Die Lutherkirche ist die wichtigste evangelische Kirche Castrops. © Tobias Weckenbrock (Archiv)
Evangelische Kirche

Mehr Beerdigungen als Taufen: Evangelische Gemeinden schrumpfen stark

In den vergangenen 30 Jahren haben die evangelischen Gemeinden in Castrop-Rauxel Zehntausende Mitglieder verloren. Die Gründe sind vielfältig, doch es gibt Ideen, wie der Trend aufzuhalten ist.

Christliche Kirchen in Deutschland kämpfen alle mit dem gleichen Problem: Ihre Mitglieder werden durchschnittlich älter, der Nachwuchs fehlt. Hinzu kommt die steigende Anzahl an Kirchenaustritten. 1986 hatte der Evangelische Kirchenkreis Herne noch 107.000 Mitglieder, 2020 ist sie um 40 Prozent geschrumpft und liegt heute bei 61.400.

Für Kirchenmitgliedschaft rechtfertigen

Doch was sind die Gründe für den drastischen Rückgang? Wir fragen Pfarrer Arnd Röbbelen. „Einer der wichtigsten Punkte ist, dass es mehr Kirchenaustritte als -eintritte gibt“, sagt der für Öffentlichkeitsarbeit zuständige Mann im Team des Evangelischen Kirchenkreises Herne, zu dem auch die drei Castrop-Rauxeler Gemeinden zählen.

„Wenn junge Leute anfangen, Geld zu verdienen, dann schauen sie auf ihren Lohnschein und machen sich ihre Gedanken über die Kirchensteuer. Es sind oft finanzielle Gründe“, glaubt Röbbelen.

Manch ein junger Mensch sei nur noch aus Tradition, aus familiären Gründen in der Kirche, aber nutze die Angebote kaum. „Dann tritt er eben irgendwann aus. Heute muss man sich ja eher dafür rechtfertigen, in der Kirche zu sein, als für einen Austritt“, sagt Röbbelen.

Hinzu kommt der Unmut der Kirchenmitglieder. „Leute, die sich ärgern, treten ebenfalls aus. Und dann gibt es Gründe, die sich nicht konfessionell trennen lassen: Wenn es in der katholischen Kirche einen Missbrauchsskandal gibt, kann sich das auch auf unsere Austrittszahlen auswirken“, hat Röbbelen festgestellt.

Die Petrikirche in Habinghorst: Die einst drei Gemeinden im Norden Castrop-Rauxels in Ickern, Henrichenburg und Habinghorst sind inzwischen zu einer fusioniert. Das Kirchengebäude an der Wartburgstraße wird bald aufgegeben.
Die Petrikirche in Habinghorst: Die einst drei Gemeinden im Norden Castrop-Rauxels in Ickern, Henrichenburg und Habinghorst sind inzwischen zu einer fusioniert. Das Kirchengebäude an der Wartburgstraße wird bald aufgegeben. © Tobias Weckenbrock © Tobias Weckenbrock

Mehr Beerdigungen als Taufen

All diese Gründe seien schmerzhaft für die Kirche, doch der Hauptgrund für den Rückgang der Mitgliedszahlen sei ein demographischer, sagt der Pfarrer. „Es gibt bei uns vier- oder fünfmal mehr Beerdigungen als Taufen“, so Röbbelen.

So fehle es an Nachwuchs in einer Region, aus der Leute auch eher weg- als hinzögen. Die Gemeinschaften anderer Religionen wüchsen, es gebe zudem mehr Menschen, die sich keiner Kirche zugehörig fühlen.

„Kirche ist weiter relevant“

Röbbelen glaubt allerdings nicht, dass die Kirche Missionarsarbeit leisten muss, um neue Mitglieder zu gewinnen. Viel wichtiger sei es, mit christlichen Werten zu überzeugen. „Wir beten für Frieden und haben mit unseren Werten und Glaubensinhalten einiges zur Gesellschaft beizutragen. Da merken wir: Wir sind als Kirche relevant“, sagt Röbbelen selbstbewusst.

Das werde ihm immer wieder im Alltag bewusst, wenn sich Schüler mit Fragen und Sorgen bei ihm meldeten.

„Gerade an den Übergängen im Leben sind wir da“, so Röbbelen: „Ob bei der Geburt, der Taufe oder der kirchlichen Trauung, wir sind für die Leute ansprechbar. Wenn jemand stirbt, sind wir noch immer der erste Ansprechpartner.“ Wichtig sei daher, dort für die Menschen da zu sein, wo Kirche gebraucht werde.

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