Die Bundesregierung diskutiert über eine Impfpflicht für Masern - ein kontroverses Thema. In den Castrop-Rauxeler Einrichtungen, vor allem bei Tageseltern, sind nicht alle Kinder geimpft.

Castrop-Rauxel

, 02.06.2019, 16:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Lisa Widerek bringt ihre zwei Jungs, Leon und Noel, jeden Morgen in den Kindergarten. Regelmäßig hängen dort Zettel aus, welche Krankheiten gerade umgehen. Magen-Darm-Virus, Hand-Mund-Fuß, Scharlach - die Liste ist manchmal lang. Kinderkrankheiten, gegen die geimpft werden kann, tauchen dort nicht auf. Mehr als 90 Prozent der Kinder sind geimpft.

So auch die Widereks. „Ich denke, das Risiko für Impfschäden steht in keiner Relation zum Nutzen, ich bin daher definitiv pro Impfpflicht, erklärt die Castrop-Rauxelerin. Es wäre zwar ein Schritt weg von der Selbstbestimmtheit, dennoch sieht sie es als Geschenk an, dass die Menschheit an vielen Krankheiten nicht mehr zugrunde gehen muss, weil man sich vor Ansteckung schützen könne. Sie selbst hatte als Kind Windpocken und werde heute immernoch regelmäßig von ihrer Mutter an Impfungen erinnert.

Laut den Betreuungsverträgen der Stadt ist „bei der Aufnahme in die Tageseinrichtung (...) der Nachweis über eine altersentsprechend durchgeführte Gesundheitsvorsorgeuntersuchung“ vorzulegen. Eine speziellen Passus über das Impfen gibt es bislang nicht.

Heißt im Klartext: Der Impfstatus ist nicht relevant für die Aufnahme in eine Einrichtung, das gilt für sämtliche Träger. Zum Beginn und vor der Aufnahme der Kinder werden die Impfausweise und U-Hefte in den Tageseinrichtungen für Kinder angefordert und in Kopie hinterlegt. Die Eltern sind verpflichtet, die U-Hefte vorzulegen. Der Nachweis der Impfungen ist freiwillig.

Zwei Fälle von Masern im Kreis Recklinghausen

Warum werden die Impfpässe in Kopie hinterlegt? Im unspektakulären Fall hat ein Kind beispielsweise eine blutende Wunde und die Erzieher können den Tetanus-Impfschutz schnell kontrollieren. Wenn aber doch ein Fall von Masern oder anderen Krankheiten auftritt, die ansteckend sind und gegen die geimpft werden kann, dann ist „Schnelligkeit Trumpf“, wie Dr. Ulrike Horacek, Leiterin des Kreisgesundheitsamtes erklärt.

Im Kreis Recklinghausen habe es in diesem und im vergangenen Jahr jeweils einen Masern-Fall gegeben, jedoch nicht in Castrop-Rauxel. Um zu verhindern, dass sich weitere Personen anstecken, müsste dann schleunigst geprüft werden, wie der Impfstatus bei sämtlichen Kontaktpersonen ist. „In Gemeinschaftseinrichtungen bleiben alle ungeimpften Kinder dann sofort zu Hause“, erklärt Horacek. Kontaktpersonen - also auch Erwachsene könnten unter Umständen nachgeimpft werden, die Wirkung setze relativ schnell ein. In beiden Fällen konnte verhindert werden, dass sich weitere Personen angesteckt haben.

Jetzt lesen

Sorgen macht Ulrike Horacek die Dunkelziffer - da der Nachweis der Impfungen für die Kita-Kinder freiwillig ist, gebe es keine Kompletterfassung. Auf Nachfrage der Redaktion teilte Sandra Schubert von der Awo mit, dass in ihren Einrichtungen aktuell drei Kinder nicht geimpft seien. Auch Miriam Leidag-Tietze von der Caritas weiß von einem Fall, in dem die Eltern ihre Kinder nicht haben impfen lassen.

Der Grund: Es ist unklar, ob das erste Kind der Familie einen Impfschaden erlitten hat. Jetzt haben die Eltern Sorge, die anderen Kinder zu impfen. Leidag-Tietze: „Manchmal erinnern wir die Eltern an die Vorsorgeuntersuchungen, wir versuchen das mit im Blick zu haben.“ An einen Krankheits-Fall in ihren Einrichtungen gegen den man hätte impfen können, erinnern sich beide nicht. Dr. Ingo Meyer, Kinderarzt in Ickern, betreut jährlich rund drei Familien, die ihre Kinder nicht impfen lassen wollen.

Kinder bei Tageseltern meist ungeimpft

Kinder, die unter einem Jahr sind, sind ganz oft nur wenig oder gar nicht geimpft. Sie sind schlicht und einfach noch zu jung. Die erste Masern-Impfung wird von der Ständigen Impfkommission mit elf Monaten empfohlen. Vorher können vorhandene Antikörper den Impferfolg verhindern.

Oft werden diese Kinder bei Tageseltern betreut. Die Eltern müssen dort keine Unterlagen vorlegen - es sei denn, es wurden individuell besondere Regelungen getroffen. „Diese Altersgruppe macht uns Sorgen“, sagt Ulrike Horacek. Normalerweise profitieren die Kleinkinder von der hohen Durchimpfungsquote ihres Umfeldes - das ist aber bei der Tagesbetreuung meistens ebenfalls noch nicht geimpft. Man könne nichts machen, außer im Fall der Fälle zügig zu handeln.

Bei der Schuleingangsuntersuchung kommt Ordnung in die Zahlen, dann müssen Eltern den Impfstatus vorweisen. Ergebnis: Über 90 Prozent der Kinder im Kreis Recklinghausen sind durchgeimpft.

Man kann auch anders mit dem Problem umgehen.
Dr. Ulrike Horacek, Leitern Kreisgesundheitsamt

Noch ist das letzte Wort zur Impfpflicht aber längst nicht gesprochen. Sowohl Dr. Meyer sieht Probleme: „Gegen Masern alleine kann man gar nicht impfen, wenn dann müsste es eine Impfpflicht für Masern, Mumps und Röteln geben, da der Impfstoff nur in dieser Kombination verfügbar ist.“ Auch Ulrike Horacek findet: „Man kann auch anders mit dem Problem umgehen.“ Etwa mit speziellen Kampagnen. Sie befürchtet, dass es die Rolle der Gesundheitsämter sein wird, dass Bußgeld einzutreiben, was Eltern ungeimpfter Kinder zahlen müssen - aktuell sind 2500 Euro in der Diskussion. Gleichzeitig sollen die Gesundheitsämter aber als Berater tätig sein und das ließe sich schlecht miteinander vereinbaren.

Lesen Sie jetzt