Jan Weiler: "Ich schwöre, da fallen Sie tot um"

Autor kommt nach Castrop-Rauxel

Teenager sind anstrengende Menschen – das wissen wir spätestens seit dem Roman „Das Pubertier“ von Jan Weiler. Am Dienstag, 27. Oktober kommt der Autor und Journalist für eine Lesung nach Castrop-Rauxel. Wir haben mit ihm über Autoversicherungen, die Pubertät und deutsche Fußgängerzonen gesprochen.

Castrop-Rauxel

, 19.09.2015, 06:24 Uhr / Lesedauer: 5 min

Geht's Ihnen gut heute Morgen?

Mir geht's sehr gut, ich hatte gerade ein anstrengendes Gespräch mit meinem Versicherungsmakler, weil ich nämlich vergessen habe, mein neues Auto zu versichern. Und ich dachte, wenn man das Auto bei der Zulassungsstelle anmeldet, schicken die das an die Versicherung, und die Versicherung meldet sich, und dann kann man das machen, die melden sich aber gar nicht.

Das muss man also selbst machen?

Ja, und jetzt haben die von der Versicherung meinem Versicherungsmakler eine E-Mail geschickt, dass ich offenbar ein neues Auto hätte, und das aber nicht versichert hätte. Und ich hab das Auto schon drei Monate. Ich kann mich aber um so was nicht kümmern, ich bin Künstler. Für so was hab ich keine Zeit.

Jetzt mal zum Geschäftlichen. Sie kommen im Oktober zu einer Lesung nach Castrop-Rauxel...

Castrop-Rauxel, jawoll! Da war ich noch nie. Castrop-Rauxel ist ja so ein ulkiger Ort. Der wird immer, wenn man ulkige Orte braucht, herangezogen, so ähnlich wie Oer-Erkenschwick. Aber das ist eine schreiende Ungerechtigkeit Castrop-Rauxel gegenüber. Oder Moment, war ich nicht doch schon mal in Castrop-Rauxel (überlegt). Ich war schon mal im Ruhrfestspielhaus. Das war vor zwei Jahren.

Das ist aber in Recklinghausen.

Ach so. Ne, dann war ich noch nie in Castrop-Rauxel.

Welche Vorstellung haben Sie denn von Castrop-Rauxel?

Ich bin, was Orte angeht, die ich nicht kenne, vollkommen erwartungslos. Das hat sich irgendwie als zweckdienlich herausgestellt, weil man auf diese Art und Weise immer angenehm überrascht wird. Zum Beispiel habe ich immer gedacht, als ich noch Erwartungen an Orte hatte, dass Zwickau schrecklich ist.

Ist es aber gar nicht?

Ist es überhaupt nicht. Die haben eine barocke Innenstadt, die wurde für viel Geld so richtig herausgeputzt. Und es ist in Wirklichkeit echt hübsch da. Und weil das eben ganz häufig so ist, habe ich keine großen Erwartungen mehr an Orte. Das Einzige was ich immer erwarte, sind die immer gleichen Fußgängerzonen, die sogenannte deutsche Fuzo. Das ist leider irgendwie in die Hose gegangen. Überall die selben Geschäfte und dieselbe öffentliche Möblierung. Das ist irgendwie leider immer ein bisschen traurig. Ob man nun durch die Fußgängerzone von Braunschweig oder Krefeld geht, da merkt man keinen Unterschied.

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Nun wieder zu ihrem Besuch in Castrop-Rauxel. Sie lesen aus dem Bestseller „Das Pubertier“. Wie geht es denn dem Pubertier?

Gut! Das Pubertier hat heute Geburtstag. Es wird 17.

Dann ist die Pubertät doch vorbei oder?

Sagen wir es mal so, die Diskussionen werden im Großen und Ganzen wieder leiser. Und eine gewisse Eigenständigkeit nimmt zu. Das ist ganz schön.

Also so eine Art Abnabelungsprozess?

Nein, der Abnabelungsprozess ist ein bisschen früher. Der hat unheimlich viel mit Gebrüll und Streit und Quatsch zu tun. Der Eigenständigkeitsprozess ist jetzt ein anderer Prozess. Der Abnabelungsprozess ist ein aktives gegen die Eltern sein und der Eigenständigkeitsprozess ist eher so eine Aufnahme von eigenständigem sich um sich selbst kümmern. Also nicht ständig darauf warten, dass die Eltern sich kümmern, sondern sich selbst kümmern.

Jetzt wo ihre Tochter aus dem Gröbsten raus ist, kommt jetzt der Sohn in die Pubertät?

Ja, volle Pulle. Und da muss man ja sagen, die Pubertät bei Jungs und Mädchen unterscheidet sich ja. Bei Mädchen ist es ja eher so ein Dreiklang aus feiern, schlafen und rumschreien, und bei Jungs ist es auch ein Dreiklang aber eher aus schweigen, zocken, müffeln.

So schlimm?

Ja, diese Gerüche nehmen stark zu. Wenn unser Sohn eine Stunde mit seinen Kumpels im Zimmer sitzt und wir machen die Tür auf, ich schwöre Ihnen, da fallen Sie tot um. Unbeschreiblich. Und dann riechen die das auch nicht selbst.

