Mehr Menschen melden dem Jugendamt Fälle von Gefährdung des Kindeswohls

hzJugend und Familie

Seelische und körperliche Misshandlung, sexuelle Gewalt, Vernachlässigung – das Jugendamt in Castrop-Rauxel erhält in Zeiten von Corona mehr Meldungen zu möglicher Gefährdung des Kindeswohls.

Castrop-Rauxel

, 14.09.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Deutschlandweit wird eine Rekordzahl der Fälle von Kindeswohlgefährdung gemeldet. Schon 2019 war die Zahl der Verdachtsfälle um zehn Prozent höher als im Vorjahr. Dies gilt auch für NRW. Seit Beginn der Coronakrise steigen die Zahlen mancherorts weiter. Das hat nicht nur einen Grund, sagt Michael Zemsky, Leiter des Bereichs „Jugend und Familie“ in Castrop-Rauxel, bei dem wir nachgefragt haben.

? Wie haben sich die Zahlen in Castrop-Rauxel entwickelt?

„In der Zeit von Corona haben wir deutlich mehr Mitteilungen“, bestätigt Michael Zemsky. Im ersten Halbjahr erreichten das Jugendamt 87 Mitteilungen. Im Vergleichszeitraum 2019 waren es 45. Er schränkt allerdings ein: „Nicht in allen Fällen hat sich eine Kindeswohlgefährdung bestätigt.“ Hier ist der Trend sogar ein anderer. In 18 Fällen bestätigte sich der Verdacht, ein Jahr zuvor waren es 20 Fälle.

Mehr Fälle

  • Die Jugendämter in Deutschland haben im Jahr 2019 bei rund 55.500 Kindern und Jugendlichen eine Kindeswohlgefährdung festgestellt.
  • Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren das 10 Prozent oder rund 5100 Fälle mehr als 2018. Die Zahl der Kindeswohlgefährdungen ist damit auf einen neuen Höchststand angestiegen.

? Woran liegt es, dass sich mehr Menschen an das Jugendamt wenden?

Michael Zemsky kann es nur vermuten. Naheliegend für ihn ist, dass die Missbrauchsfälle in Lüdge oder Bergisch Gladbach die Gesellschaft für das Thema sensibilisiert haben. Wenn es oft laut wird bei den Nachbarn, wenn Kinder Auffälligkeiten zeigen – es gibt viele Gründe, weshalb sich besorgte Bürger melden.

? Was passiert, wenn das Jugendamt von einem Verdachtsfall erfährt?

Die Mitteilung wird von einem Sachbearbeiter erfasst und dokumentiert. Dann beraten sich die Fachkräfte. Es folgt ein unangekündigter Hausbesuch – „immer zu zweit“, sagt Zemsky. Danach folgt eine weitere Beratung der Kollegen.

? Was sind das alles für Fälle?

„Man kann keine Schablone anlegen. Das sind alles sehr unterschiedliche Fälle“, sagt der Bereichsleiter im Jugendamt. Körperliche Misshandlung, Vernachlässigung, seelische Vernachlässigung – die ganze Palette ist dabei. Auch die Bewertung könne bei gleicher Meldung unterschiedlich ausfallen. Wenn ein Kind zum Beispiel allein gelassen wird, macht das Alter einen großen Unterschied oder die Frage, wie häufig das Kind allein gelassen wird. „Das wird manchmal in detektivischer Kleinarbeit eruiert“, so Michael Zemsky.

? Was sind die weiteren Schritte?

„Wir wollen die Eltern mit ins Boot holen“, so Michael Zemsky. Man bietet also Hilfen an, findet heraus, inwiefern Eltern bereit sind mitzuarbeiten. Möglich ist vieles. Es können Beratungsstellen vermittelt werden, Hilfe zur Erziehung angeboten werden, aber auch stationäre Hilfen. Immer wird auch geschaut, welche Ressourcen es gibt. Kann man also jemanden anderen aus der Familie oder dem Umfeld einbeziehen.

Eine Möglichkeit ist es, Schutzkonzepte aufzustellen. „Es gibt dann schriftliche Vereinbarungen, was zu tun ist“, beschreibt Michael Zemsky. Das kann sein, dass einfach mal die Wohnung auf Vordermann gebracht werden muss. Oder aber das Kind zu bestimmten Terminen vorgestellt werden muss. Michael Zemsky betont außerdem die Kooperation mit anderen Kommunen und Trägern gerade im Bereich Kinderschutz.

Definition

  • Laut Paragraf 1666 Absatz 1 des Bürgerlichen Gesetzbuches liegt eine Kindeswohlgefährdung vor, wenn „eine vorhandene Gefahr festgestellt wird, dass bei der weiteren Entwicklung der Dinge eine erhebliche Schädigung des geistigen oder leiblichen Wohls des Kindes mit hinreichender Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist“.

? Wie hat sich Corona ausgewirkt?

„Vor allem Anfang mussten wir erfinderisch werden“, sagt Michael Zemsky. Bei dem guten Wetter hätten sich Mitarbeiter mit den Erziehunsberechtigten viel draußen getroffen. Das sei für Familien mit beengtem Wohnraum sogar von Vorteil gewesen. Aber auch Kontakte über Telefonate oder Videokonferenzen gab es.

? Vielerorts wird von der Überlastung der Jugendämter gesprochen. Wie sieht es in Castrop-Rauxel aus?

„Langweilig wird uns nicht“, sagt Michael Zemsky. Der Bereich Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD), der unter anderem für den Bereich der Kindeswohlgefährdung zuständig ist, sei aber gut aufgestellt. Zurzeit gibt es 14 Mitarbeiter, allerdings nicht alle in Vollzeit. In diesem Jahr wurden zwei neue Stellen eingerichtet, von denen eine noch nicht besetzt ist. Die Jugendhilfe hat mir rund 1000 Kindern und Jugendlichen im Jahr regelmäßig, wenn auch unterschiedlich intensiv, Kontakt.

? Wie belastend ist die Arbeit?

„Die Mitarbeiter sehen jede Menge Dinge, die sie belasten. Aber sie sehen auch freudige Ereignisse, sehen, dass sie etwas bewirken können“, sagt Michael Zemsky, Er ist seit elf Jahren Bereichsleiter und sagt: „Die Arbeit macht trotz der Belastung Spaß.“

? Was gehört noch zu diesem Bereich des Jugendamts?

Michael Zemsky nennt als Beispiele Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Ausländern, den Pflegekinderdienst oder Vormundschaften. „Das Jugendamt ist ein Serviceangebot“, so Michael Zemsky und verweist auch auf weitere Bereiche. Da zählt Schulsozialarbeit dazu. Zum Bereich „Frühe Hilfen“ gehören Willkommensbesuche für jeden Neugeborenen. Auch Familienbüros und die Familienzentren der Kindertagesstätten sind wichtig. Für Ältere kommt dann die Aufsuchende Jugendhilfe dazu.

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