Prachtboulevard der Nazis: Castrop-Rauxeler Straße hieß einst Adolf-Hitler-Straße

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Kaum eine Straße symbolisiert in Castrop-Rauxel den gesellschaftlichen Wandel wie diese. Im April 1933 wurde sie in Adolf-Hitler-Straße umbenannt. Heute pulsiert dort das multikulturelle Leben.

Castrop-Rauxel

, 09.01.2020, 16:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Eine Einkaufsstraße ist sie schon seit Ewigkeiten. In der Weimarer Republik hieß sie Kronprinzen-Straße, während des Nationalsozialismus wurde sie in Adolf-Hitler-Straße umbenannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte ihre letzte Umbenennung. Und heute? Sie ist bunt, sie ist international, sie ist bekannt vom südlichsten Zipfel der Stadt bis zum Nordrand von Castrop-Rauxel.

Die Lange Straße im Castrop-Rauxeler Ortsteil Habinghorst: Eine alte Postkarte zeigt nun unverkennbar, dass die Straße, gesäumt von Geschäften auf beiden Straßenseiten, einst Adolf Hitler gewidmet war.

Umbenennung der Straßen zur Widmung des NS-Regimes

In der Zeit des NS-Regimes wurden nach Angaben des Instituts für Regionalgeschichte des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe deutschlandweit Straßen und Plätze umbenannt: Bedeutende politsche Persönlichkeiten bekamen eigene zentrale Achsen gewidmet.

Am 30. Januar 1933, kurz nach der Machtergreifung durch die NSDAP, wurden in Castrop-Rauxel die ersten vier Straßen umbenannt. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges waren es 13 Straßennamen, die sich änderten – und von denen mittlerweile keiner mehr existiert.

Drei „Nazi-Größen“ waren Namensgeber für die Castrop-Rauxeler Straßen: Hermann Göring, Albert Leo Schlageter und Adolf Hitler. Die anderen damals neuen Namen bezogen sich nicht auf konkrete Personen, sondern ließen sich dem Bereich Militär zuordnen.

Die heutige Lange Straße hieß damals Adolf-Hitler-Straße

Der bekannteste Fall ist tatsächlich die heutige Lange Straße: Sie hieß zum damaligen Zeitpunkt Kronprinzen-Straße – bis zum 18. April 1933. Im Zuge ihrer Umbenennung wurden Adolf Hitler und Reichspräsident Paul von Hindenburg Ehrenbürger von Castrop-Rauxel. Damals enthielten sich nur die SPD-Ratsmitglieder ihrer Stimme. Alle anderen stimmten dafür.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Straßennamen gleich fast überall abgeschafft. Die Ehrenbürgerschaft wurde später erst aberkannt: Die von Adolf Hitler hob der Stadrat 2011 einstimmig auf, die von Paul von Hindenburg am 5. Juli 2018.

Multikulturelles Leben in Habinghorst

Mit Einkaufsmöglichkeiten und internationalen Restaurants, Straßenfesten und vielen Anwohnern verschiedener Herkunft gehört die Lange Straße heute zu den belebtesten, zugleich auch multikulturellsten Straßen der Stadt.

Im Wortlaut

Auszug aus dem Stadtanzeiger von April 1933

Prachtboulevard der Nazis: Castrop-Rauxeler Straße hieß einst Adolf-Hitler-Straße

Der Auszug aus dem Stadtanzeiger © Stadtarchiv

  • Eine gewisse Entschädigung erhielt man hierfür durch die recht temperamentvolle Auseinandersetzung, die sich zwischen der NSDAP und der Kampffront „Schwarz-Weiß-Rot“ über die Umbenennung Kronprinzenstraße in Adolf Hitler Straße entspann.
  • Von beiden Seiten wurden hier Motive in den Vordergrund gerückt, die vaterländlichen oder heimatlichen Charakter trugen und die der Gesinnung der betreffenden Sprecher alle Ehre machte.
  • Immerhin konnte man sich bei der ziemlichen Ausgedehntheit, die die Debatte annahm, nicht des Gefühls erwehren, dass hier ein wenig zu viel des Guten getan wurde und dass es deshalb einfacher und eindrucksvoller gewesen wäre, wenn man sich über diesen Punkt in der vorbereitenden Sitzung des Stadtverordnetenvorstands verständigt haben würde.
  • So bedurfte es der diplomatischen Vermittlungskunst Dr. Antons, die widerstrebenden Meinungen einander näher zu bringen und wirklich doch noch eine Einigung herbeizuführen, die allen Teilen gerecht wurde. Man kam nämlich dahin überein, dass die Kronprinzenstraße den Namen Adolf Hitler Straße erhält und der Marktplatz neben der Bauernschänke in Habinghorst in Zukunft den Namen Kronprinzenstraße führen soll.
  • Wesentlich kürzer und damit auch in der Form erhebender fiel die Ehrung aus, die man beiden großen Führern des deutschen Volkes Reichspräsidenten v. Hindenburg und Reichskanzler Adolf Hitler durch die Verleihung der Ehrenbürgerrechts der Stadt Castrop-Rauxel bereitete.
  • Nach einer kurzen zündenden Ansprache des Stadtverordnetensprechers fand der Vorschlag die Willigung aller Parteien. Lediglich die Sozialdemokraten erhielten sich der Stimme.
  • Im Anschluss hieran erhob sich Versammlung und sang die erste Strophe des Deutschlandliedes. Ein Vorgang (…) von echt vaterländischer Gesinnung, wie von der Stadtverordnetenversammlung wohl noch nicht erlebt, und der mit ganz besonderer Eindringlichkeit zeigte, wie groß und gewaltig der Umschwung ist, der sich gottlob in unserem deutschen Vaterlande auf allen Gebieten des öffentlichen Leben vollzogen hat.
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