Gibt es sonst noch Unterschiede?

Ja, unser Sohn kriegt riesige Füße. Also völlig unverhältnismäßig. Der wird jetzt 13 und hat Füße wie ein Hobbit – einfach riesige Quadratlatschen. Der hat jetzt Schuhgröße 41, ich hab 42. Das ist dann einfach völlig unproportional, weil eben andere Teile sind dann eben noch so klein oder erwartbar groß.

Das sieht dann aber seltsam aus...

Ja, total. Damit hab ich ihn im Urlaub auch immer aufgezogen. Da ist er ja viel barfuß gelaufen und ich hab ihn Frodo genannt.

Wie ist er damit umgegangen?

Das ist auch anders als bei Mädchen. Er ignoriert das einfach komplett. Eine Zeitlang habe ich ihn auch Butterbirne genannt, weil jetzt seine Haare immer so einen seidigen Glanz haben. Also er müsste sich entschieden häufiger die Haare waschen, weil da jetzt hormontechnisch Einiges los ist. Und weil er das nicht tut, nenne ich ihn immer Butterbirne. Aber darauf reagiert er auch nicht.

Bei wem ist die Pubertät schlimmer, Mädchen oder Jungen?

Bisher bei Mädchen. Die Jungs machen ja unheimlich viel mit sich selbst aus. Mädchen gewähren viel mehr Einblick in seelische Dinge.

Zurück zum Buch „Das Pubertier“: Wie hat ihre Tochter auf die Veröffentlichung reagiert?

Die Figuren, über die ich schreibe, inklusive des Ich-Erzählers, die fiktionalisiere ich von den echten Personen weg. Meine Tochter heißt ja auch gar nicht Carla und ist ganz anders als Carla. Meine Tochter findet Carla ein bisschen spießig. Diese ganzen Figuren sind zusammengebaut aus allem was ich über Jugend mitbekomme. Alle Informationen schiebe ich wie mit einem riesigen Besen zusammen, und daraus entstehen diese Figuren. Ich begehe da keinen Vertrauensbruch oder Geheimnisverrat gegenüber meinen Kindern. Außerdem lesen die das vorher immer. Natürlich sind dann Sachen drin, die meine Tochter mal so gesagt hat. Sie findet es eher vom Prozess her interessant, wie ich damit umgehe. Aber sie hat noch nie zu mir gesagt: Ich möchte nicht, dass du das erzählst. Darauf bin ich wirklich stolz.

Sind die Leser sich denn bewusst, dass nicht alles autobiografisch ist?

Nein, das hilft in der öffentlichen Wahrnehmung nicht. Meine Tochter wird unglaublich oft angesprochen. Aber sie geht wirklich cool damit um. Immer wenn sie darauf angesprochen wird, beendet sie das Gespräch schnell und verweist an mich. Denn sie ist nicht diese Figur.

Da Sie jetzt das nächste Pubertier zu Hause haben, können wir mit einer Fortsetzung rechnen?

Ja, erscheint am 22. Januar und wird heißen „Im Reich der Pubertiere“, da geht es dann um beide Pubertiere. Bei der Lesung in Castrop-Rauxel werde ich auch schon Teile daraus lesen, auch wenn es das Buch noch gar nicht gibt.

Im März haben sie ein neues Buch veröffentlicht „Kühn hat zu tun“, das ist ein Krimi oder?

Ne, das ist ein Gesellschaftsroman. Die Leute schreiben immer das es ein Krimi ist, weil es einen Polizisten und einen Mord gibt. In der Wahrnehmung der Leser führt das zu: Mord + Leiche + Polizist = Krimi. Das hat mein Verleger mir schon gesagt, als ich ihm das ganze Buch erzählt habe. Aber es ist auch okay wenn die Leute das denken. Hauptsache sie lesen das Buch.

Sie als Autor lesen ja auch viel. Haben Sie eine Romanfigur, mit der sie sich identifizieren?

Ja (begrüßt zwischendurch seinen Freund Georg, von dem er unvermittelt abgeknutscht wird, wie er sagt), Bartleby von Herman Melville. Das ist ein Typ, der immer ins Büro geht, und alles ablehnt, was er tun soll. Das Einzige, was er zu seinem Chef sagt, ist: Ich würde es vorziehen, das nicht zu tun. Das führt natürlich zu seiner Kündigung und einem dramatischen Leben. Den finde ich großartig.

Warum?

Weil ich das so ulkig finde. Ich finde die Idee schon so super. Herman Melville war beim New Yorker Zoll beschäftigt und musste Zeit seines Lebens Sachen machen, zu denen er keine Lust hatte. Und deshalb hat er sich diese Figur ausgedacht. Und ich mag Schulze und Schulze, die beiden Idioten von Tim & Struppi. Die mochte ich als Kind schon gerne.

Welche Buch muss man denn in diesem Herbst unbedingt lesen?

„Der Fliegenfänger“ von Willy Russell. Es geht um einen Jungen, der das ganze Buch wie einen Brief an seinen Lieblingssänger Morrissey schreibt.

Sind sie auch Morrissey-Fan?

Ja, total! Aber das Buch ist nicht unbedingt nur was für Morrissey-Fans. Und jetzt muss ich für Georg Kaffee machen!

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