Thomas Krämerkämper: Bürgermeister hantiert bewusst mit falschen Zahlen

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Wächst Castrop-Rauxel tatsächlich in den nächsten Jahren? Und wie viel neuen Wohnraum braucht die Stadt dafür? Die Zahlen und Interpretationen dazu gehen weit auseinander. Ein Streitthema.

Castrop-Rauxel

, 04.10.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Frage der Stadtentwicklung und des Flächenverbrauchs hat in der vergangenen Ratsperiode unter anderem zum Scheitern der Ampelkoalition geführt. Und im Kommunalwahlkampf 2020 hatte Bürgermeister Rajko Kravanja quasi gebetsmühlenartig wiederholt, dass die Stadtentwicklung für ihn ein Mega-Thema sei: „Wenn wir nicht mehr wachsen können, dann können wir die Stadt abschließen. Dann bin ich nicht der richtige Bürgermeister, denn ich will Stadt entwickeln.“ So Kravanja in einem Interview am 31. August 2020.

Und: „Wenn eine Stadt aber wachsen soll, dann geht das nur auf neuen Flächen, die wir dann aber ökologisch, sozial gerecht und nachhaltig gestalten müssen.“ Mit dieser Aussage hat sich Bürgermeister Rajko Kravanja im Bürgermeisterduell mit Oliver Lind vor seiner Wiederwahl gegenüber Redaktionsleiter Matthias Langrock erneut zur Stadtentwicklung positioniert.

„Da sagen die Statistiken etwas anderes“

Dagegen verweisen Grünen-Politiker darauf, dass in Castrop-Rauxel knapp 7 Prozent der Wohnungen leerstehen. Darauf aufbauend argumentieren sie, dass die Wohnungsversorgung dadurch verbessert werden könnte, dass man diese 7 Prozent verringere. Im Duell mit Oliver Lind reagierte Kravanja so: „Die 7 Prozent kommen erst mal von den Grünen, da sagen die Statistiken etwas anderes.“

Diese Sicht der Dinge wird nun von Thomas Krämerkämper vehement kritisiert. Der Henrichenburger ist im Landesvorstand des BUND, hat bei der Kommunalwahl für die Grünen in Castrop-Rauxel kandidiert und kümmert sich nach eigenen Worten beruflich „heute hauptsächlich um meinen forst- und landwirtschaftlichen Betrieb in Henrichenburg und als Investor um die Betreuung meiner Beteiligungen.“

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Krämerkämper wirft Rajko Kravanja vor, an mehreren Stellen speziell im Wahlkampf mit falschen Zahlen hantiert und so falsche Voraussetzungen in Sachen Stadtentwicklung postuliert zu haben. Das gelte einmal für die Einwohnerentwicklung Castrop-Rauxels. Kravanja arbeite hier mit einer Einwohnerzahl zum 31. Dezember 2019 von 75.439 Menschen. Tatsächlich liege die vom Land NRW ermittelte amtliche Einwohnerzahl zu diesem Stichtag bei 73.343 Menschen.

Thomas Krämerkämper gegenüber unserer Redaktion: „Das war übrigens zu diesem Zeitpunkt ein absoluter Tiefststand seit den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts.“ Und dieser Rückgang halte weiter an. Inzwischen ist ein neuer Tiefststand mit nur noch 73.309 Einwohnern zum 31. Mai 2020 erreicht worden.

Breitseite gegen den Bürgermeister

Zwar behaupte Bürgermeister Rajko Kravanja gerne etwas anderes. „Durch Wiederholung werden aber falsche Daten nicht richtiger. Offensichtlich passt die amtliche Bevölkerungsentwicklung Herrn Kravanja nicht in den Kram, möchte er doch gerne mit einem von ihm wahrheitswidrig behaupteten Bevölkerungswachstum rechtfertigen, weiteren Freiraum zuzubauen“, so Krämerkämper in einer Breitseite gegen den alten und neuen Bürgermeister.

Rajko Kravanja: „Wenn wir nicht mehr wachsen können, dann können wir die Stadt abschließen. Dann bin ich nicht der richtige Bürgermeister, denn ich will Stadt entwickeln.“

Rajko Kravanja: „Wenn wir nicht mehr wachsen können, dann können wir die Stadt abschließen. Dann bin ich nicht der richtige Bürgermeister, denn ich will Stadt entwickeln.“ © Volker Engel

Rajko Kravanja hat in dem Bürgermeisterduell mit Lind auch gesagt, dass man für neuen Wohnraum in einer wachsenden Stadt neue Flächen in Anspruch nehmen müsse, da man ja nicht in den privaten Wohnungsbestand eingreifen könne, da man nicht Eigentümer sei. Auch diese Aussage sei falsch, moniert der Henrichenburger: „Genehmigte Wohnungen auf Dauer nicht zu nutzen, ist eine genehmigungspflichtige Nutzungsänderung. Sehr wohl kann die Stadt (wie es in anderen Städten auch gemacht wird) hier eingreifen.“

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Schließlich sei auch die oben zitierte Aussage Kravanjas, dass Statistiken die von den Grünen angeführte rund siebenprozentige Leerstandsquote in Castrop-Rauxel widerlegten, schlicht falsch. Denn diese Zahl werde in dem von der Stadt selbst bei der InWIS Forschung und Beratung GmbH aus Bochum in Auftrag gegebenen Gutachten genannt, das im Frühjahr 2019 vorgestellt wurde.

Bau von 160 Wohnungen empfohlen

Und tatsächlich hat unsere Redaktion im April 2019 von der Vorstellung des Gutachtens im Betriebsausschuss 3 Folgendes berichtet: „Dem Mietwohnungsmarkt sind unterm Strich 22.986 Wohnungen zuzurechnen. Davon sind laut Projektleiter Michael Neitzel 21.438 Wohnungen bewohnt, 1548 stehen leer. (...) Aus dem Abgleich der Wohnungsbestandsdaten mit der Zahl der Haushalte wurde eine rechnerische Leerstandsquote von 6,7 Prozent ermittelt.“

Laut Thomas Krämerkämper zeige die Tatsache, „dass Herr Kravanja solche Fakten ignoriert und einfach ohne Grundlage etwas anderes behauptet, auf welchen tönernen Füssen seine Wohnungsbaupolitik beruht.“


Seit Jahren taucht in jeder politischen Diskussion zum Thema Wohnen und Bauen die Zahl von 300 fehlenden Wohneinheiten auf. Die Herkunft dieser Quantifizierung ist allerdings offiziell nie kommuniziert worden, trotzdem gehörte sie in der Meinungsfindung zur Gründung einer neuen städtischen Wohnungsbaugesellschaft auch immer dazu.

Von der GeWo II ist bekanntlich eine Stadtentwicklungsgesellschaft übrig geblieben. Und für die soll die Analyse des InWIS-Instituts zum Bedarf nach bezahlbarem Wohnraum auch Richtschnur sein – so will es die Politik.

InWIS kam 2019 allerdings zu dem Schluss, dass in allen Segmenten „gemäßigte Neubauaktivitäten“ sinnvoll seien und nannte auch eine Größenordnung: 40 bezahlbare Wohnungen mehr für Drei- und Mehrpersonenhaushalte und 120 Wohnungen mehr für Ein- und Zwei-Personen-Haushalte, macht unterm Strich also den Neubau von 160 Wohnungen.

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