"Ich dachte, ein Frauenhaus ist wie ein Gefängnis"

Hilfe für Frauen in Castrop-Rauxel

„Ich bin frei“, sagt Selma. „Und glücklich.“ Lange wäre das eine Lüge gewesen. Denn die junge Frau wurde von ihrem Freund klein gehalten, eingeengt und geschlagen, so erzählt sie es. „Ich hatte nie eine richtige Familie. Im Castrop-Rauxeler Frauenhaus habe ich endlich eine gefunden.“ Dies ist Selmas Geschichte.

CASTROP-RAUXEL

, 31.10.2016, 05:04 Uhr / Lesedauer: 3 min
Selma hat sich bewusst dafür entschieden, im Frauenhaus vor die Kamera zu treten – weil sie sich nicht mehr verstecken will.

Selma hat sich bewusst dafür entschieden, im Frauenhaus vor die Kamera zu treten – weil sie sich nicht mehr verstecken will.

Am 1. November 1976 ist das erste Frauenhaus in Deutschland eröffnet worden – in Berlin. Und seit 1986 gibt es auch in Castrop-Rauxel eins. Bis zu zwölf Menschen – Frauen und Kinder – können dort leben. Reden. Ängste abbauen. Selbstbewusstsein gewinnen. Loslassen.

Eine der Frauen, die in dem unauffälligen Haus mit der geheimen Adresse lebt, ist die 30-jährige Selma (Name von der Redaktion geändert). Sie kommt aus dem Schwarzwald, hat dort sechs Jahre mit einem Mann zusammengelebt, den sie nach vier Jahren heiratete. Heute wünscht sie sich, nie mit dem Mann zusammengekommen zu sein. Anfangs, so erzählt sie, war er ein Traummann – bis er ihr Leben in einen Albtraum verwandelt hat.

 „Sie haben ihm ein schlechtes Frauenbild eingetrichtert“

„Mein Mann war gewalttätig und aggressiv“, sagt Selma. „Anfangs war er gut zu mir, war für mich da, war immer an meiner Seite, hat mich beschützt – während seine Familie mich fertiggemacht hat. Dann ist seine Familie leiser geworden – und er laut. Er hat mich geschlagen und dann haben wir beide geweint und er hat mir geschworen, es nie wieder zu tun. Er tat es nie wieder.

Aber er hat ständig Möbel kaputt gemacht und Türen geknallt. Ich hatte ständig Angst.“ Wie es dazu kam? „Die Freunde meines Mannes hatten schlechten Einfluss auf ihn“, sagt Selma. „Sie haben ihm ein schlechtes Frauenbild eingetrichtert.“

Selma hat Angst, aber sie spricht mit niemandem darüber. „Mein Mann hat mir verboten, Freunde zu treffen und arbeiten zu gehen. Er war immer tierisch eifersüchtig, wenn andere Männer um mich herum waren. Und ich habe das alles mit mir machen lassen, weil ich Streit vermeiden wollte. Weil ich mich nach Ruhe und Harmonie gesehnt habe.“

Aber wenn es besonders schlimm ist, flieht Selma – einmal für einen Tag in ein Frauenhaus in Lörrach, wo man sie „in ein Kinderzimmer steckt und kaum beachtet“, mehrfach zu ihren Eltern, wo sie sich jedoch fremd fühlt.

Immer wieder kam sie zurück

Selma flieht – und Selma kehrt zu ihrem Mann zurück. Immer wieder. Weil sie die Kinder ihres Mannes tief ins Herz geschlossen hat, sagt sie. „Es war nicht, dass ich Angst davor hatte, dass ihnen etwas passiert – aber ich hatte Angst, dass sie mich vermissen und unglücklich sind.“

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Und ihr Mann, er habe immer wieder darum gebettelt, dass sie zurückkommt. Immer wieder gesagt, dass er sich ändert. „Aber er hat sich nicht geändert“, sagt Selma. „Ich wusste auch, dass er sich niemals ändern wird. Aber ich habe ihn geliebt, trotz allem.“ Heute, mit etwas Abstand, sagt sie: „Ich kann mich selbst nicht verstehen, warum ich so lange geblieben bin.“

"Ich kann über meine Probleme reden"

Im März besucht Selmas Mann seine Familie in der Heimat – und Selma flieht erneut. Sie steigt in einen Zug, fährt zu Verwandten in Dortmund, sucht nach einem Frauenhaus im Umfeld und landet in Castrop-Rauxel. Es folgt ein Anruf – und wenig später trifft sie sich mit einer Sozialarbeiterin am Hauptbahnhof. Dann sind da Gespräche. Und Selma bleibt.

Endgültig. Sie steigt nicht wieder in den Zug und fährt zurück zu ihrem Mann. „Ich hatte immer Angst vor Frauenhäusern“, sagt die 30-Jährige. „Ich dachte: Ein Frauenhaus ist wie ein Gefängnis. Aber so ist es nicht. Das Haus, in dem ich jetzt lebe, ist ein Ort, an dem ich Geborgenheit und Sicherheit finde. Ich kann mit Problemen jederzeit zu den Betreuern kommen. Ich vertraue ihnen, kann über alles, wirklich alles mit ihnen reden. Über meine Ängste. Über die Vergangenheit. Und auch über meine Träume.“

Anfangs hat Selma noch Angst, dass ihr Mann sie sucht – und findet. Aber jetzt ist die Angst verschwunden. „Ich bin stark geworden und zufrieden mit meinem Leben“, sagt Selma.

Die Zeit im Frauenhaus hat sie stark gemacht

Drei bis vier Monate bleibt eine Frau im Durchschnitt im Frauenhaus, Selma ist noch immer da, weil sie erst eine Arbeitsstelle finden musste, um dann ihre Aufenthaltsgenehmigung verlängern und eine Wohnung finden zu können. Bald arbeitet sie in einem Café, und auch wenn sie ein bisschen Angst davor hat, das Frauenhaus wieder zu verlassen – sie freut sich auf die Zukunft.

Die Zeit im Frauenhaus hat Selma stark gemacht, sagt sie. Und sie hofft, dass sie stark bleibt. Dass es niemand mehr schafft, sie klein zu machen.

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