Lukas Boltner (27) wohnt im Bauwagen in Ickern - in Bochum lebte er noch alternativer

hzTrend zum Tiny House

Als wir Lukas Boltner in Ickern treffen, empfängt er uns mit einem Tee in der Sonne. Selbst gesammelte Kräuter. Er wohnt in einem Bauwagen. Wir sprechen übers Leben in kleinen Behausungen.

Ickern-End

, 23.04.2019 / Lesedauer: 5 min

Wer Lukas Boltner sieht, erkennt beim ersten Anblick, dass er ein alternativer Mensch ist: verfilzte, lange Haare, die Gitarre gleich neben sich, ein, zwei kleinere Löcher im Baumwollpulli, gerade nicht frisch rasiert. Er wohnt zurzeit in einem Bauwagen im Vorgarten eines Hauses seiner Eltern in Ickern. Einem Bauwagen, der eigentlich als Atelier dient, in dem seine Mutter und er malen oder wo er schneidert oder Schmuck herstellt aus Avocadokernen, die ihm ein Restaurant zur Verfügung stellt.

Lukas Boltner ist 27 Jahre alt und wuchs in dem Haus auf dem Grundstück mit sehr bunt angelegtem Vorgarten in Ickern-End auf. Fast sein ganzes Leben über stand dieser Bauwagen aus Blech im Vorgarten. Dass er heute neben einem Zimmer im Haus, wo er auch gemeldet ist, in diesem Bauwagen wohnen würde, hätte er vielleicht nie geahnt. Doch Lukas Boltner experimentiert: Er ist auf der Suche nach der richtigen Lebensform für sich.

Lukas Boltner (27) wohnt im Bauwagen in Ickern - in Bochum lebte er noch alternativer

Der Bauwagen von Familie Boltner steht seit 25 Jahren im Vorgarten in Ickern. © Tobias Weckenbrock

„Man muss hier alles weglassen und herausfinden, was für einen selber Leben bedeutet“, sagt er. „In unserer heutigen Konsumgesellschaft versuche ich für mich zu ermitteln, was ich zum Leben überhaupt brauche. Das kann man nur feststellen, wenn man weiß, was wichtig ist.“

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Was wirklich wichtig ist bedeutet: sich von vielen Dingen zu trennen. Das hat Lukas Boltner in den vergangenen Jahren schon hinter sich gebracht. Er hatte phasenweise gar keine Wohnung. Damit begann seine Experimentierphase. „Ich war von einem auf den anderen Tag obdachlos, habe geschaut, wie komme ich zurecht mit einem Rucksack, in dem alles drin ist“, erzählt der 27-Jährige. „In der zweiten Nacht ist mir die Hälfte geklaut worden. Da habe ich festgestellt: Wenn man wenig hat, ist das, was man hat, viel mehr wert, als wenn man viel hat.“

Einst wohnte er in und unter einem Baum

Er lebte in einer verlassenen Etage eines Hauses, er lebte auf und unter einem Baum in Bochum. „Eine Rotbuche, deren Äste bis zum Boden herunter wuchsen. So hatte ich ein komplettes Blätterkleid, durch das man nicht hindurch sehen konnte“, sagt Boltner. Mit Seilen schnürte er Plattformen auf unterschiedlichen Ebenen des Baumes und verbrachte so ein paar Monate mit einem Zelt nur für die Regentage.

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Dort, erzählt er, habe er gelernt, „dass man einen Ort braucht, zu dem man Leute einladen kann“. Denn er möchte kein Aussteiger sein, schon gar kein Einzelgänger. Das mit dem Einladen von Leuten sei damals im Oktober aber schwierig geworden, weil es recht kühl war. „Ich hatte mich daran gewöhnt, aber die Leute, die immer in einer Wohnung sind, sind die Kälte und die Feuchtigkeit nicht gewohnt.“

Lukas Boltner (27) wohnt im Bauwagen in Ickern - in Bochum lebte er noch alternativer

Lukas Boltner (27) liebt das Musizieren, die Jonglage, arbeitet mit Kindern und Jugendlichen in Zirkusprojekten und lebt anders als viele andere: Er will auf möglichst viel Konsum verzichten. © Tobias Weckenbrock

Der Bauwagen, in dem er sein Bett und das Atelier und seine wenigen Habseligkeiten hat, ist vielleicht 10 Quadratmeter groß. Er ist innen verkleidet, außen aus Blech. Übers Dach hat er eine Plane gespannt, denn das Dach ist etwas undicht geworden über die letzten 25 Jahre, die der Wagen schon auf dem Grundstück steht.

