Rewe liefert nicht mehr: „Fühlen uns aussortiert und diskriminiert“

hzEinzelhandel in Corona-Zeiten

Sie sind Stammkunden, Rewe lieferte die Lebensmittel ins Haus. Doch jetzt wurde der Dienst eingestellt. Für Angelika Harms und Thomas Frauendienst aus Castrop-Rauxel ist das ein Schlag ins Gesicht.

Habinghorst

, 17.07.2020, 17:35 Uhr / Lesedauer: 2 min

Um Lebensmittel ins Haus zu bekommen, sind Angelika Harms und Thomas Frauendienst auf fremde Hilfe angewiesen. Beide sind gehbehindert, verwenden Stöcke und können keine Taschen tragen. Bislang war das kein Problem. Rewe Pöttinger lieferte alle zwei Wochen die Waren, die sie in dem Markt an der Recklinghauser Straße eingekauft hatten, ins Haus. Das geht jetzt nicht mehr.

„Ein Fahrer hat uns vor Kurzem mitgeteilt, dass der Rewe nicht mehr überall hinliefert“, sagt Thomas Frauendienst. Im Süden sei an der A42 Schluss. Frauendienst: „Wir wohnen an der Holzstraße nur 100 Meter weiter. Das ist eine Minute Fahrzeit.“ Er ist empört: „Wir fühlen uns aussortiert und diskriminiert. Gerade in Corona-Zeiten sollte man sich solidarisch verhalten.“

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Genau die Corona-Krise ist es aber, die zu der Änderung im Bring- und Lieferservice geführt hat. Denn die Anfragen wurden deutlich mehr. So sagt es Eigentümer Christian Pöttinger auf Anfrage unserer Redaktion. „Wir haben 40 Kunden pro Woche dazubekommen.“ An Spitzentagen sei der Fahrer zehn Stunden unterwegs gewesen, um alles auszuliefern. „Das ist nicht mehr machbar. Wir mussten unser Gebiet verkleinern“, so Pöttinger.

Kunden wurden vor zwei Wochen informiert

„Wir können keine Ausnahme machen“, auch das sagt Christian Pöttinger ganz deutlich. Angesprochen auf den Fall der beiden gehbehinderten Castrop-Rauxeler, sagt er, dass jeder einzelne der Kunden auf den Service angewiesen sei. Vor zwei Wochen habe man alle betroffenen Kunden informiert und auf andere Rewe-Märkte hingewiesen, so der Einzelhändler.

In Castrop-Rauxel vertritt er allerdings als einziger Inhaber Rewe. Aber für Kunden aus dem Süden der Stadt, die er bisher auch beliefert hat, habe er beispielsweise Rewe-Märkte aus Dortmund und Bochum vermittelt.

Für Angelika Harms zählt das nicht. „Über 35 Jahre kaufe ich hier ein, seit zehn Jahren nutze ich den Lieferdienst. Wir geben jeden Monat 250 bis 300 Euro aus. Ich kann es gar nicht fassen.“ Thomas Frauendienst hat zusammengerechnet: „Das sind in zehn Jahren mehr als 30.000 Euro Umsatz.“ Dass ein Einzelhändler darauf verzichtet, ist für ihn unvorstellbar. Sie seien jetzt auf der Suche nach einem neuen Markt, der ihnen Ware liefert. Bisher vergeblich.

„Wir haben die Entscheidung schweren Herzens getroffen“, sagt Christian Pöttinger, „wer kennt schon einen Einzelhändler, der gerne auf Umsatz verzichtet“. Immerhin acht Mitarbeiter seien vom Zusammenstellen der Ware über das Kassieren bis zur Auslieferung an der Haustür mit dem Bring- und Lieferdienst beschäftigt. Eine weitere Kraft einzustellen, würde sich aber nicht rechnen.

Viermal die Woche wird Ware bis zur Haustür gebracht

In Castrop-Rauxel, so Pöttinger, sei er der Einzelhändler, der am meisten ausliefere, immerhin viermal die Woche jeweils sechs Stunden. „Da kommt kein anderer Markt ran“, sagt er. Moderat nennt er die Liefergebühr von 5 Euro – egal, wie viel geliefert wird. Und wenn es dann wegen der vielen Bestellungen länger gedauert habe, seien die Anrufe von den Kunden gekommen, wo denn die Ware bleibe. Mehr als 100 Kunden wurden teilweise in einer Woche angefahren.

Jetzt beschränkt er sich auf einen Umkreis von etwa fünf Kilometern, im Norden bedeutet das Schiffshebewerk die Grenze. Die meisten der Kunden, die er jetzt nicht mehr beliefert, hätten Verständnis gezeigt. Insgesamt handele es sich um ein Dutzend Kunden. „Sie sind aber für fast 40 Prozent der Lieferzeit verantwortlich.“

Ein Angebot kann Christian Pöttinger seinen Kunden noch machen. „Wir stellen die Waren im Laden nach einer Bestellung zusammen. Sie kann dann bei uns abgeholt werden.“ Für Angelika Harms und Thomas Frauendienst wird diese Hilfe nicht ausreichen.

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