Montags war das Strandcafé ohnehin voll – als „Geier Sturzflug“ kam, drohte es zu bersten

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Woher der Name „Strandcafé“ stammt; warum ausgerechnet montags abends die meisten Gäste kamen und wie dann die „Provinz“ daraus wurde, erzählen Gründer Thomas „Tom“ Kühn und seine Nachfolger.

Castrop-Rauxel

, 22.09.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

„Montagabend in der Bar“. Das war nicht erst in den 1990er-Jahren ein geflügeltes Wort, ein Code, eine Verabredung. Das Strandcafé – oft einfach „Die Bar“ genannt – war Institution und Geheimtipp. Treffpunkt Strandcafé; etwas versteckt an der Kleinen Lönsstraße.

Vorwiegend jüngeres Publikum, vorwiegend aus der links-alternativen Szene, zog das Strandcafé an. Vom Strand war weit und breit nichts zu sehen. Dafür hatte der Laden andere Qualitäten.

Sonst nur Opa-Kneipen

„Das spezielle Publikum aus Studenten und Schülern“ habe das Strandcafé ausgemacht, sagt Martin Jelinski, damals junger Stammgast. „Abgesehen vom Schlüters oder der Molle gab es sonst nur Opa-Kneipen in Castrop-Rauxel. Das war ein Laden mit einem sozialen Publikum.“

Auch Christian Waltereit gehörte vor mehr als 20 Jahren zu den Stammgästen. „Man wusste im Prinzip, wer das Klientel ist, und hat sich wohl gefühlt“, sagt der 44-Jährige, „an guten Tagen hat der Bär gesteppt, an schlechten Tagen hat man da auch mal zu Dritt dort gesessen.“

Flamingoba - ohne „r“

Nicht jedoch „montags abends in der Bar“, wenn es stets proppenvoll war. Den Beinamen „Bar“ hatte das Strandcafé 1982 inoffiziell vom Vorgänger übernommen. Die erste Kneipe an der Kleinen Lönsstraße nannte sich Stifts-Stübchen, betrieben von Ursula Krenz, Tochter des Verpächters, und ihrem ersten Ehemann. Es dauerte nicht lange bis daraus die „Flamingoba“ wurde – tatsächlich ohne „r“ am Ende.

Montags war das Strandcafé ohnehin voll – als „Geier Sturzflug“ kam, drohte es zu bersten

Tom Kühn (l.) eröffnete 1982 das legendäre Strandcafé an der Kleinen Lönsstraße. Erst nach seinem Band-Ausstieg von Cochise nahm die Kneipe Form an. © Tom Kühn

„Dann habe ich die Möglichkeit bekommen, da rein zu gehen“, erzählt Tom Kühn, dem ein Anlaufpunkt in der Stadt fehlte, seit die „Tangente“ gegenüber der Zeche Erin sieben Jahre zuvor geschlossen hatte. Die „Tangente“, die er als Schüler so oft besucht hatte. Also übernahm er die Kneipe an der Kleinen Lönsstraße 1980. Zunächst hieß sie wieder Stifts-Stübchen. „Das Schild war ja noch da“, so Kühn. Im Hintergrund wirkte eine Kulturinitiative mit, brachte dort Musik-Sessions und Kleinkunst auf die Bühne.

Nach dem Band-Ausstieg ging es los

Tom Kühn feierte als Schlagzeuger mit der Band Cochise Erfolge. Cochise waren in der links-alternativen Szene mit ihren politischen Pop- und Folksongs angesagt. Die Dortmunder Band erreichte Bekanntheit, als sie mit „Der Staat ist doof und stinkt“ im österreichischen Fernsehen zu sehen war – und ein irritiertes Studiopublikum zurückließ.

Da war Kühn bereits ausgestiegen. Mit Rücklagen aus der Cochise-Zeit widmete er sich seiner Kneipe. Nachdem der Tresen neu, ein Durchbruch zum Gastraum fertig und die Toiletten renoviert waren, kam der neue Name. Ab 1982 hieß der Laden Strandcafé. „Das war irgendwie witzig gemeint“, erzählt Kühn. Die Kneipe lag schließlich mitten in einem Gewerbegebiet.

Montags war das Strandcafé ohnehin voll – als „Geier Sturzflug“ kam, drohte es zu bersten

Alfred „Corny“ Hilpert war zunächst Gast im Strandcafé, dann Kellner, schnell Geschäftsführer. 1992 übernahm er die Kneipe. © Tom Kühn

Doch noch im selben Jahr erschien ein Konkurrent; am Westring eröffnete die Diskothek „Spektrum“. „Wir waren nicht sauer wegen der Konkurrenz, aber wir hatten weniger Gäste am Wochenende“, so Kühn, „Corny hatte dann die Idee mit dem Montagabend.“ Alfred „Corny“ Hilpert kam zunächst als Gast und stieg dann zum Geschäftsführer auf. Später übernahm er das Strandcafé.