Sanitäranlagen nutzt er im Haus nebenan. Eine kleine Stromheizung hat er im Wagen - denn heizen mit Feuer sei nicht erlaubt. Ebenso wie der Aufbau eines Kompostklos. Für Strom, auch wenn die Heizung nur bei größter Kälte mal ein paar Stündchen an sei, Wasser und Miete zahle er monatlich an seine Eltern.

„Es ist ja nicht wirklich erlaubt“

Das Haus nebenan hilft ihm auch, die bürokratischen Hürden zu umschiffen: „Es ist ja nicht wirklich erlaubt, in einem Bauwagen zu wohnen“, so Boltner. Den das ärgert: „Ich weiß nicht warum, weil die Menschen, die in einem Bauwagen wohnen, viel bewusster mit der Natur umgehen als die, die in einem Haus sind.“

Lukas Boltner (27) wohnt im Bauwagen in Ickern - in Bochum lebte er noch alternativer

Lukas Boltner neben dem Bauwagen, in dem er zuletzt einige Monate wohnte. © Tobias Weckenbrock

Darum ist Lukas Boltner ein Freund der in die Diskussion kommenden Tiny-House-Bewegung: „Ich informiere ich mich über die verschiedenen Möglichkeiten“, sagt er. Beim Tiny House werde geschaut, welche Form fürs Wohnen am effizientesten ist - ein guter Ansatz, wie er findet: die beste Platz- und Wärme-Effizienz - und dann schauen, was man fürs Leben wirklich braucht. „Schlafraum, Küche, Bad - das ist alles.“ Man müsse nicht so viel heizen, brauche nicht so viele Gegenstände, müsse kein Zeug ansammeln, nicht so viel putzen. „Das ist auf jeden Fall ein tolles Projekt.“

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Nur auch da gelte das Bürokratie-Problem: Man darf nicht darin leben, wenn das Gebiet, auf dem es steht, nicht als solches erschlossen worden ist. Dennoch glaubt er daran, dass der Trend Raum gewinnen wird. „Wenn sich die Politik mal langsam eingestehen würde, dass es Sinn macht und sich nicht mehr auf die kapitalistische Wirtschaft konzentriert, dann ja“, so Boltner.

Lukas Boltner (27) wohnt im Bauwagen in Ickern - in Bochum lebte er noch alternativer

Am Rande eines hübsch bepflanzten Vorgartens in Ickern steht der Bauwagen, in dem ein Atelier eingerichtet ist - und ein Bett. © Tobias Weckenbrock

„Weil ich glaube, dass die Menschen aufgrund des unglaublich großen Angebotes heute weniger haben wollen. Man braucht Orientierung im Leben. Und wenn man das, was man hat, auf 20 Quadratmeter zusammenfassen kann, dann tut einem das sehr gut.“ Es werde immer mehr Menschen geben, die aufgrund der Globalisierung sagen: Das ist mir zu viel, ich beschränke mich auf das Wesentliche.

„Komfort ist Definitionssache“

Komfort sei Definitionssache. „Wir trinken hier Tee - ich hätte uns einen Beutel aufgießen können, aber den Tee, den wir trinken, habe ich selber gesammelt. Es gibt überall Komfort, man kann alles um einen herum finden. Nahrungsmittel, die man selber anbauen kann, daran empfinde ich viel mehr Komfort als wenn ich in einen Laden gehe und mir da irgendwas aus Spanien kaufe.“

Lukas Boltner (27) wohnt im Bauwagen in Ickern - in Bochum lebte er noch alternativer

Auf der einen Seite auf den rund zehn Quadratmetern ist Platz zum Arbeiten und Kochen, auf der anderen Seite für ein Bett und etwas Stauraum. © Tobias Weckenbrock

Nach Spanien zieht es ihn nicht, aber doch weg von Ickern: Sein nächstes Projekt ist ein Anerkennungsjahr in Horst im Holsteiner Land. Dort gibt es ein Kinderheim-Zirkusprojekt namens Ubuntu, bei dem die Kinder und Jugendlichen auch in Bauwagen leben. Außerhalb, aufs Wesentliche konzentriert. Lukas Boltner, der vor dem Abschluss seiner Erzieherausbildung in einer Waldorf-Einrichtung in Dortmund steht, will dort einziehen. Er will mit den Kindern das machen, womit er auch zurzeit seinen schmalen Lebensunterhalt ergänzt: Zirkus veranstalten. Er beherrscht und vermittelt die dynamische Jonglage, er musiziert gern.

Und er will weiter experimentieren. In Horst plant er den Bau eines Stroh-Lehm-Hauses. Darin wolle er ein Jahr lang wohnen, um übers Jahr zu lernen, wie es sich mit dem Wohnen darin in den Jahreszeiten verhält. Den Ickerner Bauwagen lässt er dann hinter sich.

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