Schlechtes Benehmen gehört auch in Castrop-Rauxel heute zum guten Ton

Kolumne „Schroeter denkt“

Schlechtes Benehmen, fehlender Anstand, Alltagsrassismus: Was Donald Trump und Rechtsnationalisten vormachen, machen viele Menschen auf Facebook genüsslich mit. Auch in Castrop-Rauxel.

Castrop-Rauxel

, 29.05.2019, 16:45 Uhr / Lesedauer: 3 min
Schlechtes Benehmen gehört auch in Castrop-Rauxel heute zum guten Ton

"Du bist Castroper, wenn..." du dich besonders schlecht benimmst, scheint sich manches Mitglied der Facebook-Gruppe zu denken. © Sreenshot Schroeter

Benehmen ist Glückssache. So sagt der Volksmund. Oder eine Redewendung. Oder ein Kalenderspruch. Ist auch egal. Hauptsache: Es stimmt zu 100 Prozent. Benehmen, also eine Art der Höflichkeit gegenüber anderen Menschen wird von vielen Menschen heute als überflüssiger Schnickschnack eingeschätzt.

Rücksichtnahme auf Schwächere, einfachste Höflichkeitsformen im Miteinander wie „ausreden lassen“, „nicht vordrängeln“, „Klappe halten, wenn man nicht gefragt ist“ sind zu fremden Tugenden geworden. Und ich meine hier nicht etwa (nur) junge Menschen. Da ist das Alter völlig egal. Heute regieren der Ellenbogen, die lautere Stimme und die größere Unverfrorenheit.

„Meinungen jenseits der Gürtellinie werden da ohne jede Hemmung abgesondert.“
Thomas Schroeter

Das gilt in der Schulklasse wie auf der Straße, im Bus wie am Arbeitsplatz, im Seniorenheim wie an der Ladenkasse, im Auto wie im Urlaub. Hier bin ich und alle anderen Menschen interessieren mich einen Dreck. Dieser Impetus regiert die Welt. Auch der dümmste anzunehmende Mensch hat längst mitbekommen, dass in dieser unserer Gesellschaft das „Ich“ die Welt regiert. Selbst der bestbezahlte Anzugträger ist sich nicht zu blöd, im Notfall die Oma vor sich auszudrängeln, um eher an seinen Coffee-to-go zu kommen.

Die Vorbilder dafür sind in den vergangenen Jahren aber auch nur so aus dem Erdboden geschossen. Ein amerikanischer Präsident, der Fettnapf an Fehlentscheidung an dumme Äußerung an Alltagsrassismus an Frauenfeindlichkeit reiht, ohne auch nur im Entferntesten mit Konsequenzen rechnen zu müssen, ist da ein maximal taugliches Vorbild.

Rechtsnationale Politiker, die im Netz und im wahren Leben Falschnachrichten und Lügen verbreiten, Schwächere hemmungslos angreifen und diskreditieren (ja, ich meine Kriegsflüchtlinge), wie in Österreich eine ganze Nation an eine russische Oligarchin verschachern wollen, so es denn ihrem eigenen Bonzengehabe nur hilft, leben es vor: Sch... auf Wahrhaftigkeit, das einmal ausgestreute Gerücht regiert die Welt. Fakten sind etwas für Luschen, das große Wort wirkt.

„Donald Trump ist da ein maximal taugliches Vorbild.“ Thomas Schroeter

Fernsehstars wie Heidi Klum oder Dieter Bohlen, oder wie sie alle in ihren Castingshows heißen, fordern es von den jungen Leuten: Verkauft euch für den Erfolg, verstellt euch, verbiegt euch. Nur der Erfolg zählt, der zweite Platz ist etwas für Loser. Und wer will schon ein Loser sein? Also zickt gegen eure Mitbewerber, was das Zeug hält, stellt euch selbst ins Rampenlicht. Nur du zählst! Nur du bist wichtig!

Schlechtes Benehmen gehört auch in Castrop-Rauxel heute zum guten Ton

© Schroeter, Thomas

Wer von solchen Vorbildern in Politik und Showgeschäft noch nicht genug Lehren fürs egozentrische Leben mit auf den Weg bekommen hat, der stürzt sich in die Sozialen Medien. Hier haben Anstand, Höflichkeit, jedwede Form von Betragen vollkommen verloren. Hinter Katzenbildern, Bulldoggen oder anderen Avatars versteckt, aber inzwischen auch unverschämt mit Klarnamen und pickeligem Gesicht in die Kamera grinsend, wird da über den Diskussionsteilnehmer hergezogen, dass es eine wahre Freude für Psychologen ist.

Zu beobachten auch in der Castroper Facebook-Gruppe

Zu beobachten gern auch an jedem einzelnen Tag in der Gruppe „Du bist Castroper, wenn...“, aber auch in jeder anderen Gruppe, unter jedem Post eines Nachrichtenportals, eines Fußballspielers oder eines anderen Promis: Dumme Sprüche, fiese Anzüglichkeiten, Meinungen jenseits Gürtellinie werden da ohne jede Hemmung abgesondert.

Schlechtes Benehmen gehört auch in Castrop-Rauxel heute zum guten Ton

© Schroeter, Thomas

Jede noch so banale Frage wird spätestens vom dritten Diskutanten verunglimpft, jeder noch so harmlose Terminhinweis wird mit einem „Und in China fällt ein Sack Reis um“ kommentiert. Statt an Themen, die mich nicht interessieren, vorbeizuscrollen, muss ich doch wenigstens hinterlassen, dass mir das Thema am A... vorbei geht.

Vermutlich hört diesen Menschen sonst niemand zu. Sonst hätten sie doch nicht das Bedürfnis, der gesamten Welt ihre völlig überflüssige, banale, eingeschränkte und oft genug rassistische, homophobe, frauenverachtende Sicht der Dinge mitzuteilen.

KOLUMNE

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  • Unser Autor Thomas Schroeter macht sich in dieser Kolumne regelmäßig Gedanken über die Stadt und die Politik, über kleine Aufreger und große Probleme, über Menschliches und Unsinniges. Das soll zum Nach- und Mitdenken anregen, aber durchaus auch zum Widerspruch.
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Wo der Punkt war, dass die vermeintlich sozialen Netzwerke zu asozialen Netzwerken wurden, lässt sich schwer sagen. Natürlich: Wo sich, wie in der Castroper Gruppe, über 20.000 Nutzer zusammen finden, kann es nicht ohne Diskurs, ohne Dissens abgehen. Aber woher kommt diese Enthemmung, sich aus der sicheren Distanz seines Platzes im warmen Wohnzimmer vor dem Handy so schlecht benehmen zu wollen?

Es können doch nicht nur Menschen sein, die abgehängt wurden von unserer Gesellschaft, die am anhaltenden friedlichen Aufschwung der vergangenen 70 Jahre seit dem Zweiten Weltkrieg nicht teilhatten. Es muss auch Karl Normal sein, der da auslebt, was er sich sonst nicht trauen würde. In der Anonymität des Netzes und in der Geborgenheit des Autos leben Naturen, die im Leben nichts zu sagen haben, offenbar ihre Notdurft aus.

Schlechtes Benehmen gehört auch in Castrop-Rauxel heute zum guten Ton

© Schroeter, Thomas

Spaß macht mir das nicht. Weder die Trumps noch Alltagsnazis noch Trolle noch Besserwisser noch die tumben Toren. Aber wer fragt mich?

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