„So arbeitete ich daran, dass ich nicht raus komme“: Mit 75 Jahren noch im Gefängnis

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Seit neun Jahren sitzt er im Gefängnis. Grund: Drogenanbau und Amphetaminherstellung. Auf den letzten Metern in der Castrop-Rauxeler JVA kriegt ein 75-Jähriger jetzt aber schlechte Laune.

Ickern

, 11.11.2019, 16:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der 75-jährige Insasse der JVA Meisenhof sitzt dort seit knapp neun Jahren. Ein weiteres Jahr muss er noch. Er hadert mit der Härte seiner Strafe. Die kam auch deshalb zustande, weil er seine Freunde nicht verraten wollte. Doch der Reihe nach.

„Ich sitze hier für etwas, was gesellschaftlich verpönt ist und zum Abschaum gehört“, sagt der Senior. Er habe eine Autowerkstatt geführt und nebenbei Drogen angebaut und Amphetamine hergestellt.

Es begann mit Auto-Deals mit Niederländern

Wie das kam? Bei seinen Autos habe er Geschäfte mit Holländern gemacht. Irgendwann habe ihn einer gefragt, ob er sich Geld dazuverdienen wolle. „Die haben mir gezeigt, wie man Marihuana anbaut und Kokain herstellt und mich dafür bezahlt“, erinnert er sich.

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10.000 Euro in der Woche. Das muss man in einer Autowerkstatt erstmal verdienen. „Dann war ich drin, und dann war ich versaut“, sagt er heute. Die Macht des Geldes, die Verführung habe sich verselbstständigt.

Angeklagter sollte den Rest der Bande verraten

500 Marihuana-Pflanzen hatte er im Nebenraum seiner Werkstatt. Die Amphetamine habe er gekocht - insgesamt rund 250 Kilo. „Wie viel das wert war, weiß ich nicht, ich habe mich um den Anbau gekümmert.“ Irgendwann ist er aufgeflogen und fand sich vor Gericht wieder.

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Hätte er seine „Freunde“ verraten, hätte er den Saal mit acht Jahren Haft verlassen. Aber: „Ich bin von der alten Garde. Freunde verraten fiel mir schwer.“ Das gefiel der Staatsanwältin nicht und so bekam er elf Jahre Haft.

Nach zwei Dritteln entlassen? „Ich habe es versaut“

Er ging in Revision, aus den elf Jahren wurden zehn. Jetzt gibt es im Vollzug die Möglichkeit der vorzeitigen Entlassung - oft nach zwei Dritteln der Haftzeit. „Ich habe es versaut und habe daran gearbeitet, dass ich nicht raus komme“, erklärt der 75-Jährige heute.

„Am ersten Tag bin ich noch zwei Stunden Eis und Pizza essen gegangen. Das war ein bisschen blöd.“
75-jähriger Häftling

Es sei ihm nämlich die Auflage gemacht worden, dass er arbeiten gehe. Das wollte er auch. Doch es gibt eine Regel: Der Häftling muss auf dem kürzesten Weg zur Arbeit und wieder zurück. „Am ersten Tag bin ich zwei Stunden Eis und Pizza essen gegangen. Das war blöd“, so der Häftling.

Ab in den „Bunker“: Hier verstehen Beamte keinen Spaß

An der Stelle verstehen die Justizbeamten keinen Spaß. Wer sich so verhält, muss in den „Bunker“ und bekommt Freiheiten wie Kaffee und Fernsehen vorenthalten. „Das war prägend und hat gegriffen. Da will ich nicht nochmal hin.“

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Auch wer in der JVA arbeitet, muss pünktlich zum Dienst erscheinen. Smartphones sind zudem auf dem Gelände nicht erlaubt. Der 75-Jährige hielt sich nicht immer an jede Regel, was dazu führte, dass er noch heute dort ist.

„Nach zwei Jahren schleicht sich der Schlendrian ein“

Seine Erklärung: „Nach zwei Jahren schleicht sich der Schlendrian ein. Das ist wie in einer Beziehung.“ Am Anfang gebe man der Frau morgens einen Kuss bevor man zur Arbeit fährt, dann sagt man nur noch „Tschüss“ und irgendwann winke man noch aus dem Auto heraus.

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Apropos Beziehung: Die hält er aufrecht. Seine Frau ist seit 1983 mit ihm verheiratet. „Chapeau und ein dreifach Hoch, dass sie wartet“, sagt er. Er besucht sie in seinen Ausgangszeiten, so muss sie nicht ins Gefängnis kommen. „Damit versuche ich, die Beziehung aufrecht zu erhalten.“

Es ist nicht die erste Haftzeit, die die Frau mit ihm durchsteht. Ende der 80er-Jahre wurde er schon einmal verurteilt - wegen Autoschieberei.

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Doch jetzt ist ein Ende in Sicht und der Senior kann es kaum erwarten: „Nach neun Jahren gehe ich in die Knie. Das ist wie beim 10.000-Meter-Lauf: Die letzten 1000 Meter sagt der Körper ,Hast du sie noch alle? Hör doch auf!‘. In der Situation bin ich jetzt.“

Kein Kind von Traurigkeit

Er sei kein Kind von Traurigkeit. Was er gemacht habe sei widerlich und verwerflich, aber er habe niemanden umgebracht. Seine Meinung: „Wenn man fast neun Jahre gesessen hat und wenn man 75 Jahre alt ist, sollte man sagen: Entweder er hat es kapiert oder nicht. Wir lassen ihn laufen, und wenn er es nicht kapiert hat, dann kommt er zurück und wir schmeißen den Schlüssel weg.“

Seine aktuelle Hoffnung sei die Weihnachtsamnestie: Kurz vor Weihnachten kommen immer wieder Häftlinge in den Genuss einer vorzeitigen Entlassung.

Knast-Serie

Hinter den Gittern des Meisenhofs

  • In dieser Serie sprechen wir mit verurteilten Straftätern und Bediensteten der Justizvollzugsanstalt Castrop-Rauxel.
  • Wir wollen den Menschen in der Stadt so einen Einblick in das Leben hinter den Mauern des Meisenhofs geben.
  • *Alle Namen der Inhaftierten in dieser Serie wurden durch die Redaktion geändert.
  • Häftlinge beschreiben in der Serie ihre Straftaten, wie sie selbst sie in Erinnerung haben. Zum Schutz der Opfer und Angehörigen haben wir keine weiteren Recherchen unternommen, um auch sie zu befragen.
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