Kampfmittelsondierungen am Gondelteich in zwölf Meter Tiefe unterm Stadtgarten

hzLandwehrbach

Der Gondelteich steht für Idylle, für schöne Natur im Stadtgarten. Doch aktuell prägen Maschinen und Bagger das Bild. Das Ziel: Kampfmittel finden und beseitigen. Einen Fund gab es schon.

Castrop-Rauxel

, 13.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Eine sogenannte „Bauwatch“, ein spezielles Überwachungssystem, bietet schon den ersten Hinweis darauf, dass hier auf der Baustelle an der Schillerstraße/Ecke Glückaufstraße im Stadtgarten Hightech-Arbeit vonstatten geht. Mehrere Bagger, meterlange Rohre und seltsam anmutende Maschinen befinden sich direkt neben zwitschernden Vögeln und schwimmenden Enten am Gondelteich. Was hier geschieht, ist hochspezialisierte Ingenieurstechnik.

Beim Umbau des Emschersystems und der Entflechtung des Landwehrbaches wird auf einer Tiefe von 8 bis 12 Metern gebohrt, um eventuell Blindgänger zu finden - und diese Überreste aus den Weltkriegen zu beseitigen.

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Die Tiefensondierung wäre hierfür eigentlich das klassische Verfahren. Mit senkrechten Bohrungen in einem Abstand von 1,5 Metern und einer Tiefe von 7 Metern. „Insgesamt hätten wir so aber zu viel Erdreich abbauen müssen. Es hätte erhebliche Flurschäden gegeben“, sagt Michael Friedrich, zuständiger Ingenieur beim EUV-Stadtbetrieb.

Folgen wären zum Beispiel, dass einige Straßen neu gebaut, dass Bahnstrecken zwischenzeitlich gesperrt und dass der Gondelteich teilweise hätte abgepumpt werden müssen. Diese Kosten und der Aufwand wären immens gewesen, so Friedrich.

Horizontal statt vertikal bohren

Stattdessen setzt der EUV in Zusammenarbeit mit den Firmen „Saricon“, „Beermann“ und „van den Herik“ auf das sogenannte Uxoscope-Verfahren. Dabei wird waagerecht statt senkrecht gebohrt.

Kampfmittelsondierungen am Gondelteich in zwölf Meter Tiefe unterm Stadtgarten

Ingenieurskunst in Perfektion. Die eingesetzen Maschinen werden für das sogenannte Uxoscope-Verfahren benötigt. © Patrick Radtke

Über die gesamte Trasse des Landwehrbach-Kanals wird in vier Phasen eine spezielle Messsonde waagerecht unter der B 235, dem Stadtgarten, dem Gondelteich, dem Altstadtring und dem Erin-Park hergeführt, um den Boden zu überprüfen. Viele fünf Meter lange Rohre werden dafür aneinandergeschraubt und in den Boden gebohrt oder gedrückt - je nach Härtegrad.

Durch die Rohre verläuft ein Kabel, das die Verbindung zu einem Bus garantiert, in dem zwei Personen die millimetergenaue Bohrung steuern und die Messung beurteilen. „Für die Bohrung wurde ein spezieller Bohrkopf entwickelt“, erklärt Thomas Dreier von der Firma Van den Herik. „In diesem befindet sich ein Gyroskop, wodurch die Kollegen genau wissen, wann der Bohrer wo ist.“

Vor dem Gyroskopen, also einem rasch rotierenden, symmetrischen Kreisel, der sich in einem beweglichen Lager dreht, sitzen zwei sogenannte Totalfeld-Magnetometer. Diese messen das Erdmagnetfeld und erkennen auf diese Weise eisenhaltige Objekte im Boden im Radius von 1,50 Metern.

Kampfmittelsondierungen am Gondelteich in zwölf Meter Tiefe unterm Stadtgarten

Mehrere 5 Meter lange Rohre werden aufeinandergesteckt und in den Boden gebohrt. © Patrick Radtke

Wird dann etwas gefunden, „wird der Bohrprozess direkt gestoppt, um auszuschließen, dass das gemessene Objekt mit dem Bohrer in Kontakt kommt“, heißt es von der Firma Saricon. „Die Daten können dann direkt ausgewertet werden, um das Verdachtsobjekt zu bestimmen.“

Neben den aktuellen Bauarbeiten in Castrop-Rauxel wurde das Verfahren auch schon am Flughafen in Amsterdam während des laufenden Betriebes und an einer Eisenbahnlinie in Münster eingesetzt, so Dreier.

Während der Bohrung wird Bentonit eingesetzt, um die Maßnahmen zu stabilisieren. „Es wirkt quasi wie ein Gleitmittel“, erklärt Friedrich. Ist die Bohrung abgeschlossen, wird der Bohrer wieder herausgezogen, es entstehen also keine Austrittsschäden.

Das entstandene Loch wird dann mit einem Dämmmaterial auf Zementbasis verfüllt. Die entstandenen Schäden am Eintrittsloch werden wieder beseitigt - im Falle der Baustelle am Gondelteich womöglich mit neu verlegtem Rasen.

Ein Störkörper wurde bereits entdeckt

Die erste Bohrung in Castrop-Rauxel war ungefähr 550 Meter lang und erstreckte sich von der Straße „In der Kemnade“ bis zur Glückaufstraße. Knapp drei Wochen brauchten die Experten hierfür. Dabei schlug der Bohrer tatsächlich einmal an.

Doch Dreier und Friedrich geben Entwarnung. „Der Störkörper wurde am Anfang des Parks entdeckt. Aber vermutlich handelt es sich hier nur um ein abgebrochenes Bohrgestänge von früheren Arbeiten“, sagt Friedrich.

Wird ein Störkörper entdeckt, ist es die Aufgabe von Dreier, „die Stärke des Signals zu beurteilen, die Länge und zu entscheiden, ob wir ausweichen müssen oder weiter bohren können“, so Dreier. Denn gemessen wird in einem Durchmesser von drei Metern, der Bohrer selbst ist aber nur zwischen 25 und 30 Zentimeter dick.

Kampfmittelsondierungen am Gondelteich in zwölf Meter Tiefe unterm Stadtgarten

Das Eintrittsloch ist der einzige große Schaden, der durch die Bohrungen entsteht. © Patrick Radtke

Der gerade laufende zweite Bohrabschnitt führt bis zur Widumer Straße, ist 320 Meter lang und verlief bisher völlig unauffällig. Es folgen ab dem 23. April noch zwei Abschnitte vom Erin-Park in Richtung Altstadtring und in Richtung Herner Straße.

Insgesamt sollen die Bohrungen zwei Monate dauern. Beim klassischen Verfahren wären es sechs Monate gewesen. Mitte/Ende Mai ist also alles geprüft, „wenn nichts Unvorhergesehenes geschieht“, schränkt Thorsten Werth-von Kampen, stellvertretender Vorstand des EUV, ein. „Wir sind gespannt, was uns unter dem Altstadtgelände erwartet.“

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