Keine Notbetreuung: Grundschüler mit Autismus muss Zuhause bleiben

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Seine Eltern arbeiten in systemrelevanten Berufen. Trotzdem durfte Nicolas nicht in die Notbetreuung. Als Autist braucht er einen Schulbegleiter – und der fehlte. Jetzt gibt es eine Lösung.

Castrop-Rauxel

, 09.05.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Bürgermeister Rajko Kravanja hatte dazu aufgerufen, ihm Briefe zu schreiben. Briefe, mit deren Hilfe er von bislang unbekannten Problemen im Zuge der Corona-Krise erfahren wollte. Als sie den Aufruf in der Zeitung las, fackelte Thalea Kasprzak nicht lange.

Der Grund: Ihr Sohn Nicolas (8) ist Autist und wurde trotz der systemrelevanten Berufe seiner Eltern von der Notbetreuung in seiner Grundschule in Castrop-Rauxel ausgeschlossen. „Die Lehrer wussten einfach nicht, wie sie alleine mit ihm umgehen sollen“, erklärt Nicos Vater Ingo Kasprzak.

Er wolle niemandem einen Vorwurf machen. Schließlich werde sein Sohn normalerweise von einem Schulbegleiter betreut. Doch genau darin lag das Problem. Der Träger, der Kurzarbeit anmelden musste, stellte die Betreuung für Nico ein.

„Es gab immer wieder Hoffnung“

Zunächst versuchten Ingo und Thalea Kasprzak, das Problem alleine anzugehen. „Wir waren allein schon deshalb da hinterher, weil Nico nach langem Warten kurz vor dem Schulausfall endlich einen festen Betreuer bekommen hat“, sagt Ingo Kasprzak.

Wechselnde Betreuer eines anderen Trägers hatten zuvor für die Schulverweigerung des Zweitklässlers gesorgt. „Wir hatten Angst, dass er das Vertrauen in Martin Breitenstein direkt wieder verliert und nicht in die Schule gehen will, sobald es wieder möglich ist“, erklärt Ingo Kasprzak.

Es habe auf die Anfragen der Familie immer wieder Zu- und Absagen des Jugendamtes und des Trägers gegeben, immer wieder ein Fünkchen Hoffnung. Die Eltern zeigten Verständnis, weil niemand mit der aktuellen Situation richtig umzugehen wisse, so die Kasprzaks. Doch die Verzweiflung wuchs.

Denn Nicos Bruder Tom (6) ging nicht in die Kita, um seinem Bruder Gesellschaft zu leisten. Eine Doppelbelastung für die Eltern, die aufgrund von Krankmeldungen ihrer Mitarbeiter zu den einzigen Fahrern ihres Krankenfahrunternehmens geworden waren.

Schulbetreuer dürfen nicht aussetzen

„Da geht es dann schon an die Existenz“, sagt Ingo Kasprzak. „Die psychische Belastung war extrem hoch.“ Etwas, das laut Christian Frese, Geschäftsführer von Autismus Deutschland e.V., nicht hätte passieren dürfen.

„Schulschließungen beenden nicht die Schulpflicht“, sagt er. „Der Rechtsanspruch auf eine Betreuung erlischt nicht einfach, er besteht weiterhin. Und Träger und Jugendamt müssen sicherstellen, dass sie möglich gemacht wird – wenn vielleicht auch in eingeschränkter Form.“

Das Deutsche Institut für Jugend und Familienrecht habe das sogar mit Nennung entsprechender Paragraphen in seine Informationen zum Coronavirus aufgenommen. „Wenn wegen des Virus keine Betreuung in der Schule möglich ist, ist sie das Zuhause definitiv“, sagt Christian Frese.

Es gelte, individuelle Lösungen zu finden, um eine Begleitung des autistischen Kindes auch in der Krise zu gewährleisten. Und genau dieser Punkt half letztlich auch den Kasprzaks. „Ich habe dem Bürgermeister am 2. April geschrieben“, sagt Thalea Kasprzak. „Am 27. April wurden uns mit seiner Hilfe 15 Stunden pro Woche Zuhause bewilligt.“

Familie wird endlich wieder entlastet

„Aufgrund der akuten Notsituation der Familie wurde die Entscheidung getroffen, den Schulbegleiter des Sohnes auch unabhängig vom Schulbetrieb einzusetzen“, erklärt Stadt-Pressesprecherin Maresa Hilleringmann.

Nach der Kostenbewilligung durch das Jugendamt darf Martin Breitenstein nun seit Mai, 6. Mai, bei den Kasprzaks Zuhause mit Nico arbeiten. „Das ist so kurz vor Schulbeginn ein echter Glücksfall“, sagt Ingo Kasprzak.

Denn Nicos Betreuung ist nun auch ab Montag, 11. Mai, gesichert, wenn die Schule zumindest tageweise wieder losgeht. „Das war ein besonderer Fall“, sagt Bürgermeister Rajko Kravanja. „Und er zeigt, dass eine Stadtverwaltung gerade in solch eine Krisenzeit Lösungen findet und macht, was machbar ist.“

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