Obercastrop: Viele Grünflächen, aber ein geteilter Stadtteil

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Seit über 30 Jahren wohnt der 56-jährige Jörg Sibbe in Obercastrop. Er fühlt sich hier wohl und schätzt den dörflichen Charakter, obwohl es in dem Stadtteil zwei Seiten gibt.

Obercastrop

, 11.04.2019 / Lesedauer: 5 min

Als sich Jörg Sibbe im Jahr 1987 dazu entschied, an die Kreuzstraße in Obercastrop zu ziehen, war vieles im Stadtteil noch anders. An der Kreuzstraße gab es einen Rewe-Supermarkt und einen Bäcker. Beide haben heute nicht mehr geöffnet.

Schlimmer noch: Im Grunde gibt es im gesamten Stadtteil keine Einkaufsmöglichkeit. Mit zwei Ausnahmen: Fleischerei Bols an der Bochumer Straße und der Lidl-Supermarkt mit Bäcker an der Wittener Straße. Doch von der Kreuzstraße aus sind es fast zwei Kilometer bis zum Lidl – eine Strecke, die vor allem für ältere Personen ein Problem darstellt.

Näher dran ist da sogar noch der Kaufland im Einkaufszentrum am Widumer Platz in der Castroper Altstadt. „Was fehlt ist die Kleinstversorgung, sodass man nicht immer direkt ins Auto springen muss oder vor allem der ältere Nachbar sich auch einige Dinge ohne Probleme holen kann“, sagt der 56-jährige Jörg Sibbe.

Mehr Autos sorgen für weniger freie Parkflächen

Er wohnt mittlerweile seit 1996 am Klothkamp und stört sich vor allem an der immer schwieriger werdenden Parksituation. Im Laufe der Jahre haben sich immer mehr Menschen ein Auto zugelegt. „Der Parkraum wird weniger, in den kleineren Straßen wie dem Klothkamp wird bis auf die letzte Rille geparkt“, so Sibbe.

Gemeinsam mit seiner Frau Heike und seiner Stieftochter wohnt er hier. Nachts lässt er die beiden nicht durch den Stadtgarten laufen, der sich laut der offiziellen Karte der Stadtverwaltung schon komplett in Obercastrop, nicht etwa in Castrop befindet. „Ich gehe nachts großräumig um den Stadtgarten herum. Was sich da manchmal abends oder nachts für ein Klientel herumschlägt, ist nicht schön“, sagt Sibbe.

Obercastrop: Viele Grünflächen, aber ein geteilter Stadtteil

Den Stadtgarten meiden Jörg Sibbe und seine Familie in der Nacht. © Jens Lukas

Der 56-Jährige redet gerne davon, dass er bislang stets auf „der guten Seite“ der Bochumer Straße gewohnt hat. Auch Katharina Talarowski sieht das ähnlich. Sie hat früher auf der Wittener Straße unweit des Restaurants „Bei Michele“ gelebt. „Mittlerweile wohne ich auf der schönen Seite, vorher habe ich auf der unschönen gewohnt“, sagt sie. „Das merkt man an den Menschen, dort fühlt man sich unsicherer“, so die 26-Jährige.

Die staatlich anerkannte Kindheitspädagogin kann das sogar belegen: „Ich habe hier nicht das Problem, als Frau abends spazieren zu gehen, was ich abends dann auf der anderen Seite Obercastrops schon eher hatte, wo man Tage später von Überfällen in der Zeitung lesen konnte.“

Die Obercastroper schwärmen vom dörflichen Charakter

Wobei Katharina Talarowski dennoch die Geselligkeit in Obercastrop gefällt. „Es schließen sich abends in der Kneipe sogar Leute zusammen, die allesamt in Obercastrop wohnen. Ich höre das öfters von Obercastropern und habe das auch schon selbst erlebt“, sagt sie.

Auch Jörg Sibbe schwärmt von dem dörflichen Charakter des Stadtteils. „Ich rede immer noch von ‚unserem Dorf‘, und wenn man durch die Straßen geht und einige ältere Leute trifft, ist immer noch dieser dörfliche Charakter da. Ich treffe manchmal auch einige Leute von früher, die ich noch aus der Grundschule kenne“, so Sibbe.

Viele Familien sind sich schon seit Jahrhunderten bekannt. So werden im Obercastroper Bookenbuch im 18. Jahrhundert 25 Familien aufgeführt, deren Namen man heute auch noch oft im Stadtteil hört: Callenberg, Echterhoff, Floer, Goßem (Gosmann), Hellmerich, Horstmann, Karpenkuhler, Kerssebom, Kirchhelle, Korte, Lakenberg, Middelmann, Otte, Plassmann, Risse, Rütershoff, Schlingermann, Schnettelker, Sibbe, Stroom, Talker, Tappe, Tollkamp, Trottenberg, Villis.