Das Bier für eine Mark

1982 führte das Strandcafe eine Happy Hour ein. Anstatt 0,3 Liter Bier wie gewohnt für zwei Mark zu verkaufen, kostete es am Montag nur die Hälfte. „Innerhalb von zwei Wochen hatte sich das rumgesprochen, alles war zugeparkt“, erinnert sich Kühn, „dabei gingen auch viele Gläser zu Bruch, sodass wir Pappbecher ausgegeben haben“.

Eine Happy Hour am Montag, wenn die meisten Kneipen ihren Ruhetag haben, war ein genialer Schachzug, aber Tom und Corny wurden vom eigenen Erfolg überrollt. Die Straße war mit Bechern übersät, das Ordnungsamt schritt ein. So wurde die Happy Hour wieder gestrichen. „Doch die Geister, die wir gerufen hatten, sind wir nicht mehr los geworden“, sagt Kühn.

Es blieb montags voll im Strandcafé – selbst mehr als ein Jahrzehnt später. „Wenn Du am Samstag nicht da warst, hat das keiner gemerkt“, so Christian Waltereit, „aber der Montag war halt Pflichtprogramm, da konnte es schon mal spät werden.“ Martin Jelinski bringt die Anziehungskraft des montagabendlichen Strandcafés knapp auf den Punkt: „Man ist hingegangen, weil alle da waren.“

Hitsingle von Geier Sturzflug

Der größte Erfolg der Kneipe spielt 1982: Geier Sturzflug spielten im Strandcafé. Jene Band die mit „Bruttosozialprodukt“ 22 Wochen lang die deutschen Singlecharts anführte. „Die Band kannte vorher keiner, den Auftritt haben wir Wochen zuvor telefonisch ausgemacht, und dann war da plötzlich diese Platte“, erinnert sich Kühn, „es war an dem Abend so voll, dass wir dachten, der Laden bricht auseinander.“

Corny, der vom Gast zum Kellner und später zum Geschäftsführer aufstieg, übernahm das Strandcafé 1992, während sich Tom Kühn aus dem Kneipiersleben zurückzog. „17 Jahre war ich dort und habe über der Kneipe gewohnt“, sagt Corny. Bis 1997 gehörte ihm das Strandcafé. In dieser Zeit legte Herbert Commandeur als Discjockey immer wieder auf.

Montags war das Strandcafé ohnehin voll – als „Geier Sturzflug“ kam, drohte es zu bersten

Corny und Herbert bei einer Strandcafé-Revivalparty im Biergarten des Haus Oestreich wieder vereint - vor der Leuchtreklame des Strandcafes. © Christian Püls

„Das war ein schöner Nebeneffekt“, schildert Christian Waltereit, „man hatte die Musik dabei und hat noch ein paar neue Leute kennen gelernt“. Doch dann wurde Cornys Pachtvertrag nicht mehr verlängert. „Ich habe die Kneipe nicht verloren, weil sie schlecht lief, sondern weil sie richtig gut lief“, sagt Corny.

Aus dem Strandcafé wurde die Provinz

Herbert Commadeur machte aus dem Strandcafé die „Provinz“, die im Dezember 1997 eröffnete. Vorher ließ er groß umbauen. Die zweite Etage – mit Cornys Wohnung – wurde in die Kneipe integriert, die Toiletten renoviert. Und Ursula – nun Commandeur mit Nachnamen – die zur Erstbesetzung an der Kleinen Lönsstraße gehört hatte, gestaltete den Tresen mit eigenen Händen.

„In der Provinz war ich eher selten, das wirkte mir zu gekünstelt“, sagt Martin Jelinski, „außerdem war ich inzwischen jeden Freitag im Proberaum.“ Und Christian Waltereit meint: „Der Wechsel war zwar keine Kehrtwende, die Aufmachung war moderner. Aber der alte Flow der Alternativkneipe ging verloren.“

Spannungen zwischen Corny und Herbert

Und natürlich gab es durch den Wechsel Spannungen zwischen Corny und Herbert; zwei ehemaligen Weggefährten. Das bestreiten sie nicht. Inzwischen feiern sie aber gemeinsam Strandcafé-Revivalpartys im Haus Oestreich, Cornys neuer Kneipiersheimat.

