Habinghorst und Ickern könnten ihren kompletten Strombedarf durch Fotovoltaik decken

Innovation City

Die Innovation City GmbH hat Evaluationen, Analysen und Berechnungen geliefert, wie der Energieverbrauch in Habinghorst und Ickern gesenkt werden kann. Wir klären die wichtigsten Fragen.

Castrop-Rauxel

, 20.06.2019, 10:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Habinghorst und Ickern könnten ihren kompletten Strombedarf durch Fotovoltaik decken

Vier Prozent des Strombedarfs wird im Quartier „Links und Rechts der Emscher“ durch Fotovoltaik gedeckt, Potenzial wäre aber für deutlich mehr, wie die Innovation City GmbH analysiert hat. © pa/obs/CosmosDirekt

Die Weichen sind gestellt. ICM-Geschäftsführer Burkhard Drescher übergab am Montag Bürgermeister Rajko Kravanja das Integrierte Energetische Quartiers-konzept für das Projektgebiet in Castrop-Rauxel. Es bildet einen „energetischen Regieplan“. Einfach ausgedrückt: Es gibt einen Plan, wie man im Quartier „Links und Rechts der Emscher“ ordentlich Energie einsparen und so das Klima schützen kann. Was steckt dahinter?

? ? Was ist Innovation City?

Der Name „InnovationCity roll out“ steht für eines der größten Projekte des Strukturwandels im Ruhrgebiet. Das Gesamtprojekt soll durch Analyse, Konzeptentwicklung und eine mögliche Umsetzung eine deutliche CO2-Reduktion erzielen. Gefördert wird das Vorhaben durch den „Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE)“. ICM-Geschäftsführer Burkhard Drescher: „Wir werden das Weltklima hier nicht retten, aber wir können den Leuten ein Stück Klimaschutz vermitteln.“

? Um welches Quartier in Castrop-Rauxel handelt es sich?

2010 startete Innovation City mit der Modellstadt Bottrop. Der dort erarbeitete Prozess soll auf weitere Städte im Ruhrgebiet ausgeweitet werden. Darunter das Quartier „Links und der Rechts der Emscher“, maßgeblich also Ickern und Habinghorst.

Habinghorst und Ickern könnten ihren kompletten Strombedarf durch Fotovoltaik decken

ICM-Geschäftsführer Burkhard Drescher hat am Montag das Quartierskonzept an Bürgermeister Rajko Kravanja übergeben. Als Kooperationspartner an Bord sind auch der EUV, die Stadtwerke mit Jens Langensiepen (2.v.r.), die JVA mit Franz Wichmann (l.), die Beratungsstelle der Verbraucherzentrale mit Anke Hormel (r.), die Uniper Wärme GmbH sowie die beiden Vereine Mein Ickern und Habinghorst. © Iris Müller

? Wie ist die Ausgangslage in dem Quartier?

Betroffen sind 20.000 Einwohner. Die leben zu drei Vierteln in Gebäuden, die vor 1948 gebaut wurden. Damals gab es noch keine Wärmeschutzverordnung. Zudem fällt der Standort der Justizvollzugsanstalt in das Quartier. Die Gebäude der JVA sind ebenfalls in die Jahre gekommen.

? Was haben die Analysen ergeben?

Die energetische Analyse des Konzepts zeigt auf, dass Sanierungen von Wohngebäuden einen großen Hebel darstellen, um CO2-Emmissionen im Quartier zu reduzieren. Hohes Potenzial lässt sich bei den energetischen Modernisierungen insbesondere der Mehrfamilien- und Reihenhausbestände aus den Baujahren von 1919 bis 1948 feststellen.

In 45 weiteren Maßnahmen sieht das Konzept beispielsweise den Ausbau
von Fotovoltaik, eine Steigerung der Energieeffizienz im Gewerbe sowie Aspekte einer klimagerechten Mobilität vor. Ebenfalls thematisiert werden Klimaschutzaktionen im Kindergarten, Mieterprojekte zum Energiesparen und Energielotsen für fremdsprachige Haushalte.

