Fünf Jahre nach der Flucht: „Die guten Menschen sind in der Überzahl“

hzFlucht nach Deutschland

Baran ist 2015 nach Castrop-Rauxel geflohen. Fünf Jahre später erzählt er von seinem Leben hier, der Schlepper-Mafia, Ruhelosigkeit, Seelenfrieden und Todesangst.

Castrop-Rauxel

, 14.11.2020, 20:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Entweder sterbe ich oder ich komme nach Deutschland. Es ist der eine beherrschende Gedanke, den Baran hat, als er im Sommer 2015 an einem Strand an der türkischen Küste steht. Er blickt auf das kleine Boot. Etwa sieben Meter ist es lang, erinnert er sich. Das Gewicht der vielen Menschen drückt es tief ins Wasser. Etwa 50 Menschen sitzen in dem Boot. Frauen, Kinder, Männer, Alte, Junge, Kranke, Gesunde.

Entweder sterbe ich oder ich komme nach Deutschland. Neben diesem einen Gedanken ist da vor allem ein anderes Gefühl, ein Ur-Instinkt. Angst. Baran kann nicht schwimmen. Trotzdem steigt er an diesem Morgen vor fünf Jahren ins Boot. Raus aufs Mittelmeer, in dem schon so viele Menschen gestorben sind.

Das Boot legt ab. Eine korpulente Frau sitzt ungünstig. Das Wasser schwappt herein. Nach 200 Metern fängt das Boot an vollzulaufen. Sie kehren um, zurück zum Strand, an dem sie fünf Tage auf diesen Versuch gewartet haben. Baran lacht, als er davon erzählt. Heute kann er das, damals war Lachen das letzte, an das er gedacht hat.

FÜNF JAHRE ALS GEFLÜCHTETER MENSCH IN CASTROP-RAUXEL

Geflüchtet sind Menschen schon immer. Aus Deutschland heraus und nach Deutschland herein. Im Zuge des Syrienkrieges suchten 2015 viele Menschen in der Bundesrepublik Schutz. Von Strömen, von Wellen, von Flut war die Rede. Manchmal schien es in dieser Zeit, als sei vergessen worden, dass dort keine Naturgewalt über die Gesellschaft hereinbricht, sondern Menschen kamen, die Sicherheit nach einer langen Flucht suchten. Deutschland zeigte sich hilfsbereit. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte ihren berühmten Satz: „Wir schaffen das.“ Aber wie ist es den Menschen ergangen, die nach Deutschland geflüchtet sind? Wie haben sie die fünf Jahre seitdem erlebt? Wir haben fünf Geflüchtete getroffen, die seit fünf Jahren in Castrop-Rauxel leben. Sie haben uns von ihrem Leben in Deutschland und der Europastadt erzählt.

Was er erlebt hat, hat ihn misstrauisch gemacht

Baran sitzt auf einem schwarzen Ledersofa in der Redaktion der Ruhr Nachrichten in der Castroper Altstadt. Ein junger Mann, klein, leicht untersetzt. Freundlich, aber etwas nervös blickt er in den Raum. Baran heißt eigentlich anders, seinen richtigen Namen möchte er aber lieber nicht in diesem Artikel nennen.*

Was er erlebt hat, hat ihn misstrauisch gemacht. „Meine Familie ist noch in Syrien. Es gibt auch viele Leute vom Regime, die aus Syrien nach Deutschland gekommen sind“, sagt er. „Ich habe Angst, dass meine Familie Probleme bekommt, wenn mein Name in der Zeitung steht.“

Probleme mit dem Regime sind der Grund, warum Baran jetzt auf einer Couch in Castrop-Rauxel sitzt. Er ist Kurde. Das Leben als Kurde ist nicht leicht in Syrien. Aufgewachsen ist er in Damaskus, erzählt er mit ruhiger Stimme. Als er 14 Jahre alt ist, nimmt die Polizei ihn mit und steckt ihn ins Gefängnis. Er weiß nicht, warum, sagt Baran. „Sie haben gesagt wegen Terrorismus, aber ich war noch ein Kind.“

Der frühere Machthaber Hafis al-Assad hat die Kurden aus dem gesellschaftlichen und politischen Leben in Syrien ausgeschlossen. Sein Sohn und Nachfolger Baschar al-Assad tut es ihm gleich. Die Kurden werden diskriminiert, vielfach ausgebürgert und erhalten keine offiziellen Papiere.

