Schule: Stadt Castrop-Rauxel bremst uns bei der Digitalisierung aus

hzAnschaffungsliste

Ein Gymnasium in Castrop-Rauxel wirft der Stadt in einem Brief vor, die Handlungsfähigkeit der Schule bei der Digitalisierung stark einzuschränken. Geräte-Bestellungen dauerten viel zu lange.

Castrop-Rauxel

, 05.10.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Wir sind fest davon überzeugt, dass alle Beteiligten ihr Möglichstes tun, um unsere Schule gut auszustatten“: Wenn dieser Satz in einem unserer Redaktion vorliegenden Brief der Schulleitung an die Stadtverwaltung nicht wäre, würde man den fast schon als Generalangriff auf die Verwaltung sehen. Oder ist es eher ein Hilferuf?

Das Ernst-Barlach-Gymnasium (EBG) fühlt sich bei der Digitalisierung jedenfalls ausgebremst. So liest sich ein Schreiben der Schulleitung, unterschrieben von Dr. Friedrich Mayer und seiner Stellvertreterin Dr. Mirja Beutel an die Stadtverwaltung. „Regelmäßig bekommen wir die Rückmeldung, dass vergaberechtliche Gegebenheiten, die zwingend eingehalten werden müssen, die Beschaffung an vielen Stellen verlangsamen“, heißt es darin. Für die Schule ergebe sich aus diesen Rahmenbedingungen jedoch eine Situation, in der sie kaum noch handlungsfähig sei.

Jetzt hat sich auch der Stadtrat in seiner Sitzung am Donnerstag (1.10.) mit dem Thema beschäftigt.

EBG möchte Tablets, Beamer und Apple-Tv-Sticks anschaffen

Das EBG möchte auf Basis des zur Verfügung stehenden Budgets Technik anschaffen. Für 2020 ist genau aufgelistet, welche Technik im Wert von knapp 17.000 Euro es sein soll: Tablets, Beamer, Apple-TV-Sticks zur Übertragung des Bildes vom Lehrertablet auf den Beamter, elektronische Apple-Stifte, die man für den Unterricht einsetzen kann. Aber auch klassische Materialien und Geräte für den Sport- und den Physikunterricht.

Jetzt lesen

Dass Technik für 2020 noch nicht angekommen ist, kann man als durchaus üblich bezeichnen: Das Jahr läuft ja noch. Aber auch für 2019 und sogar 2018 seien längst bestellte Dinge noch nicht eingetroffen: Aus dem Jahr 2019 fehlen vier iPads, vier Apple-TVs, vier Apple-Stifte und acht Beamer für rund 7000 Euro. Aus 2018 fehlen noch zwei Beamer für Aula und Selbstlernzentrum.

„Diese Ausgangslage steht exemplarisch für viele Engpässe und Schwierigkeiten, die durch die stark verzögerte und wenig verlässliche Beschaffung entstehen“, heißt es im Brief der Schulleiter, adressiert an die Beigeordnete für Soziales, Regina Kleff, und den 1. Beigeordneten und Kämmerer Michael Eckhardt.

„So kriegen wir den digitalen Ausbau unserer Schule nicht geschafft!“

Eine Elternvertreterin wird noch deutlicher: „Ich bin wirklich sprachlos“, schreibt Martina Barg in einer Mail, die auch an einige schulpolitisch tätige Ratsmitglieder gerichtet ist. „Bitte geben Sie jetzt keine Erklärungen zum x-ten Mal ab, warum das schwierig ist – das wissen wir, es ist nicht leicht mit den Strukturen einer Verwaltung. Aber so kriegen wir den digitalen Ausbau unserer Schule nicht geschafft!“

Jetzt lesen

„Die Stadtverwaltung versteht, dass das EBG ungeduldig wird“, reagiert Stadtsprecherin Maresa Hilleringmann nun. Das EBG habe schon viel mehr Möglichkeiten als andere Schulen und könnte mit allem schon loslegen. „Darum haben sie nun bei manchen Anschaffungen zurzeit das Nachsehen. Wir sind aber in Kontakt, der Bereich Finanzen ist auf der Suche danach, wie man die Dinge beschleunigen kann.“

Es sei nicht der Plan, dass Lehrer ihre privaten Geräte nutzten, wie es ebenfalls im Brief geschildert wird. Aber: „Es gibt nicht die eine große Abteilung im Rathaus, die sich nur ums EBG kümmert. Sie muss sich um alle Schulen kümmern“, sagt Hilleringmann. Mit der Rechnungsabteilung sei abgestimmt, dass die Schulen nicht alles allein anschaffen, sondern der Träger hier gesammelt vorgehe.

Kämmerer im Stadtrat: EBG kann Geräte anschaffen

Für das Ernst-Barlach-Gymnasium zeichnet sich jetzt aber eine Lösung ab. „Wenn das EBG kurzfristig Geräte beschaffen kann, dann soll es das tun. Die Mittel sind da“, sagte Kämmerer Michael Eckhardt in der Sitzung des Stadtrats am Donnerstag auf die Anfrage der Kommunalpolitiker.

Das ginge, weil das Gymnasium sehr konkret bis hin zu typengenauer Spezifizierung bei seinen Anschaffungs-Vorstellungen sei. Man befände sich allerdings in einer Grauzone, so Michael Eckhardt. Eine Budgetierung der Schulen, die dann selbst Material bestellen und bezahlen, sei weiter nicht gewollt. Es dürfe keine generelle Lösung sein.

Sozialdezernentin Regina Kleff hatte zuvor allgemein zur Lage informiert. „Alles ist im Fluss“, sagte sie im Rat. Auch sie betonte, dass das EBG ein sehr gutes methodisches Konzept habe. Mit den Schulen würden die vielen verschiedenen Bedarfe abgestimmt.

„Im Moment müssen wir so einiges anschaffen,“ sagte sie und verwies auch auf die Schwierigkeiten, weil der Markt wegen der Folgen der Corona-Pandemie leergefegt sei. Ihr Fazit: „Wir stehen mit laufendem Motor an der Startlinie.“

Regina Kleffs Argumente überzeugten nicht alle Mitglieder des Rates. Ulrich Werkle (Die Grünen) konterte: „Corona muss für alles herhalten.“ Im Falle des Ernst-Barlach-Gymnasiums seien ja selbst Bestellungen aus dem Jahr 2018 noch nicht umgesetzt. Und da gab es noch keine Corona-Probleme.

Lesen Sie jetzt