Suchtkranke werden aus dem Chaos in ein strukturiertes Leben geholt

hzDrogenabhängigkeit

In das Haus Waldenburger Straße ziehen Ende September Suchtkranke ein. Nachbarn konnten die Einrichtung bereits besichtigen – und zeigten dabei viel Verständnis.

Castrop-Rauxel

, 24.09.2019, 16:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Mesut Erdogan ist extra aus Gelsenkirchen angereist, wo er im „Heimathof Ruhr“ lebt, einer Einrichtung für Menschen mit Alkohol- oder Drogenabhängigkeit.

Für die Fahrt nach Castrop-Rauxel hatten er und andere Bewohner sowie Mitarbeiter des Heimathofes einen guten Grund: Sie besichtigten das ebenfalls von Bethel.regional betriebene Haus an der Waldenburger Straße, in das ab dem 23. September drogenabhängige Menschen einziehen, die (noch) auf Beratung und Begleitung angewiesen sind.

Und somit kam das Urteil des Gelsenkircheners nach dem Rundgang durch den Neubau aus berufenem Munde: „Es ist wirklich schön hier, das muss ich schon sagen.“

Die Nachbarn einbeziehen

Möglichen Klienten, Interessierten und insbesondere Nachbarn bot Bethel.regional die Möglichkeit, sich das Gebäude an der Waldenburger Straße vor der Eröffnung genau anzuschauen.

„Denn anfangs gab es zwei, drei schwierige Fragestellungen“, sagt Bereichsleiterin Monja Emmel. „Dabei ging es aber nicht um inhaltliche Fragen zur Einrichtung.“ Vielmehr hätten sich Anwohner im Vorfeld eher um zu wenig Parkplätze oder eventuelle Beeinträchtigungen während der Bauphase gesorgt.

Und um die Nachbarn von Beginn an intensiv in das Geschehen einzubinden, solle es neben dem Tag der offen Tür künftig weitere gemeinsame Aktionen geben, fährt Bethel.regional-Regionalleiterin Franziska Trappe fort: „Denn das ist gelebte Nachbarschaft.“

Suchtkranke werden aus dem Chaos in ein strukturiertes Leben geholt

Mesut Erdogan war extra aus Gelsenkirchen angereist, um sich ein Bild von den Appartements im Haus Waldenburger Straße zu machen. Und sein Fazit war überaus positiv: "Es ist wirklich schön hier." © Michael Schuh

22 individuell eingerichtete Einzelzimmer-Appartements mit Bad und Küche sowie zwei Gästezimmer beherbergt der zweigeschossige Flachbau auf insgesamt 900 Quadratmetern.

Einziehen werden dort Menschen mit chronischen Abhängigkeiten, die zuvor meist in anderen Einrichtungen, teilweise aber auch in Kliniken, Justizvollzugsanstalten oder auf der Straße lebten. An der Waldenburger Straße sollen die von illegalen oder legalen Drogen wie Alkohol abhängigen Menschen auf ein selbstständiges Leben in einer eigenen Wohnung vorbereitet werden.

Ein Leben ohne Struktur

Dafür bedarf es der Beteiligung der Bewohner, die bereits in die Planung und Gestaltung des Gebäudes und des Gartens eingebunden waren. „Alle Klienten müssen mitarbeiten“, erläutert Emmel. „Sonst gibt es keinen Schritt in Richtung Selbstständigkeit.“

Für die abhängigen Menschen, deren Leben zuvor kaum eine Struktur kannte, bedeutet das unter anderem, selbst einzukaufen und sich zu verpflegen. „Und natürlich erwarten wir von unseren Klienten die Bereitschaft, ein drogenfreies Leben zu führen“, ergänzt die Bereichsleiterin.

3,5 Millionen Euro in die Hand genommen

Insgesamt 3,5 Millionen Euro, finanziert von der Stiftung Bethel, dem Land, der Stiftung Wohlfahrtspflege, der Aktion Mensch und Spendengeldern, kostete der Bau des bis auf kleinere Arbeiten fertiggestellten Gebäudes. Dafür bietet es den Klienten Räume für Gespräche, handwerkliche Angebote oder Kochkurse. Die Bewohner können zudem kickern, malen oder sich bei Bedarf in ihr eigenes Appartement zurückziehen.

Zu den Besuchern des Tags der offenen Tür gehört Meike Ullrich, die nach eigener Aussage „Garten an Garten“ zu der Einrichtung lebt und sich das Haus Waldenburger Straße gemeinsam mit ihrem Mann anschaut.

Suchtkranke werden aus dem Chaos in ein strukturiertes Leben geholt

Zahlreiche Nachbarn waren ins Haus Waldenburger Straße gekommen, um sich ein Bild von der Einrichtung zu machen und mit den Bethel.regional-Mitarbeitern zu sprechen. © Michael Schuh

Von Angst vor den neuen Nachbarn kann bei ihr keine Rede sein - das Gegenteil ist der Fall: „Wir sind vielmehr glücklich, dass wir selbst nicht betroffen sind. Und wären wir in der Situation dieser Menschen, wären wir ja auch froh, wenn uns geholfen würde.“

Viele andere Anwohner hätten ebenfalls die Möglichkeit genutzt, sich ein genaueres Bild von der Einrichtung zu machen. „Und auch von ihnen habe ich viel Positives gehört“, sagt Ullrich. Der Grundstein für eine gute Nachbarschaft ist gelegt.

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