Immer wieder steht die Polizei vor der Tür

Baran wird damals nach ein paar Tagen aus dem Gefängnis entlassen. Aber es klopft immer wieder an der Tür seiner Familie. „Was macht Baran? Wie lebt ihr? Gehört einer von euch zur PKK oder zur PYD?“, wollen die Männer des Regimes wissen.

Baran darf nicht zur Schule gehen, seine Familie hat wenig Geld, deshalb arbeitet er in einer Schneiderei oder in einem Geschäft und kopiert CDs und DVDs. Die Polizei klopft weiter an der Tür. Irgendwann sagt der Vater: Schluss, du musst raus. Die Familie kratzt Geld zusammen. Er flieht nach Nordsyrien, dann in den Nordirak.

Auch dort bekommt er nach drei Jahren wieder Probleme. Der Arm des Regimes reicht weit. Er muss weg. Sein Bruder lebt schon in Castrop-Rauxel. Baran beschließt, nach Deutschland zu fliehen. „Ich wusste nichts über Deutschland“, sagt Baran. „Ich habe einfach nach“ – er sagt es auf Englisch – „Peace of Mind“ gesucht. Nach Seelenfrieden.

„Das ist alles eine große Mafia“

Dieser Wunsch hat ihn an diesen Strand in der Türkei geführt. Entweder sterbe ich oder ich komme nach Deutschland. Es ist keine freie Entscheidung. Es ist die Angst vor Verfolgung, die ihn hierher gebracht hat.

Jetzt ist da die Angst vor dem, was vor ihm liegt, vor dem Wasser. Sie ist kleiner, drückt weniger schwer auf den Magen, der sich in den fünf Tagen, die sie am Strand warten, zusammengezogen hat.

Der Mann, dem jeder 1200 Euro gezahlt hat, hat nur zweimal Essen gebracht, anders als versprochen. Beim Boot hält er Wort. Wie versprochen ist es da. Der Mann sagt: „Morgen könnt ihr fahren, die Küstenwache wird nichts machen.“ Baran sagt: „Das ist alles eine große Mafia.“

Der zweite Versuch ist erfolgreich. Diesmal dringt kein Wasser ins Boot. Aber die Küstenwache kommt. Einmal, zweimal, dreimal kreist sie um das Boot, dann fährt sie weiter. Der Weg nach Europa ist frei. Das Boot erreicht eine kleine Bucht auf Lesbos.

Sein Hobby hilft Baran in Deutschland

Baran betritt das erste Mal den Boden der EU. Mit dem Bus geht es nach Mytillini, dann nach Athen, über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich nach Passau und irgendwann nach Castrop-Rauxel.

„Die ersten Tage waren schwierig“, sagt Baran auf dieser Couch in der Redaktion. „Aber dann habe ich mir ins Gedächtnis gerufen, dass ich hier in Sicherheit bin. Hier ist kein Krieg. Hier werde ich nicht verfolgt.“ Er lächelt.

Schnell habe er von einem Ort gehört, an dem Menschen geholfen wird. Er meint die Caritas-Geschäftsstelle am Lambertusplatz, dreißig Meter von der Couch entfernt, auf der er gerade sitzt.

