Immer mehr Ladenlokale in der Castroper Altstadt stehen leer. Die Händler, die aufgeben, beschweren sich über fehlende Kunden und eine unattraktive Umgebung. Es werden weitere Lücken entstehen.

Castrop

, 11.01.2020, 16:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer zum Shoppen durch die Altstadt läuft, kommt derzeit an immer mehr leeren Ladengeschäften vorbei. Leere herrscht an vielen Stellen zwischen Münsterstraße, Simon-Cohen-Platz, Mühlenstraße und Biesenkamp. Und weitere Läden bereiten ihre Schließung vor.

Ob kleine Ladenlokale wie ein Handyladen an der Münsterstraße, ein E-Raucher-Shop am Marktplatz, ein Kiosk an der Mühlengasse oder große, traditionsreiche Gebäude wie das ehemalige Lichthaus am Biesenkamp oder das ehemalige Schuhgeschäft Schlatholt am Lambertusplatz: Die Liste der leerstehenden Läden lässt sich noch verlängern.

Am Simon-Cohen-Platz werden sich im Februar zwei weitere Leerstände dazu gesellen. Der Modeladen Jola‘s und der Vintage- und Retro-Laden Aufgemöbelt schließen. Aktuell läuft in beiden Läden der Räumungsverkauf.

Kundenflaute und Leerstände: „Ich habe noch nie eine so leere Altstadt gesehen“

Markus Krüger schließt Mitte Februar seinen Geschäft Aufgemöbelt am Simon-Cohen-Platz. Wirtschaftlich lohne sich der Laden einfach nicht mehr. © Jessica Hauck

Fünf Jahre lang hat Markus Krüger Aufgemöbelt betrieben, hat Originale aus den 50er-Jahren und aufgearbeitete Möbel verkauft. Am 15. Februar wird er sein Geschäft zum letzten Mal zuschließen. Der Laden sei einfach nicht mehr wirtschaftlich, sagt Krüger.

„Die Innenstadt ist so unattraktiv“

Er ist sich sicher: „Das hat nichts mit dem Konzept oder den Produkten zu tun.“ Vielmehr fehlen in der Altstadt die Kunden, sagt Krüger. „Die Innenstadt ist vom Angebot der Geschäfte so unattraktiv, dass die Leute nicht mehr hingehen.“

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In der Anfangszeit seines Geschäfts vor fünf Jahren sei das noch ganz anders gewesen. Das Kaufverhalten der Kunden habe sich über die Jahre sehr verändert, sagt Markus Krüger. Früher habe er zusätzlich zur Laufkundschaft Aufträge erhalten, um Möbel aufzuarbeiten. Heute kauften die Leute eher Kleinigkeiten, so Krüger.

Auch das Weihnachtsgeschäft 2019 sei überraschend schlecht ausgefallen. Er habe vielleicht noch ein Drittel so viel umsetzen können wie vor drei Jahren, schätzt Krüger. Wahrscheinlich seien die Kunden ins Internet abgewandert, vermutet er.

Kundenflaute und Leerstände: „Ich habe noch nie eine so leere Altstadt gesehen“

Am Simon-Cohen-Platz schließen gleich zwei Läden: Aufgemöbelt und Jola's. Nach fünf Jahren und neun Jahren an dem Standort geben beide Geschäftsbetreiber auf. © Jessica Hauck

Direkt nebenan betreibt seit neun Jahren Jolanthe Lewandowski ihr Modegeschäft Jola‘s, verkauft Damenkleidung und Schmuck. Ende Januar ist auch für sie Schluss. „Es lohnt sich nicht mehr“, sagt die Frau. Seit 30 Jahren arbeite sie als Verkäuferin in der Modebranche. Zeiten wie diese habe sie noch nicht erlebt. Selbst im Weihnachtsgeschäft sei „nichts los“ gewesen, sagt sie.

