Erschöpfung und missachtete Hygiene-Regeln: Erzieherin berichtet über dramatischen Kita-Alltag

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Sie las unseren Bericht über Personalmangel in der Kita Villa Kunterbunt. Jetzt berichtet eine Erzieherin aus Castrop-Rauxel aus ihrem Kita-Alltag. Er ist geprägt von Krankheit und Erschöpfung.

Castrop-Rauxel

, 02.03.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Erzieherin möchte anonym bleiben. Sie möchte keine Probleme mit ihrem Arbeitgeber, dem Träger der Kita, in der sie arbeitet. Sie sagt: „Seit ich Ihren Bericht zur personellen Situation in der Kita Villa Kunterbunt gelesen habe, geht mir das Thema nicht mehr aus dem Kopf.“ Dann offenbart sie Probleme, die nun aber erstmals aus Sicht einer Erzieherin bekannt werden. Der Name der Erzieherin und die Kita sind der Redaktion bekannt.

Es geht so weit, dass sie sagt: „Ich würde inzwischen für weniger Gehalt in einer Einrichtung arbeiten, in der die Arbeitsbedingungen stimmen.“ Sie arbeite seit fast zehn Jahren in einem Castrop-Rauxeler Kindergarten. Und formuliert: „Ich muss leider sagen, dass die in Ihrem Bericht beschriebene Situation vermutlich auf fast alle Kitas in Castrop-Rauxel zutrifft.“

Haben viele Erzieherinnen schon aufgegeben?

Sie vermute, dass viele Erzieher und Erzieherinnen sich nicht trauten, gegen diese unhaltbaren Zustände vorzugehen oder sogar aufgegeben haben, weil sich an der Situation sowieso nichts ändert. „Meine Solidarität mit den Kollegen und Kolleginnen aus der Villa Kunterbunt ist groß, ich fühle mit ihnen und weiß, was es bedeutet, unter solchen Umständen zu arbeiten.“

So schlimm, wie sich die personelle Situation derzeit gestaltee, habe sie es in all ihren Berufsjahren noch nicht erfahren müssen. „Der Personalnotstand und der Personalmangel ist deutlich an jedem Arbeitstag zu spüren.“

Aufsichtspflicht geht vor Hygieneregeln

Es habe in diesem Kindergartenjahr schon Tage gegeben, an denen drei pädagogische Fachkräfte fast 50 Kinder betreut hätten – darunter Wickelkinder und Integrationskinder. Wie und wo man dann wickelt? „Im Gruppenraum“, so die Erzieherin. Hygieneregeln hätten dann gegenüber der Aufsichtspflicht eben Nachrang.

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Wenn eine Kollegin oder ein Kollege krank über Monate ausfalle, werde keine Vertretung geschickt. „Die übrig gebliebenen Kolleginnen kommen krank zur Arbeit oder fallen früher oder später wegen Erschöpfung aus“, so die Erzieherin. „Ohne Rücksicht auf Verluste wird der Tagesablauf in der Kindertageseinrichtung aufrecht erhalten.“

„Werden von Trägern und der Politik verheizt“

Ihr Vorwurf: „Die Kollegen, die diese Arbeit tagtäglich mit Herzblut und viel Engagement verrichten, werden von den Trägern und der Politik verheizt.“

Und weiter: „Ja, ich habe mir diesen Job ausgesucht. Und ich mache ihn aus voller Überzeugung und weiß, worauf ich mich eingelassen habe. Wir Erzieherinnen jammern nicht, wir lieben unseren Job und wir versuchen, mit allen Schwierigkeiten und Gegebenheiten zu leben und den Kindern jeden Tag aufs neue viele Möglichkeiten und pädagogische Angebote zu bieten.“

Wenn man morgens zur Toilette muss und erst um 14 Uhr gehen kann

Auch wenn das vielleicht bedeute, „dass man acht Stunden lang nichts getrunken hat, über 45 Stunden in der Woche arbeitet und keine Pause macht, oder um 9 Uhr morgens zur Toilette muss, aber erst um 14 Uhr gehen kann, um seine Aufsichtspflicht nicht zu verletzen“.

„Langsam sage ich: Uns reicht es!“
Erzieherin aus Castrop-Rauxel

Von zusätzlichen Belastungen wie Dokumentationen, Elterngesprächen, krank zur Arbeit kommen, um die übrig gebliebenen Kollegen nicht im Stich zu lassen, und mit einem schlechten Gewissen in den Urlaub zu gehen oder seine Urlaube sogar abzusagen, wolle sie erst gar nicht anfangen.

Die Insiderin klagt an: „Die Politik hat nicht nur auf der städtischen, sondern auch auf Landesebene auf ganzer Linie versagt. Immer mehr U3-Gruppen werden gebaut und eröffnet, aber es ist kein Personal vorhanden, um die Kinder zu betreuen und adäquat zu fördern.“ Stellen fielen weg, würden nicht neu besetzt.

Andere Erzieher ermutigen

Die CDU, sagt sie, habe ja vor kurzem einige Kitas in Castrop-Rauxel besucht, um sich ein Bild zu machen. „Allerdings bezweifle ich, dass dort wirklich aufgezeigt wurde, wie katastrophal die Situation derzeit ist.“

Das Fachpersonal lebe schon immer mit schwierigen Gegebenheiten und passe sich diesen immer wieder an. „Aber langsam sage ich: Uns reicht es!“

Die Erzieherin schließt mit den Worten: „Vielleicht fühlen sich ja auch andere Erzieher und Erzieherin ermutigt, von ihren Erlebnissen zu berichten.“

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