„Sind wir Versuchskaninchen?“ Schüler fühlen sich mies vorbereitet

hzSchulstart in NRW

Eltern und Schüler sind in Sorge wegen des bevorstehenden Schulstarts. Einiges konnten sie am Dienstag in einer Videokonferenz mit Bürgermeister Kravanja und der Verwaltungsspitze loswerden.

Castrop-Rauxel

, 21.04.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eine Mutter zweier Grundschulkinder (2. und 4. Klasse) sprach am Dienstag gegenüber der Castrop-Rauxeler Verwaltungsspitze vielen Eltern aus der Seele: „Ich arbeite meine eigene Arbeit, bin derzeit aber zusätzlich noch Lehrerin meiner Kinder. Die Lehrerin eines meiner Kinder leistet derweil viel weniger Arbeit als üblich und bombt uns mit Arbeitsblättern zu.“

Die Frau war Teilnehmerin einer Web-Videokonferenz, die Bürgermeister Rajko Kravanja zum zweiten Mal offen anbot. Nachdem er vor drei Wochen mit gut einem Dutzend Kleinunternehmen diskutiert hatte, ging es diesmal um Schule. Rund 50 Teilnehmer waren dabei, viele brachten sich ein. Das waren ihre Fragen und Anregungen.

? Mein Mann und ich sind im Home Office. Meine Kinder in der 2. und 4. Klasse. Wir haben inzwischen über 200 Arbeitsblätter ausgedruckt. Können die Lehrer nicht wenigstens ein bisschen digitalen Unterricht machen? Wir sind in kürzester Zeit von unseren Betrieben auf Home Office umgestellt worden, die Schulen sind in fünf Wochen noch nicht so weit, dass sie es können.

Kravanja: Stimmt, wir müssen Digitalisierung anders denken als wir es bisher getan haben. Für uns als Kommune haben wir stets so gedacht, dass wir zum Beispiel Schulen mit Beamern ausrüsten müssen. Wir haben nie in die Richtung gedacht, wie wir Schulen ausrüsten müssen, damit sie Unterricht nach Hause transportieren können. Das ist jetzt wichtig geworden. Auch für die Frage von Datenschutz muss dann eine Lösung her.
Lisa Kapteinat (SPD-Landtagsabgeordnete): Lehrer müssen sich um Datenschutz Gedanken machen: Was dürfen sie am privaten Gerät? Es ist aus meiner Sicht aber keinen Tag länger hinzunehmen und wir müssen Lösungen finden, die Eltern zu entlasten, den Kindern wieder einen Draht zu den Lehrern und ihren Mitschülern geben. Wir als Eltern können Zehntklässlern keine Fragen in Physik beantworten. Das ist bei Zweit- und Viertklässlern einfacher, aber man muss es auch zeitlich regeln können. Die Frage ist auch: Wie werden Schüler mit Hardware ausgestattet? Kann das Land Tablets oder Notebooks für Schüler, die keine Geräte außer Handys zur Verfügung haben, bereitstellen?

Kravanja: Wenn man digitalen Unterricht will, muss man als Gesellschaft Lehrern Arbeitsgeräte bereitstellen und allen Kindern gleiche Startvoraussetzungen, also eine technische Ausstattung geben.

? Werden in Schulen Schutzmasken und Handschuhe gestellt?

Kravanja: Nein. Es reicht nach aktuellem Stand der Dinge, wenn Abstände eingehalten werden. Es ist aber ratsam, in der Schule Community-Masken, die man bei hohen Temperaturen selbst desinfizieren kann, zu tragen. FFP2- und FFP3-Masken sollen dem klinischen Personal vorbehalten bleiben. Meine persönliche Einschätzung ist aber, dass wir demnächst auch in NRW nur noch mit Schutzmasken den ÖPNV nutzen werden.

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? Ist es möglich, dass die Punkte, die man im Abitur mindestens erreichten sollte, verringert werden? Zum Beispiel, dass wir statt 100 nur 70 oder 80 Punkte haben müssen.

Kapteinat: Es gibt bisher keine Überlegungen, zumindest keine, die uns als Parlamentariern mitgeteilt wurden. Die Ministerin sagt, die Prüfungen sollen geschrieben werden, und es gibt keine Tendenz in Richtung einer anderen Punktebewertung.

? Von Frohlinde aus liegen vier Schulen an der Buslinie: ASG, EBG, WBG und das Berufskolleg. Selbst wenn noch nicht alle Schüler in die Schulen kommen, sind volle Busse vorprogrammiert. Wir wird das geregelt?

Kravanja: Es muss mehr Busse geben. Am Mittwoch (22.4., d. Red.) wissen wir genau, wie viele Schüler kommen werden, weil wir die Schulen abgefragt haben. Wir als Kommune haben mit dem Dachverband der Städte, dem Städtetag NRW, dafür plädiert, dass wir erst am Montag wieder mit der Schule starten, um Zeit zu für die Regelung solcher Fragen gewinnen. Wir schaffen auch Donnerstag, keine Panik. Aber besser wäre Montag gewesen.
Kleff: Wir werden das Mittwoch mit den Verkehrsbetrieben abstimmen. Die Busbetriebe haben uns zugesagt, die Taktung zu erhöhen. Den Bedarf absehen können wir aber erst ab Donnerstag, wenn die Schule wieder beginnt.

? Es ist schwer, für uns als Schüler unter diesen Umständen zu lernen. Eltern sind in Kurzarbeit. Warum gibt es keine andere Abitur-Bewertung? Es betrifft ja nur unseren Jahrgang.

Kravanja: Diesen Jahrgang muss man aus meiner Sicht besonders betrachten. Es tut uns als Gesellschaft nicht weh, für diesen Jahrgang einen Sonderweg zu finden. Zum Beispiel, dass keiner sitzen bleibt oder die Zehner-Abschlussklausuren nicht zentral, sondern schulintern gemacht werden.

? Ist es nicht paradox, dass Politiker Videokonferenzen halten um sich selber vor Covid-19 zu schützen, aber Abiturienten und Abschlussklassen wieder in die Schule geschickt werden? Wir fühlen uns wie Versuchskaninchen.

Kravanja: Sie treffen einen Kern. Wir müssen ein stückweit Gesellschaft wieder hochfahren. Der Gradmesser kann nur die Kapazität der Krankenhausbetten sein. Jeder, der krank wird, muss eine angemessene gesundheitliche Versorgung bekommen können. Nicht nur Sie sind Versuchskaninchen, sondern wir alle, wenn wir in Geschäfte gehen oder Bus fahren. Und wir alle müssen diese Risiko-Abwägungen für uns treffen.

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