Physiotherapie-Praxen gehen wegen des Coronavirus‘ am Stock

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Die Physiotherapie-Praxen spüren die Folgen von Corona deutlich: Weniger als die Hälfte der Patienten kommt. Um die Gesundheit zu schützen, wappnen die Praxen sich umfangreich.

Castrop-Rauxel

, 13.04.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Bettina Kaczmarek ist sauer: Die Physiotherapie gehört zwar zu den sogenannten systemrelevanten Berufen, weil sie für die Gesundung unverzichtbar sei. Doch der „medizinische Rettungsschirm“ gilt für sie nicht.

Ihren Ärger hat die Physiotherapeutin vor ein paar Tagen dem heimischen SPD-Bundestagabgeordneten Frank Schwabe mitgeteilt und ihn um entsprechenden Einsatz gebeten.

Zur Veranschaulichung eine einfache Zahl: Um ihr Mitarbeiterteam und Patienten gleichermaßen vor Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen, hat die Chefin der physiotherapeutischen Praxis im Ärztehaus an der Wittener Straße unweit des Rochus-Hospitals 3500 Euro aus eigener Tasche für Spuckschutz, Desinfektionsmittel, Masken und Handschuhe ausgegeben.

Alle Leute im Team der Physiotherapie-Praxis von Bettina Kaczmarek haben zwei Behandlungszimmer.

Alle Leute im Team der Praxis haben derzeit zwei Behandlungszimmer. Während in einem behandelt wird, wird das zweite desinfiziert. © Abi Schlehenkamp

„Wir geben hier alle unser Bestes, damit wir die Patienten behandeln können“, sagt Bettina Kaczmarek. Seit der ersten Info von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die nicht differenziert hatte zwischen Wohlfühl-Massage und ärztlich angeordneter therapeutischer Massage, sei die Unsicherheit zwar kleiner geworden, ob man nun zur Physio mit ihren vielen unterschiedlichen Therapieformen gehen darf oder nicht.

Die PhysioTherapie von Bettina Kaczmarek an der Wittener Straße 40.

Die PhysioTherapie von Bettina Kaczmarek an der Wittener Straße 40. © Schlehenkamp

Die Unsicherheit ist zwar kleiner geworden, aber trotzdem geblieben

Aber sie hat auch dazu geführt, dass der Betrieb in den Physiotherapiepraxen wesentlich ruhiger geworden ist. Genauso wie der Umstand, dass Ferien sind und die Menschen deutlich weniger zum Arzt gehen.

In die Praxis von Bettina Kaczmarek, Chefin eines Teams von 18 Voll- und Teilzeitkräften, kommen ihren Angaben zufolge weniger als die Hälfte der Patienten als in der Vor-Corona-Zeit. Die Folge: Kurzarbeit. Zweite Folge: Das Menschenmögliche probieren, um etwa aus der Reha entlassenen Patienten trotz der Pandemie beim Gesundwerden helfen zu können.

Dafür gibt es ein festes Regelwerk und kleine Umbauten. Am Empfang gibt es durchsichtige Aufbauten, jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter im Dienst hat zwei Behandlungsräume, während in einem die Behandlung stattfindet, wird der andere komplett desinfiziert.

Alle im Team tragen einen Mundschutz

Alle im Team tragen einen Mundschutz, den Patienten ist es freigestellt, ob sie einen tragen oder mit einem ausgestattet werden wollen. Nach dem Betreten der Räume muss sich der Patient zunächst gründlich die Hände waschen.

Die Abstandsregel gilt natürlich. Und es gibt – etwa wenn der Fuß behandelt werden muss – eine Trennwand auf der Liege zwischen dem Patienten und dem Kollegen oder der Kollegin.

Apropos Trennendes: Untereinander und mit Patienten und in großen Teilen der Stadtgesellschaft überhaupt, sagt Bettina Kaczmarek, gebe es in dieser Corona-Zeit ein bewundernswertes Zusammenhalten, das sie optimistisch stimme. „Ich bin froh, dass ich so vernetzt bin“, sagt die 49-Jährige.

Bei Daniela Peters läuft eine Bandansage

Nur wenige Meter weiter in der Praxis für Physiotherapie und Schmerztherapie von Daniela Peters Am Markt in der Altstadt läuft am Telefon ein Band. Mit der Info, dass bis zum Ende der Osterferien – also bis 19. April ausschließlich Notfälle behandelt werden.*

„Um etwas zum gesamtgesellschaftlichen Ziel der Kontaktreduzierung beizutragen“, heißt es vom Band. Wer Fragen dazu habe oder einen Termin vereinbaren möchte, wird gebeten, auf Band zu sprechen – mit der Zusicherung der Kontaktaufnahme.

Bei Daniela Peters werden derzeit ausschließlich Patienten behandelt, die zum Beispiel auf Lymphdrainage angewiesen sind.

Bei Daniela Peters werden derzeit ausschließlich Patienten behandelt, die zum Beispiel auf Lymphdrainage angewiesen sind. © Abi Schlehenkamp

Daniela Peters war nach dem Skiurlaub selbst in 14-tägiger Quarantäne

„Die Entscheidung habe ich mir nicht leicht gemacht“, sagt Daniela Peters im Gespräch mit unserer Redaktion. Sie selbst stand vor dem Dilemma, dass sie Mitte März aus dem Skiurlaub in der Schweiz zurückgekehrt war und in selbstverordnete, aber von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn so empfohlene 14-tägige Quarantäne ging.

„Das Ganze ist für mich auch eine moralische Frage“, sagt Daniela Peters, die für ihr derzeit sechsköpfiges Team (zwei sind in gerade in Erziehungsurlaub) ebenfalls Kurzarbeit angemeldet hat. „Was ist wirklich medizinisch unbedingt notwendig?“, habe sie sich angesichts der Diskussion und der Wichtigkeit des Abflachens der Ansteckungskurve des Coronavirus gefragt.

Und natürlich auch im Wissen darum, dass der Sicherheitsabstand etwa auf dem Flur bei normalem Betrieb wegen der räumlichen Enge kaum einzuhalten ist.

Betrieb läuft bis zum Ende der Osterferien auf Sparflamme

Am Ende seien es deutlich weniger als zehn Patienten gewesen, bei denen die Therapie unverzichtbar sei; zumal wieder andere oft erst sehr spät Termine abgesagt hätten, was die Planbarkeit deutlich erschwert habe.

Deshalb der Betrieb auf Sparflamme. Mit entsprechenden Hygienemaßnahmen und mit der Möglichkeit für Risikopatienten, auch in einen Raum ein Stockwerk höher auszuweichen.

„Wir hoffen, dass wir nach dem Ende der Ferien wieder starten können“, sagt Daniela Peters. In getrennten Schichten und mit den erforderlichen Schutzmaßnahmen selbstredend. Dass ihr Team so solidarisch sei, erfülle sie mit tiefer Dankbarkeit.

Bettina Kaczmarek hat dem Bundestagsabgeordneten Frank Schwabe einen möglichen Lösungsweg vorgeschlagen. Sie hat geschrieben: „Eine Ausgleichszahlung über drei Monate der Krankenkassen, die unsere Abrechnungen und Kosten bereits kalkuliert haben, wäre eine Möglichkeit und würde keine Mehrkosten verursachen. Die Kassenärztliche Vereinigung habe diese Möglichkeit von 90 Prozent Entschädigung in Coronazeiten an alle Ärzte direkt weitergegeben.

*Update 20. April: Nach den Osterferien hat die Praxis Peters wieder zu den gewohnten Zeiten geöffnet.

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