Ob darunter Vorfahren von Jörg Sibbe sind, kann Jörg Sibbe er nicht beantworten. Der einzige, der die Frage noch hätte beantworten können, wäre sein Vater gewesen. Der starb aber vor zehn Jahren. Jörg Sibbe sagt: „Ich weiß nur, dass mein Opa, auch mit dem Nachnamen Sibbe, im Dritten Reich als Inspektor bei der Stadt gearbeitet hat.“

Das wurde positiv bewertet

Grünflächen: Wer in Obercastrop wohnt, der braucht zum Teil nur wenige Meter zu gehen, um sich direkt im Grünen zu befinden – sei es beispielsweise im Langeloh, im Wagenbruch oder rund um die Felder an der Kreuzstraße oder dem Reiterhof Knickenberg. Ebenso ist es auf der „anderen Seite“ Obercastrops: die Rennbahn oder das Goldschmieding-Gelände sind schnell erreichbar. Daher wurden die Grünflächen von den 110 Obercastropern, die an unserer Stadtteilcheck-Umfrage teilnahmen, mit neun von zehn Punkten bewertet.

Lebensqualität: Die Grünflächen spielen sicher in die Bewertung herein. Katharina Talarowski kann die acht Punkte für die Lebensqualität nachvollziehen: „Die Lage finde ich schön, da man abseits vom Trubel wohnt. Zwar relativ zentral, aber von Veranstaltungen wie der Kirmes ist man nicht ganz so betroffen.“ Jörg Sibbe berichtet von seinen neuen Nachbarn, die sich erst kürzlich ein Eckhaus am Klothkamp gekauft haben. „Die kommen aus Dortmund, und wie sie mir gesagt haben, haben sie das Haus auch wegen der optimalen Lage gekauft.“

Obercastrop: Viele Grünflächen, aber ein geteilter Stadtteil

Wer von der Kreuzstraße auf die Distelkampstraße abbiegt, kann von dort über einen Fußgängerweg direkt ins Grüne gelangen. Der Weg führt unter anderem bis zur Karlstraße. © Marcel Witte

Gastronomie: Mit dem Brauhaus Rütershoff und dem Panorama Café direkt im Stadtgarten sowie dem Parkbad Süd, das von vielen wohl eher dem Stadtteil Castrop zugeordnet wird, gibt es gleich drei Restaurants im Stadtteil. Dazu kommt die Kneipe Haus Henze, in der alle Fußballspiele des BVB und des FC Schalke 04 geschaut werden können. Das freut auch die Obercastroper, die das Gastronomie-Angebot mit 8 Punkten bewerteten.

Das wurde negativ bewertet

Verkehrsbelastung: Die ist in Obercastrop ziemlich hoch – zumindest auf der Bochumer Straße, der Cottenburgstraße und der B235. Wie es der Name schon sagt, ist die Bochumer Straße aus Obercastrop die einzige direkte Möglichkeit, um in Richtung Bochum-Gerthe zu fahren. Zudem gelangen Autofahrer nur über die Cottenburgstraße zur B235. „Wenn man von der Bochumer Straße in Richtung B235 möchte, muss man zum Teil Umwege fahren, um den Stau zu umgehen“, sagt Katharina Talarowski. Vor allem nachmittags sei es extrem. Autofahrer, die von der Cottenburgstraße in die Bochumer Straße abbiegen wollen, warten zum Teil mehrere Minuten.

Obercastrop: Viele Grünflächen, aber ein geteilter Stadtteil

Auf der Bochumer Straße staut es sich in den Nachmittagsstunden des Öfteren. Das liegt vor allem daran, dass die Cottenburgstraße, die rechts abführt, die einzige Verbindung zur B235 aus dem Stadtteil ist. © Marcel Witte

Familienfreundlichkeit: Katharina Talarowski und Jörg Sibbe haben in unmittelbarer Nähe den Spielplatz zwischen der Kreuzstraße und den Klothkamp. Doch der kleine Spielplatz mit einem Klettergerüst und einer Schaukel ist nicht jedermanns Sache. „Der Spielplatz lädt überhaupt nicht zum Spielen ein. Dort sehe ich aber des Öfteren Jugendliche, die dort abhängen, wodurch man sich als Kind vielleicht auch nicht unbedingt traut, dort spielen zu gehen“, so Katharina Talarowski.

Jörg Sibbe vermisst vor allem die zweite Grundschule in Obercastrop. Denn neben der Elisabethschule gab es bis vor wenigen Jahren noch die Grundschule Grüner Weg. „Die Kinder müssen zum Teil enorme Strecken zurücklegen. Was den Kindern heutzutage zugemutet wird, ist schon eine Herausforderung“, sagt Jörg Sibbe.

Angebote für Jugendliche: Lediglich fünf Punkte gab es hierfür von den Obercastropern. Katharina Talarowski hat in ihrer Kindheit keinerlei Angebote in Obercastrop wahrgenommen. „Wenn ich etwas gemacht habe, bin ich in die Altstadt gelaufen oder in andere Städte gefahren“, sagt die 26-Jährige.

Historie

„Obercasdorp“ hatte die höchste Einwohnerzahl

Obercastrop: Viele Grünflächen, aber ein geteilter Stadtteil

Spielende Kinder an der Elisabethstraße in Obercastrop in den 70er-Jahren. © Helmut Orwat

  • Der Name der Bauerschaft Obercastrop taucht im Jahr 1220 zum ersten Mal auf. Damals sprach man noch von „Obercasdorp“.
  • Obercastrop hatte nach Rauxel die höchste Einwohnerzahl unter den alten Bauerschaften des Amtes Castrop. Es zählte im Jahr 1818 insgesamt 37 Häuser und 228 Bewohner.
  • Die Eingemeindung in die neugegründete Stadt Castrop-Rauxel fand 1926 statt.
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