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Sehr realistisch und konservativ gerechnet können so nach Angaben von Innovation City in den kommenden fünf Jahren der Endenergieverbrauch um 6,8 Prozent (ca. 13.815 MWh/Jahr) und die Treibhausgas-Emissionen um 7,2 Prozent (4.746 t CO2/Jahr) gesenkt werden. Die eingesparten Treibhausgase entsprechen
dem durchschnittlichen jährlichen CO2-Ausstoß der durchschnittlich verkehrsbedingten Emissionen von über 3160 Berufspendlern pro Jahr.

Das Team von Innovation City hat sich die Dächer in dem Quartier angeschaut und ausgerechnet, dass nur vier Prozent des Strombedarfs durch Fotovoltaik gedeckt wird. Burkhard Drescher: „Es gibt aber so viel Potenzial, dass der gesamte Strombedarf gedeckt werden könnte.“

? Wie kann das umgesetzt werden?

„Die Energiewende kann nur funktionieren, wenn viele mitmachen“, erklärt Rajko Kravanja. Konkret bedeutet das: Wenn das Konzept so umgesetzt wird, wie von Innovation City vorgeschlagen, könnte es beispielsweise Quartiersmanager geben, die die Bürger aufsuchen und ihnen aufzeigen, welche Energieberatungen sie in Anspruch nehmen könnten. Im nächsten Schritt könnte dann beispielsweise die Verbraucherzentrale individuelle Energieberatungen durchführen und auch zu Finanzierunsgmöglichkeiten beraten.

Denn das ist der Haken: Die energetische Sanierung muss jeder Gebäude-Eigentümer selbst bezahlen. „Die Lebensqualität bessert sich jedoch unmittelbar und der Arbeitsmarkt werde unterstützt, da Handwerker beispielsweise mehr Aufträge bekommen“, wirbt Drescher für das Projekt.


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Bisher mussten sich die Leute selbst kümmern und auf den Weg machen, um ihr Eigenheim energetisch effizienter zu gestalten. Jetzt soll der Spieß umgekehrt werden. Drescher: „Wir kommen zu den Menschen.“ Die Analyse hat ergeben, dass über 70 Prozent derjenigen, die eine Energieberatung in Anspruch nehmen, Teile davon auch umsetzen.

Neben der Gebäudesanierung soll es auch um Themen wie nachhaltige Stadtteilfeste, E-Mobilität und Infopakete für Neu-Eigentümer gehen. Aus diesem Grund sind auch viele Kooperationspartner dabei: Um ihr Interesse an einem klimagerechten Stadtumbau im Quartier zu unterstreichen, unterzeichneten die Stadt Castrop-Rauxel, der EUV, die Stadtwerke, die Justizvollzugsanstalt, die Beratungsstelle der Verbraucherzentrale, die Uniper Wärme GmbH sowie die beiden Vereine Mein Ickern und Habinghorst am Montag eine Kooperationsvereinbarung. Darin dokumentieren sie, die Entwicklung des Quartiers unterstützen zu wollen und eine zeitnahe Umsetzung anzustreben.

? Wie sind die nächsten Schritte?

Kravanja erklärt, dass das Konzept jetzt im Rat vorgestellt werden und dann in den Haushaltsberatungen im September verankert werden soll, sodass es im November losgehen könnte.

? Was kostet die Umsetzung und wie kann sie finanziert werden?

Das Konzept hat die Stadt Castrop-Rauxel zunächst nichts gekostet, die Umsetzung ist aber nicht kostenfrei. Marketing, entsprechende Kampagnen, Energieberatungen und das Quartiersmanagement müssen finanziert werden. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) fördert Projekte dieser Art mit 65 Prozent, den Rest müsste die Stadt selbst stellen - in Zeiten einer Haushaltssperre schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Es gibt aber eine Hintertür: Die Mittel können auch durch Sachleistungen wie beispielsweise Räume (für das Quartiersmanagement) aufgebracht werden.

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