Für Kinder mit sozialen Problemen ist Corona kurzfristig ein Segen – langfristig eine Katastrophe

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Das Leben steht still. Die Angst vor der Schule, der soziale Druck – das alles fällt weg. Diese Entlastung kann aber schnell ins Gegenteil umschlagen, sagt ein Castrop-Rauxeler Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche.

Castrop-Rauxel

, 23.07.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ende März stand das Leben plötzlich still. Die Maßnahmen gegen das Coronavirus trafen vor allem das soziale Miteinander. Kontaktbeschränkungen dämmten das Zusammenleben ein. Das ist so schon schwierig genug, für Kinder und Jugendliche mit psychischen Problemen ist das aber besonders problematisch.

Dabei hätten seine Patienten das erst mal als sehr angenehm empfunden, sagt Olaf Maletzki. „Erst mal waren es ja einige Tage frei.“ Der Castrop-Rauxeler ist Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche. Er betreut junge Patienten, die Probleme mit ihrer Selbstakzeptanz haben und Leistungs- und Beziehungsstörungen wie etwa Lernschwächen oder ein aggressives Sozialverhalten an den Tag legen.

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Das Coronavirus nahm erst mal den sozialen Druck

„Weil die Schüler die Aufgaben zu Hause bearbeiten mussten, waren auf einmal der soziale Druck und der Vergleich mit anderen weg, was viele sonst als sehr belastend empfinden“, sagt Maletzki. Viele Lehrer seien außerdem sehr engagiert gewesen und hätten persönlich angerufen. Bei den Kindern und Jugendlichen sei so das Gefühl einer individuellen Betreuung entstanden.

Olaf Maletzki ist Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche in Castrop-Rauxel.

Olaf Maletzki ist Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche in Castrop-Rauxel. © Archiv

„Sie tauen dann auf. In der Schule trauen sich die Kinder häufig nicht, sich zu melden. Sie fragen sich: Was ist, wenn ich etwas Falsches sage? Ich bin sowieso schon Außenseiter. Lachen die anderen dann?“, sagt Maletzki.

Dieser Drucksituation in der Schule zu entgehen, sei im ersten Moment angenehm, sagt Maletzki. Sie kann sich aber zu einem ernsten Problem entwickeln. Der Psychotherapeut hat sich dazu auch mit Kollegen ausgetauscht. Wie er gehen auch sie davon aus, dass diese Ängste schlimmer zurückkommen könnten, weil die Konfrontation mit ihnen fehlt.

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Soziale Ängste können immer schlimmer werden

Konfrontation sei ein wesentlicher Bestandteil der Therapie. „Man muss versuchen, Situationen zu entkatastrophisieren und vermitteln, dass die Konsequenzen alle beherrschbar sind.“ Dabei helfe, sich an Situationen heranzutasten, sich auf sie vorzubereiten und vorab zu überlegen, was in diesem Moment helfen könne.

„Langfristig ist es eine Katastrophe, wenn den Kindern die Konfrontation und der Kontakt zu anderen fehlen.“ Soziale Ängste würden sich verstärken, immer schlimmer werden und könnten letztlich auch chronisch werden. Das könne dazu führen, dass Menschen mit psychischen Problemen ihr Leben lang auf soziale Hilfe angewiesen seien, erklärt Maletzki.

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Die Angst vor dem Virus könne aktuell als Argument für die soziale Abschottung dienen. „Mit dem Coronavirus haben diese Kinder und Jugendlichen einen guten Grund, ihr Zimmer nicht zu verlassen“, sagt Maletzki.

„Viele werden das nicht mehr nachholen können“

Dabei sei das Virus an sich nicht so sehr Thema in der Therapie gewesen, eher die Folgen für die Gesellschaft und die Familien. „Das Zusammenleben in den Familien ist häufig sehr genau abgestimmt. Plötzlich kommt Corona dazwischen und die Kinder sind zu Hause. Man muss alles umplanen. Das kann sehr belastend sein.“

Gerade für Kinder in Familien, in denen es nicht so gut läuft, sei die Situation problematisch gewesen. „Längst nicht in jedem Haushalt setzen sich die Eltern dazu und helfen den Kindern mit den Aufgaben. Da sind definitiv einige Kinder durchs Raster gefallen und abgehängt worden. Viele werden das nicht mehr nachholen können“, sagt Maletzki. Er sei deshalb froh, dass sich die Situation nun ein wenig normalisiert hat.

Dass damit auch mehr Nachlässigkeit im Umgang mit dem Virus einhergeht, sei ganz normal. „Viele Menschen kennen niemanden, der am Coronavirus erkrankt ist, das macht es abstrakt“, sagt Maletzki. „Aber auch wenn die Gefahr greifbarer wäre, würden die Menschen nachlässiger werden. Wir Menschen gewöhnen uns relativ schnell an Situationen und gehen dann automatisch lockerer damit um.“

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