Kunden wollen nicht viel zahlen

Seit gut einem Jahr dauere die Kundenflaute inzwischen an. „Es geht einfach um Preise“, sagt Lewandowski. Die Kunden, die in den Laden am Simon-Cohen-Platz kämen, wollen Kleidung in guter Qualität haben, aber am liebsten zu ganz niedrigen Preisen. Nun sei der Laden nicht mehr tragbar. Bis zum 31. Januar versucht Jolanthe Lewandowski mit Rabatten, die restliche Ware abzuverkaufen.

Über fehlende Kunden, die in die Altstadt zum Bummeln kommen, wundert sich auch Ulrich Tönsmann, seit sieben Jahren Inhaber des Optikers Mues und Sternemann an der Münsterstraße. „Ich habe noch nie eine so leere Altstadt gesehen.“

Er mache seine Umsätze, die Kunden kämen in den Laden. Doch sie verlassen die Straße auch auf demselben Weg wieder, den sie gekommen sind, sagt Tönsmann. „Die Bummeln hier nicht.“ Dabei sei die Altstadt schön, gerade der Markt gefalle ihm gut. Man müsse die Altstadt aber mehr beleben.

Kundenflaute und Leerstände: „Ich habe noch nie eine so leere Altstadt gesehen“

An der Mühlenstraße scheint im Januar ein Leerstand zu verschwinden. Aber das ist eine der wenigen guten Nachrichten zurzeit. © Jessica Hauck

Die Altstadt attraktiv machen, Veranstaltungen schaffen, die nachhaltig die Menschen aufmerksam machen auf Castrop-Rauxel und die Altstadt, das ist Aufgabe von Casconcept. Die Standortgemeinschaft organisiert Veranstaltungen wie den Naschmarkt, kümmert sich um den Laser vom Hammerkopfturm in der Adventszeit, macht Moonlight-Shopping und die Beachvolleydays auf dem Markt.

Breilmann: Mehr Veranstaltungen helfen nicht

Ein paar Veranstaltungen pro Jahr helfen aber nicht, die Laufkundschaft anzulocken, kritisiert Markus Krüger von Aufgemöbelt.

Immer mehr Veranstaltungen und Aktionen zu starten, helfe den Einzelhändlern nicht, glaubt auch Prof. Ulrich Breilmann aus dem Vorstand von Casconcept. „Ich glaube nicht, dass eine Inflationierung von Veranstaltungen mehr Frequenz erreicht.“

Leerstände und fehlende Kunden in der Altstadt seien auch kein Problem von Castrop-Rauxel allein, so Breilmann. Viele Filialisten wie Gerry Weber oder Staples hätten in letzter Zeit die Entscheidung getroffen, Filialen zu reduzieren. Zudem mache der Onlinehandel den Einzelhändlern in den Innenstädten Konkurrenz.

Viele Kunden würden sich lieber von zu Hause durch die Angebote großer Onlinehändler klicken, als selbst raus zu gehen und in einer Fußgängerzone nach Produkten zu suchen. „Wir können uns hier den allgemeinen Tendenzen zum Onlinehandel nicht entziehen“, sagt Breilmann.

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Solche Tendenzen kann auch Casconcept nicht ändern. Derzeit sei Casconcept mit der Stadt und Westnetz im Gespräch, die Beleuchtung an der Münsterstraße Richtung Simon-Cohen-Platz heller zu gestalten. Doch ein Konzept für die ganze Altstadt, das ein Leerstandsmanagement umfasst, könne die Standortgemeinschaft nicht leisten, so Breilmann. Vielleicht könne hier die Marketing-Gesellschaft helfen, die die Stadt in diesem Jahr gründen will.

Erfolg braucht ein Alleinstellungsmerkmal

Wer als Einzelhändler in der Altstadt erfolgreich sein wolle, brauche ein gutes Konzept, sagt Breilmann. Ein Alleinstellungsmerkmal, das die Kunden nur bei ihm finden.

Doch auch die Kunden müssten sich an die eigene Nase fassen. „Wir dürfen uns nicht beklagen, dass die Innenstädte aussehen wie sie sind, wenn wir die Händler nicht unterstützen“, findet Ulrich Breilmann.

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