Sozialversicherungs-Betrug offenbart dramatisches persönliches Schicksal

hzAmtsgericht

Ein 48-jähriger Unternehmer hat Sozialversicherungsbeträge nicht gezahlt. Vor Gericht offenbarte sich sein verzweifelter Versuch, Schicksalsschläge in den Griff zu bekommen.

Castrop-Rauxel

, 19.05.2020, 20:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Auf der Anklagebank des Amtsgerichts Castrop-Rauxel saß ein Mann, der zupacken kann. Mit einem Beruf, der zu ihm passt. Bautenschutz, Entkernung, Abbruch. Doch seine Selbstständigkeit ist gescheitert, mehr noch, sie brachte ihn auch noch vor Gericht.

Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, über mehrere Monate die Sozialversicherungen für drei Angestellte nicht bezahlt zu haben. Die Forderungen belaufen sich auf rund 6500 Euro. Die Firma, die er als Einzelunternehmer gegründet hatte, musste Insolvenz anmelden.

Hinter dieser sachlichen Schilderung der Versäumnisse des 48-Jährigen verbarg sich jedoch ein ausgesprochen trauriges Schicksal, das sein Handeln in einem anderen Licht erscheinen ließ.

Schwere private Probleme

So sorgt der Mann für ein schwerstbehindertes Kind aus einer gescheiterten Beziehung, das mit ihm, seiner Frau und einem Kleinkind zusammen in einem Haushalt lebt. Zu allem Unglück erlitt der gelernte Abbruchtechniker vor drei Jahren einen Herzinfarkt.

„Zu dieser Zeit war meine Frau schwanger, und ich fand keine Anstellung“, schilderte er die verfahrene Situation. Potentiellen Arbeitgebern war er nicht mehr belastbar genug. Die Selbstständigkeit schien ihm der einzige Rettungsanker aus dem finanziellen Fiasko.

Der erste Auftrag ging schief

Er wurde Unternehmer, stellte einen Helfer ein. Aber gleich der erste große Auftrag ging schief, war finanziell betrachtet eine Nullnummer. Doch noch sei er optimistisch gewesen, es zu schaffen, sagte er. Aufträge, vermittelt von einem größeren Unternehmen, für eine Wohnungsgesellschaft tätig zu werden, sollten es reißen.

Doch die brachten pro Auftrag nur wenige Hundert Euro ein. „Er stopfte hier ein Loch, doch gleichzeitig tat sich dadurch ein anderes auf“, verdeutlichte der Verteidiger die Situation.

Gleichzeitig kamen neue Ausgaben auf den Angeklagten zu, als er seine Mutter in einem Pflegeheim unterbringen musste. „Von Monat zu Monat habe ich gedacht, es zu schaffen. Doch ich bin immer weiter hineingerutscht“, sagte er. So hatte er zwar auch dem dritten Mann, den er noch im Mai eingestellt hatte, den Lohn gezahlt, aber keine Sozialabgaben geleistet. Obwohl diese Leistungen nach dem Gesetz Vorrang vor dem Lohn haben.

Angeklagter muss nicht ins Gefängnis

Zeitweise hatte die Familie des Angeklagten nur vom Schrottverkauf und vom Pflegegeld gelebt, jetzt hat der Mann wieder einen Job. Und ein Urteil. Denn die Pleite war nicht seine erste. Er stand schon unter Bewährung, als er in diese zweite Insolvenz hineinschlitterte.

Trotzdem gewährte die Richterin in ihrem Urteil über acht Monate Freiheitsstrafe noch einmal eine Bewährung. So kann das Leben weitergehen, wenn sich der Mann nun nichts mehr zuschulden kommen lässt.

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