Diese Castrop-Rauxeler Hebamme sieht ihren Beruf in Gefahr - aus drei Gründen

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Eine Hebamme zu finden, ist für viele Frauen ein Glücksspiel. Glaubt man dem Landesverband, gibt es große Probleme. Eine freiberufliche Hebamme aus Castrop-Rauxel nennt drei Hauptgründe.

Castrop-Rauxel

, 03.12.2019, 19:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Deutsche Hebammenverband sammelt seit 2014 auf seiner Internetseite Meldungen schwangerer Frauen, die eine Hebamme suchen, aber keine finden. Ende November gab es hier deutschlandweit rund 29.000 Einträge. Darunter sind auch von Frauen aus Castrop-Rauxel, die verzweifelt auf der Suche nach einer Hebamme waren.

Der Verband betont, dass die Einträge auf freiwilliger Basis stattfinden und weitaus mehr Frauen und Familien Hebammen suchen als dort abgebildet sind. Direkte Hilfe gibt es dann nicht, der Verband will zunächst Zahlen erfassen und zeigen, dass dringend gehandelt werden muss.

Täglich bis zu sieben Anfragen

Marion Korte, freiberufliche Hebamme in Castrop-Rauxel an der Wittener Straße, bekommt täglich bis zu sieben Anfragen von Frauen, die auf der Suche nach einer Hebamme sind. Die Anrufe kommen nicht nur aus Castrop-Rauxel, sondern auch aus Herne, Bochum, Waltrop, Datteln und Dortmund. Mehr als die Hälfte, sagt sie, müsse sie abweisen.

„Bis Mai kommenden Jahres bin ich komplett ausgebucht“, erklärt die 55-Jährige. Sie hatte schon Frauen am Telefon, sagt sie, die geweint haben vor Glück, als sie eine Zusage bekommen haben.

Kontaktdaten von Hebammen in der Nähe

Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen GKV hat Ende Juli eine Online-Seite zur Hebammensuche freigeschaltet. Dort können Frauen Kontaktdaten von Hebammen in ihrer Nähe finden - auch aus Castrop-Rauxel sind dort etliche Hebammen gelistet.

Der Deutsche Hebammen Verband kritisiert die Liste: Kontaktdaten nützten nichts. Ob eine Hebamme in einem bestimmten Zeitraum verfügbar sei, sei nicht ersichtlich. Barbara Blomeier ist Vorsitzende des Landesverbands der Hebammen NRW, der mehr als 4200 Hebammen vertritt. Nein, sagt sie, die Probleme seien nicht gelöst.

Mit einer Ausnahme: Die explodierenden Haftpflichtprämien für freiberufliche Hebammen (2000: 413 Euro - 2018: 8174 Euro). Seit 2015 tragen die Krankenkassen den Großteil dieser Kosten. „Das hat die Lage verbessert, aber nicht gelöst“, sagt Blomeier.

Viele Frauen wollen den Job nicht mehr machen

Das Problem ist nicht, dass zu viele Frauen Kinder kriegen, sondern dass es zu wenige Hebammen gibt. „Ich sehe unseren Hebammenberuf in Gefahr, weil viele Frauen das nicht mehr machen wollen“, sagt Marion Korte und nennt drei zentrale Gründe:

1. Schlechter Verdienst: Für einen Hausbesuch, der eigentlich nicht länger als eine halbe Stunde dauern darf, bekommt Marion Korte 38 Euro brutto von der Krankenkasse. Eine halbe Stunde reiche aber meist beim Wochenbettbesuch nicht aus. Und die Fahrtzeit bezahlt ihr auch niemand. Das sei nur ein Beispiel von vielen im Gebührendschungel.

2. Arbeitszeiten: Angestellte Hebammen arbeiten im Schichtdienst. Das ist anstrengend. Beleghebammen müssen immer verfügbar sein, da sie oft Rufbereitschaft haben. Und freiberufliche Hebammen wie Marion Korte müssen über ein gewisses Maß an Selbstorganisation und kaufmännischen Kenntnissen verfügen.

3. Stress: Unterm Strich sei der Beruf oft stressig und mit viel Verantwortung verbunden. Das ist für junge Frauen, die eventuell selbst eine Familie gründen wollen, unattraktiv.

Keine starren Vorgaben

Marion Korte hat zwölf Jahre als Beleghebamme gearbeitet und dann im Jahr 2018 eine eigene Hebammen-Praxis eröffnet. In dieser bietet sie von einer Hebammensprechstunde über die Geburtsvorbereitung und Wochenbettbetreuung bis zur Rückbildung alles an - bis auf die Geburt an sich.

Für die dreifache Mutter der richtige Weg: „So habe ich keine starren Vorgaben eines Arbeitgebers, sondern kann individuell mit den Familien arbeiten.“ Sie könne selbst entscheiden, wie viele Familien sie annimmt, um allen gerecht zu werden. Unbezahlte Fahrtzeiten und den Mehraufwand an Bürokratie nehme sie dafür in Kauf.

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Im Februar dieses Jahres hat der Deutsche Hebammenverband Eckpunkte zur Verbesserung der Situation erstellt - bisher ohne Folgen. Dafür tut sich in der Ausbildung etwas. Ab Januar 2020 sollen Hebammen nicht mehr in Fachschulen, sondern nur noch in Hochschulen ausgebildet werden, wo sie ein duales Studium mit dem Bachelor abschließen.

Der Hebammenverband begrüßt das, aber: Noch steht nicht fest, welche Hochschulen das Studium anbieten. Es gebe bisher weder Studien- noch Prüfungsordnungen, so das NRW-Gesundheitsministerium. Im Übrigen könnten laut Gesetzentwurf Fachschulen noch bis Ende 2021 Ausbildungen nach altem Recht beginnen.

Das Glück in den Augen

Auch Marion Korte sieht zwei Seiten der Medaille: Grundsätzlich sei das eine gute Idee. Aber wer einen Bachelor hat, könnte eine deutlich bessere Bezahlung bekommen als sie, die zwar nicht studiert, dafür aber mehr als 30 Jahre Berufserfahrung hat. Berufseinsteiger würden also auf einen Schlag mehr verdienen als Hebammen mit jahrzehntelanger Erfahrung. „Das ist ungerecht.“

Trotz der vielen Schwierigkeiten steht für Marion Korte fest: „Ich gehe als Hebamme in Rente.“ Einige ihrer Kolleginnen hätten in Zwischenzeit aufgegeben und sich einen anderen Job gesucht. Doch die Castrop-Rauxelerin liebt ihren Beruf: „Ich genieße immer wieder das Glück in den Augen der Familien nach der Geburt.“

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