Hunde im Castrop-Rauxeler Knast treiben selbst Schwerverbrechern Tränen in die Augen

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Sabine Vasquez und Stefanie Pleiger arbeiten als Psychologinnen in der JVA Meisenhof. Mit dabei sind ihre Hunde Zola und Watson. Die haben einige Lektionen für die Gefangenen auf Lager.

Ickern

, 25.10.2019, 15:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Zola ist die ernsthafte, nach einem Kreuzbandriss humpelt sie noch ein bisschen. Watson ist der Quatschkopf, er findet immer jemanden, der ihm das Stöckchen wirft. Vom Temperament sind die beiden Hunde total unterschiedlich. So ergänzen sie sich wunderbar. Und sie helfen ihren Frauchen bei der Arbeit mit den Gefangenen in der Justizvollzugsanstalt Meisenhof in Ickern.

Der Labradoodle und die ehemalige Straßenhündin sind meistens bei den Sprechstunden mit im Büro. „Bei den Gefangenen werden durch die Hunde Hemmungen abgebaut“, erklärt Diplompsychologin Sabine Vasquez. Einige erzählen direkt, dass sie auch mal einen Hund hatten, und so komme man beispielsweise schnell zum Thema Verantwortung.

Als Straßenhund aus der Türkei gerettet

Bevor Zola mit ins Büro durfte, machte Sabine Vasquez eine Therapieausbildung mit ihr. Als Straßenhund aus der Türkei gerettet, sollte sie zunächst fit gemacht werden, um mit den unterschiedlichsten Charakteren zusammenzuarbeiten. „Das war mir wichtig, weil sie ja hier viel mit Menschen in Kontakt ist“, erklärt Vasquez. Sie wollte sicher gehen, dass von dem Hund keine Gefahr ausgeht.

„Die Arbeit mit den Hunden war genau sein Ding.“
Stefanie Pleiger, Psychologin

Auch Watson geht regelmäßig in die Hundeschule, und das seitdem er elf Wochen alt ist. Dort haben die beiden Psychologinnen auch schon mal einen Workshop mit den Gefangenen durchgeführt: Theorieeinheiten, Gehorsam üben (die Hunde, nicht die Gefangenen), Prüfung ablegen (Hund und Gefangene). „Es war klasse zu sehen, welche Entwicklung die Gefangenen durchgemacht haben“, erinnert sich Stefanie Pleiger, die seit 2007 in der JVA in Castrop-Rauxel arbeitet.

Hunde helfen auch den schwierigen Kandidaten

Sie erinnert sich an einen Kandidaten, der immer Schwierigkeiten im Vollzug hatte: Er sei überall rausgeflogen, habe nichts so richtig auf die Reihe gekriegt, aber die Arbeit mit den Hunden war genau sein Ding. „Er hat am Ende eine Urkunde bekommen und war total stolz. Das war schön“, sagt die 50-Jährige.

Die Gefangenen lernten in diesem Workshop viel über Kommunikation. Alltag sind diese Workshops aber nicht, erzählen Pleiger und Vasquez, während sie die beiden Vierbeiner an die Leine nehmen und zum Spaziergang über das Gelände aufbrechen.

Die beiden sind zuständig für Gewalt- und Sexualstraftäter. Sie werden in der Vollzugsplanung beteiligt, bekommen die Akten und werden hinzugezogen, wenn es um Lockerungen geht.

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Sabine Vasquez: „Ansonsten kommen sie zu uns mit allen möglichen Anliegen; die Freundin hat sich getrennt, jemand ist gestorben, oder im Vollzug läuft es nicht.“ Manche kommen auch bereits mit Angststörungen oder anderen psychiatrischen Diagnosen zu den Psychologinnen. Dann gilt es, Therapien zu vermitteln oder selbst Gespräche anzubieten.

Psychologinnen bereiten sich ausgiebig auf die Klientel vor

Die Klientel der beiden Damen würde man also gemeinhin als „Harte Kerle“ bezeichnen. Angst haben die beiden Frauen, die beide auch schon im geschlossenen Vollzug gearbeitet haben, aber nicht. „Sonst würde ich hier nicht arbeiten. Wir lesen die Akte, informieren uns, wie sich jemand im Vollzug verhält, und sind nicht unvorbereitet“, sagt Vasquez.

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Die Hunde dienen bei allen Gesprächen oft als Türöffner. Sabine Vasquez: „Der Zugang zu den Gefangenen ist schnell da, man ist schnell bei emotionalen Themen. Manche fangen sofort an zu weinen, weil sie sich erinnern, dass sie auch mal einen Hund hatten, oder dass ihr Hund gestorben ist.“ Emotionen verstehen, Verantwortung übernehmen, Empathie empfinden: Das alles können Gefangene mithilfe von Zola und Watson oft einfacher.

Spaziergänge mit den Hunden

Manchmal dürfen die Gefangenen auch Spaziergänge mit Zola und Watson machen. „Das entscheiden wir ganz individuell“, so Stefanie Pleiger. Die Hunde gehören den Psychologinnen, sie haben die Entscheidungsgewalt - und den Segen von Anstaltsleiter Julius Wandelt, dem sie ein Konzept vorgelegt haben.

Ein krebskranker Gefangener drehte regelmäßig seine Runden mit den Vierbeinern, das war Teil der Therapie. Es habe ihm sichtlich gut getan. Die Verbundenheit zwischen den Hunden und Gefangenen sei extrem groß. Manche kennen die Hunde von Beginn an.

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Als Zola kürzlich am Kreuzband operiert werden musste, waren viele besorgt. Sie erkundigten sich, wie es ihr geht, und freuten sich, sie wiederzusehen.

Alle wollen die Tiere streicheln

Beim Spaziergang über das Gelände in Ickern können die beiden Psychologinnen kaum einen Satz zu Ende sprechen, ohne dass jemand Zola oder Watson streicheln will, sich nach dem Befinden erkundigt oder einfach freundlich grüßt.

Hunde im Castrop-Rauxeler Knast treiben selbst Schwerverbrechern Tränen in die Augen

Die Psychologinnen Sabine Vasquez (l.) und Stefanie Pleiger arbeiten in der JVA Meisenhof in Ickern mit ihren Hunden Zola und Watson. © Victoria Maiwald

„Manchmal haben die Hunde natürlich auch keine Lust“, so Vasquez. Dann gehe es darum, Grenzen zu setzen - auch ein Thema, das die Psychologinnen mit den Gefangenen so oder so auf der Agenda haben.

Und was passiert nach der Haftzeit, die sich manchmal über mehrere Jahre erstreckt? Vasquez: „Es spricht für eine gute Arbeitsbeziehung, wenn man sich nicht mehr sieht, aber auch, wenn sich jemand meldet und um Rat fragt. Das geht auch, wenn man nicht mehr im Vollzug ist.“

KNAST-SERIE

HINTER DEN GITTERN DES MEISENHOFS

  • In dieser Serie sprechen wir mit verurteilten Straftätern und Bediensteten der Justizvollzugsanstalt Castrop-Rauxel.
  • Wir wollen den Menschen in der Stadt so einen Einblick in das Leben hinter den Mauern des Meisenhofs geben.
  • *Alle Namen der Inhaftierten in dieser Serie wurden durch die Redaktion geändert.
  • Häftlinge beschreiben in der Serie ihre Straftaten, wie sie selbst sie in Erinnerung haben. Zum Schutz der Opfer und Angehörigen haben wir keine weiteren Recherchen unternommen, um auch sie zu befragen.
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