: Erika Steininger-Bey, Petra Kerner und Maria Schlottbom kommen langsam die Lange Straße entlang. Von der anderen Seite radelt Heike Kitzmann schnell an der Tür vorbei. Gegenüber steigt Iris Wefringhaus mit einem Präsentkorb aus dem Auto. Die fünf Frauen stellen sich etwas versteckt an die Hausecke.

Abschied mit Gesang

Sie sind Freundinnen von Renate Schumacher. Gemeinsam engagieren sie sich in der Katholischen Frauengemeinschaft der Gemeinde. Jetzt packen sie einen Bademantel und Lockenwickler aus – Verkleidung für den Ruhestand.

Aus einem Lautsprecher erklingt Musik. „Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen“, singen die Freundinnen und winken mit Stofftaschentüchern. „Nein, nein, ich glaub‘s ja nicht“, sagt Renate Schumacher. Die Überraschung ist geglückt. Wenige Minuten noch bis zum Ruhestand.

„Mein Lebenswerk hat sich gelohnt“, hatte die Geschäftsfrau zuvor schon im Gespräch gesagt. „Ich bin dankbar.“ Wenn am Nachmittag die Geschäftsübergabe an Nachfolger Gökhan Gül und seine Familie erfolgt ist, beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Den Takt geben die kfd-Freundinnen singend vor: „Mit 66 Jahren fängt das Leben an.“

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Geboren 1964. Dortmunder. Interessiert an Politik, Sport, Kultur, Lokalgeschichte. Nach Wanderjahren verwurzelt im Nordwesten. Schätzt die Menschen, ihre Geschichten und ihre klare Sprache.
Zur Autorenseite
Avatar
Lesen Sie jetzt