Kinderpsychologinnen sagen: Kinder müssen auch das Scheitern lernen

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Kinder sollten zur Selbstständigkeit erzogen werden, sagen die Kinderpsychologinnen Barbara Cirkel und Kornelia Sczudlek. Wenn Selbstvertrauen fehlt, sind psychische Erkrankungen die Folge.

Castrop-Rauxel

, 08.05.2019, 18:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Film „Elternschule“ hat im vergangenen Jahr für mächtig Aufsehen und Ärger bei Eltern gesorgt und eine Debatte über Kindererziehung ausgelöst. Der Streifen dokumentiert die „Elternschule“ an der Kinder- und Jugendklinik am Bergmannsheil Buer.

Der Film begleitet kleine Kinder mit schweren psychosomatischen Störungen unkommentiert bei der dreiwöchigen Therapie, in die die Eltern mit eingebunden sind, und den späteren Wieder-Vorstellungen in der Klinik. Der Film löste eine Diskussion über Erziehungsmethoden aus, verstörte viele Eltern.

Die Kinder- und Jugendpsychologinnen Barbara Cirkel und Kornelia Sczudlek sprechen im Interview über Selbstständigkeit der Kinder, bequeme Eltern und das veränderte Eltern-Kinder-Verhältnis.

Kinderpsychologinnen sagen: Kinder müssen auch das Scheitern lernen

Die Heilpädagogin Barbara Cirkel (l.) und die Motologin Kornelia Sczudlek (r.) plädieren dafür, Kinder selbstständig zu machen. © Foto: Lynn Pies

Wie wichtig ist es, dass Kinder selbstständig erzogen werden?

Cirkel: Sehr wichtig. Die sollte altersentsprechend gefördert werden. Dass Kinder beispielsweise zur Schule gekarrt werden, ist überzogen. Sie sollten lieber mit Mitschülern gehen, wenn das machbar ist.

Sczudlek: Aber das fängt ja schon im Kindergartenalter und früher an. Eltern wissen manchmal nicht, was Fürsorge ist und wo man den Kindern Freiräume lassen sollte, um Eigenständigkeit auszuprobieren.

Wie früh kann man bei Kindern über Selbstständigkeit reden?

Sczudlek: Das fängt beim Krabbeln an. Das Kind sollte zum Spielzeug krabbeln und nicht alles angegeben bekommen. Denn es ist der Sinn des Krabbelns, an irgendetwas heranzukommen und sich dorthin zu bewegen. Das dauert natürlich ein bisschen, aber das Kind lernt so, sich Dinge selbst zu erarbeiten. Und Kinder sollten selbst entscheiden, was sie spielen wollen. Sie müssen ihren Freizeitbereich durch eigene Erlebnisse gestalten.

„Kinder brauchen einen Rahmen mit Regeln, aber wenn es um Persönlichkeit und Interessen geht, brauchen sie einen Freiraum.“
Motologin Kornelia Sczudlek


Cirkel: Genauso ist es beim Reiz des Verbotenen. Natürlich will das Kind auch mal in die Spülmaschine greifen. Das ist der natürliche Forscherdrang, den man nicht einfach unterbinden sollte. Denn so fängt es an, dass Kinder unselbstständig werden.

Welchen Rat haben Sie an Eltern?

Cirkel: Alles, was die Kinder selbst machen können, sollen sie auch selbst machen. Auch, wenn es länger dauert, als wenn Mama und Papa das machen. Wenn Mama und Papa aus Ungeduld dem Kind immer die Jacke zumachen, fehlt irgendwann das Selbstvertrauen und im schlimmsten Fall sitzen diese Kinder dann mit einer Depression bei uns. Das sind am Anfang nur Kleinigkeiten, die sich dann aber durchziehen.

Sczudlek: Genau. Die Kinder brauchen einen Vertrauensvorsprung der Eltern. Auch wenn wir nicht immer wissen, ob es klappt, was sie vorhaben. Es kann auch mal was schiefgehen und dann kann man mit den Kindern eine Lösung finden oder das Kind sucht selbst eine Lösung.

Aber genau da liegt ja auch häufig das Problem...

Cirkel: Ja. Viele Eltern kümmern sich um alles und halten alles von ihren Kindern fern. Die sollen nur in der Schule funktionieren. Aber es gibt auch noch ein Leben drumherum, mit sozialen Kontakten, Hobbys und Verpflichtungen.

„Eltern müssen sich Ruhe und Zeit nehmen, das Kind mal machen zu lassen. Das braucht Geduld.“
Heilpädagogin Barbara Cirkel


Eltern gehen da häufig den einfachsten Weg und die Kinder lernen so nicht, ein Hindernis zu überwinden. Und wenn ich so erzogen werde, dann bleibe ich auch im Hotel Mama, weil es bequemer ist.

Und was ist die Konsequenz daraus?

Sczudlek: Kinder gehen den Problemen aus dem Weg. Das geht bis zur Depression und zur Angststörung. Es ist enorm wichtig, dass Kinder auch lernen zu Scheitern.

Woher kommt es, dass Kinder das offenbar nicht mehr lernen?

Sczudlek: Das Eltern-Kind-Verhältnis hat sich stark verändert. Es ist demokratischer geworden, manchmal sogar freundschaftlich. Eltern erziehen ihre Kinder häufig in dem Bestreben, es dem Kind immer so schön wie möglich zu machen. Sie wollen, dass es den Kindern einmal besser geht, als ihnen selbst. Das gibt den Kindern aber immer weniger Gründe auszuziehen und einen eigenen Weg zu finden. Und die Eltern freut es, weil sie dann weiter Kontrolle über ihre Kinder haben.

Cirkel: Die Abnabelung ist immer für beide Seiten problematisch. Vor allem, wenn es mal kracht. Aber man kann nicht davon ausgehen, dass man immer mit seinen Kindern befreundet ist. Eltern sind die Erwachsenen und stellen die Regeln auf.

Sczudlek: Aber etwas anderes hat sich noch geändert. Eltern heute reden nur noch, über alles. Dabei lernen Kinder mehr aus Erfahrung, als durchs Reden. Und man muss sie auch ihre eigenen Erfahrungen machen lassen. Wer zum Beispiel nicht einverstanden ist mit der Wahl der Freunde, sollte nicht eingreifen. Kinder kommen selbst dahinter, wer Freund ist und wer nicht.

Aber Regeln sind für Kinder doch grundsätzlich wichtig, oder?

Cirkel: Klar. Erwachsene wissen einfach mehr, haben mehr Lebenserfahrung. Daher sollten sie auch diejenigen sein, die Regeln klar benennen können. Kinder brauchen ein strukturiertes Leben, und Regeln geben Struktur.

Sczudlek: In dieser Struktur können Kinder sich selbst entwickeln. Die Berufsentscheidung sollten sie selbst treffen. Eltern wollen vor allem einen sicheren Job. Aber es ist normal, dass nicht jeder schon mit 17 weiß, was er will. Da braucht es Zeit, sich zu orientieren. Und der vermeintlich sichere Job passt nicht immer mit den Fähigkeiten und Interessen der Kinder zusammen.

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