Ist das Biozid gegen den Eichenprozessionsspinner Gift für Vogelbrut?

hzNaturschutz

Unsere Berichterstattung über neue Maßnahmen der Stadt gegen den Eichenprozessionsspinner hat Unsicherheit ausgelöst. „Kann das Mittel tödlich für Vogelbrut sein?“, fragt Klaus Ehemann.

Castrop-Rauxel

, 19.05.2020, 08:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Stadt Castrop-Rauxel will in diesem Jahr unterschiedliche Maßnahmen bei der Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners (EPS) einsetzen. Neben einer neuen EPS-Falle wird auch ein Mittel eingesetzt, das direkt auf das Eichenlaub gespritzt wird.

In der Pressemitteilung der Stadt Castrop-Rauxel heißt es dazu: „Der Bereich Stadtgrün wendet derzeit ein rein pflanzliches Mittel an, das auch im ökologischen Landbau eingesetzt wird.“ So würden etwa das Eichenwäldchen hinter der Wilhelmschule, Bäume an der Fridtjof-Nansen-Realschule, am Parkbad Nord und auf dem Ickerner Friedhof sowie im Gewerbegebiet am Rapensweg und in der Parkanlage und auf dem Spielplatz an der Hannemannstraße mit dem Biozid NeemProtect eingesprüht.

„Die Behandlungslösung, eine Mischung aus NeemProtect und Wasser, wird großzügig auf die Eichenblätter aufgebracht“, schreibt die Stadt. So sollen die Raupen und die gefährlichen Brennhaare unschädlich gemacht werden. Weiter heißt es: „Das Mittel ist für Mensch und andere Tiere unschädlich.“

Fünf tote Jungvögel im Meisenkasten

Klaus Ehemann sieht das anders. Er wohnt in direkt neben dem Wäldchen an der Wilhemschule, wo die Stadt das Mittel eingesetzt hat.

Ehemann berichtet von seinen Beobachtungen am Meisenkasten. Elternvögel seien zuletzt mit dicken Larven im Schnabel aus dem Schulwald gekommen, um ihren Nachwuchs zu versorgen. Dann aber sei Ehemann aufgefallen, dass das plötzlich nicht mehr der Fall war. Ehemann: „Heute habe ich den Kasten aufgemacht. Darin lagen fünf kleine tote Meisen. So etwas hatten wir noch nie.“

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Von ähnlichen Vorfällen berichtet auch der Hobby-Ornithologe Christian Kurek. Er wohnt 300 Meter vom katholischen Friedhof entfernt. „Auch ich habe viele Kästen entdeckt, in denen die Vogelbrut verendet ist“, sagte er auf Anfrage.

Kann das Mittel doch gefährlich sein?

Wir wollten wissen, ob es sein kann, dass das angeblich ungefährliche Mittel Jungvögel tötet. Der gebürtige Castrop-Rauxeler Chemiker und Leiter der TH Aachen, Professor Dr. Joachim Jankowski, erklärt das so: „Ich zitiere gern Paracelsus: ‚Alle Dinge sind Gift und nichts ist ohne Gift - allein die Dosis machts‘.“

Die Tatsache, dass eine Substanz - in diesem Fall das Biozid NeemProtect - pflanzlich ist, sage noch lange nichts darüber aus, ob es für Mensch oder Tier gefährlich sei. Auch eine Tollkirsche sei pflanzlich. Es ist jedoch nicht ratsam, eine solche zu essen.

Raupen vom Eichenprozessionsspinner sitzen in ihrem Nest auf einem Baum. Zum Kampf gegen die Raupen kommt jetzt auch ein Biozid zum Einsatz.

Raupen vom Eichenprozessionsspinner sitzen in ihrem Nest auf einem Baum. Zum Kampf gegen die Raupen kommt jetzt auch ein Biozid zum Einsatz. © dpa

Um eine Umwandlung in einem Mechanismus (Mensch oder Tier) stattfinden zu lassen, sei ein Enzym notwendig. Das falle bei allen Lebewesen unterschiedlich aus, so der Chemiker. So sei es möglich, dass ausgewachsene Vögel keinen Schaden nehmen, wenn sie die giftigen Raupen fressen, Jungvögel aber daran sterben.

Mittel ist vom Umweltbundesamt zugelassen

Das NeemProtect ist allerdings vom Umweltbundesamt ausdrücklich zur dosierten Bekämpfung des Eichenprozssionsspinners zugelassen. Dazu heißt es beim Umweltbundesamt: „Bekämpfungsmaßnahmen gegen den Eichenprozessionsspinner auf öffentlichen Flächen (...) erfolgen zum Schutz der menschlichen Gesundheit und unterliegen damit dem Biozidrecht.“

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Laut Biozidrecht müssen Wirkstoffe vor dem Einsatz genehmigt werden, also auf Wirksamkeit und Gefährlichkeit hin überprüft und bewertet werden. Das ist bei NeemProtect geschehen, es wurde zusammen mit dem Mttel Foray ES für die Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners freigegeben und wird auch in vielen Großstädten wie Düsseldorf oder Osnabrück bereits eingesetzt.

NeemProtect besteht aus Margosa-Extrakt, einem natürlichen Extrakt aus Neemsamen mit dem Wirkstoff ‚NeemAzal‘. Bei den Raupen stellt sich nach der Aufnahme in kürzester Zeit ein Fraß- und Entwicklungsstopp ein. Die gefährlichen Brennhaare können sich ab der Behandlung nicht mehr ausbilden.

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