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Kneipenserie Strandcafe Provinz

Strandcafe, Provinz, Haus Oestreich
12.09.2019
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Geier Sturzflug wurden über Nacht berühmt, der Auftritt im Strandcafe war aber bereits vor der Hitsingle "Bruttosozialprodukt" ausgemacht. So drohte der Laden an der Kleinen Lönststraße zu bersten.© Tom Kühn
Geier Sturzflug wurden über Nacht berühmt, der Auftritt im Strandcafe war aber bereits vor der Hitsingle "Bruttosozialprodukt" ausgemacht. So drohte der Laden an der Kleinen Lönststraße zu bersten.© Tom Kühn
Geier Sturzflug wurden über Nacht berühmt, der Auftritt im Strandcafe war aber bereits vor der Hitsingle "Bruttosozialprodukt" ausgemacht. So drohte der Laden an der Kleinen Lönststraße zu bersten.© Tom Kühn
Tom Kühn übernahm die Kneipe an der Kleinen Lönsstraße 1980. Erst 1982 wurde daraus das Strandcafe, nach seinem Ausstieg bei der relativ bekannten Band Cochise.© Tom Kühn
Tom Kühn übernahm die Kneipe an der Kleinen Lönsstraße 1980. Erst 1982 wurde daraus das Strandcafe, nach seinem Ausstieg bei der relativ bekannten Band Cochise.© Tom Kühn
Tom Kühn übernahm die Kneipe an der Kleinen Lönsstraße 1980. Erst 1982 wurde daraus das Strandcafe, nach seinem Ausstieg bei der relativ bekannten Band Cochise.© Tom Kühn
Alfred "Corny" Hilpert kam zunächst als Gast, wurde dann Geschäftsführer im Strandcafe und übernahm den Laden 1992. © Tom Kühn
Alfred "Corny" Hilpert kam zunächst als Gast, wurde dann Geschäftsführer im Strandcafe und übernahm den Laden 1992. © Tom Kühn
The Monopoles aus Köln, nur eine der zahlreichen Bands, die zwischen 1980 und 1982 in der Kneipe an der Kleinen Lönsstraße auftraten. Zudem spielten dort die Fred Banana Combo (Köln), The Conditors (Dortmund, Castrop-Rauxel), Mardi Gras Band (Dortmund), Karl Keddy´s Kamikaze Orchester (Unna) sowie zahlreiche andere Band aus Castrop-Rauxel und Umgebung. Auch zu Sessions fanden dort Musiker zusammen. Zudem gab es Kleinkunstveranstaltungen und Filmabende. © Tom Kühn
The Monopoles aus Köln, nur eine der zahlreichen Bands, die zwischen 1980 und 1982 in der Kneipe an der Kleinen Lönsstraße auftraten. Zudem spielten dort die Fred Banana Combo (Köln), The Conditors (Dortmund, Castrop-Rauxel), Mardi Gras Band (Dortmund), Karl Keddy´s Kamikaze Orchester (Unna) sowie zahlreiche andere Band aus Castrop-Rauxel und Umgebung. Auch zu Sessions fanden dort Musiker zusammen. Zudem gab es Kleinkunstveranstaltungen und Filmabende. © Tom Kühn
Als dieses Foto entstand, hatte Corny das Strandcafe bereits übernommen. Vor allem im Sommer war die Terrasse oft gut besetzt und ersetzte sozusagen den Biergarten. Das Wunderbar-Schild war ein Vorstoß von einigen Gästen, der Name setzte sich jedoch nie durch.© Susanne Klönne
Herbert Commandeur (hier bei der Strandcafe-Revivalparty 2017 im Haus Oestreich) gab im Strandcafe öfter den Diskjockey. 1997 machte der dann die Provinz aus dem Laden. © Christian Püls
Herbert Commandeur (links) und Corny feiern inzwischen Strandcafe Revivalpartys im Haus Oestreich, hier beide vereint vor der alten Leuchtreklame. © Christian Püls
So sieht es heute an der Kleinen Lönststraße aus. Nichts deutet mehr darauf hin, wie hoch es manchmal dort her ging, als über der Tür nach das Schild Strandcafe (später Provinz) hing. © Christian Püls
Christian Kulosa, einer der treuesten Stammgäste im Strandcafe, folgte Corny ins Haus Oe auf Schwerin.© Christian Püls

Im Mai 2005 war auch mit der „Provinz“ Schluss. „Geplant war, dass ich zehn Jahre Kneipe mache, und Ursula die Räume dann als Atelier und Ausstellung nutzt“, erklärt Herbert Commandeur, der wegen einer Job-Offerte früher als geplant in den Beruf des Sozialpädagogen zurückkehrte.

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