Schnell will er selbst helfen. Von den sechs Jahren, in denen er in die Schule gehen durfte, hatte er zwei Jahre Englisch. Er habe es trotzdem weiter gelernt, als Hobby. „Jetzt habe ich in der Schule Einsen in Englisch bekommen.“ Als Baran das sagt, ist der Stolz in seiner Stimme herauszuhören. Seit Anfang 2016 übersetzt er bei der Caritas für andere Geflüchtete.

Nachts frisst sich die Angst in Barans Träume

Fragt man den jungen Mann, warum er das tut, sagt er nur: „Ich bin einfach ein Mensch.“ Fragt man weiter, sagt Baran: Das Leben sei schwer für viele Menschen, er wolle helfen, es leichter zu machen. „Ich brauche auch manchmal Hilfe“, er korrigiert sich: „Nicht manchmal. Immer.“ Wenn er einem anderen Menschen helfe, helfe der ihm auch. „Das ist einfach so.“

Und Baran braucht Hilfe von anderen. Gerade als er zur Schule gehen darf, wird er krank. „Alles hat sich geändert bei mir.“ Seine Stimme klingt ganz ruhig, als er das sagt. „Ich habe psychische Probleme. Aber es ist ok. Es ist nicht so schlimm.“

Baran habe vieles noch nicht verarbeitet, sagte jemand vor diesem Gespräch. Man dürfe nicht zu tief wühlen. Die jahrelange Flucht lässt den jungen Kurden nicht los. Vor allem nachts kommt die Angst und frisst sich in seine Träume. „Da stehe ich auf einmal wieder in Syrien und muss fliehen. Dann wache ich auf und bin Gott sei Dank in Deutschland.“ Castrop-Rauxel sei sehr gut für ihn, sagt er. Es ist ruhig hier.

Aber auch tagsüber begleitet ihn die Angst. Sie überfällt ihn nicht so brutal wie in der Nacht. Sie ist eher ein Alltagsbegleiter. „Ich habe immer Angst, zurückzumüssen.“ Er hat nicht den vollen Flüchtlingsstatus, sondern nur den subsidiären Schutz zugesprochen bekommen.

Vielleicht will er zurück nach Syrien

„Erst mal kann ich hierbleiben. Aber ich muss schnell etwas machen, arbeiten, damit ich in Freiheit leben kann“, sagt er. Dieses Gefühl sei manchmal belastend.

Ein Jahr lang geht Baran noch zur Schule. Was er danach machen möchte, weiß er noch nicht genau. Vielleicht Tierpfleger, vielleicht Fotograf, vielleicht will er mit einer Hilfsorganisation nach Syrien zurückkehren, um dort zu arbeiten, oder in Jordanien oder im Irak. Erst mal wünscht er sich aber, dass er in Deutschland bleiben kann.

Was er sich darüber hinaus wünsche? Baran muss nicht lange überlegen. „Dass der Krieg endet“, sagt er. „Nicht nur in Syrien, sondern auf der Welt. Es gibt überall Menschen, die leiden.“

„Das Leben in Deutschland ist leicht“

Er habe in seinen fünf Castrop-Rauxeler Jahren überwiegend positive Erfahrungen gemacht, sagt Baran. Mit den Behörden sei es schwierig gewesen, ansonsten sei das Leben in Deutschland leicht.

„Man muss nur fleißig sein und auf die Gesetze achten“, sagt er, „aber manche Dinge weiß ich einfach nicht.“ Er habe gedacht, die Enten im Stadtgarten mit Brot zu füttern, sei etwas Gutes. „Dann kam jemand und hat mir erklärt, dass das nicht geht, weil das schlecht für das Wasser ist.“ Jetzt mache er das nicht mehr, sagt er und lacht.

In Situationen wie diesen seien die meisten Menschen aber nett zu ihm gewesen, sagt der junge Mann. Die, die es nicht sind, könne man nur ignorieren. Es seien aber ohnehin die wenigsten, findet Baran: „Die guten Menschen sind immer in der Überzahl.“

*Sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

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