Alkohol in Verbindung mit Medikamenten führten zu Aggressionen und Widerstand gegen Polizisten. Eine Bewährungsstrafe gibt einer 54-Jährigen eine Chance für ein besseres Leben. (Symbolbild) © picture alliance / dpa
Seit 40 Jahren suchtkrank

Tritte gegen Polizisten: Bewährungsstrafe als Chance für ein besseres Leben

Die 54-Jährige war ganz unten, obdachlos und seit Jahrzehnten suchtkrank. Jetzt blickt sie optimistisch nach vorn – trotz einer Bewährungsstrafe von einem halben Jahr.

Die Fakten waren klar nach der Verlesung der Anklage. Die 54-Jährige hatte sich vehement gegen die Festnahme und den Transport ins Polizeipräsidium gewehrt – mit Worten und Tritten. Sie traf beide Beamten an den Schienbeinen und fügte ihnen leichte Verletzungen zu.

Das war zum Jahresende 2019. Jetzt, mehr als eineinhalb Jahre später, saß die Frau auf der Anklagebank. Sie war gemeinsam mit ihrer Betreuerin gekommen, die ihr psycho-sozialen Beistand gibt. Denn die Lebensgeschichte offenbarte, dass die Frau, die freundlich, zurückhaltend und höflich dasaß und ehrlich antwortete, zwischendurch ganz unten war. Obdachlos und schwer krank.

Mit 14 Jahren hatte sie den ersten Kontakt mit Drogen und kam jahrzehntelang nicht davon ab. Nach einer Entgiftung entwickelte sich, wie laut fachlicher Auskunft häufig, eine Suchtverlagerung. Alkohol. Und der machte aus ihr einen anderen Menschen.

Medikamente und Wodka

„Kiebig, patzig, aggressiv, aber auch depressiv“, schilderte ihr Anwalt. So wird es auch an jenem Tag gewesen sein, als die Polizei ein Platzverbot durchsetzen wollte. Zuvor hatte die Angeklagte eine heftige Auseinandersetzung mit einer anderen Person. „Ich war aufgewühlt, weil ich Streit mit jemandem hatte, der mir wehtun wollte“, sagte sie. Medikamente und Wodka habe sie intus gehabt. Eine schlechte Kombination.

„Als ich in den Polizeiwagen gedrückt wurde, hatte ich schlimme Schmerzen wegen meiner Bandscheibe“, erklärte sie ihr Ausrasten. Sie sei gerade aus einer Entgiftung entlassen worden, vorzeitig wegen der Corona-Pandemie.

Ihre Süchte haben ihr über viele Jahre stark zugesetzt. Ärzte diagnostizierten die Lungenkrankheit COPD im fortgeschrittenen Stadium, Asthma, eine entzündete Bauchspeicheldrüse und Bandscheibenprobleme.

Therapie soll helfen

Dennoch guckt die Frau nach vorn, hat wieder eine feste Adresse und eine kleine Rente, lebt bescheiden, aber mit dem festen Willen, ein geordnetes Leben zu schaffen. „Ehrenwort, nie mehr“, beteuerte sie und sieht einer Langzeittherapie hoffnungsvoll entgegen. Das hatte sie zuvor in einem Brief an den Richter auch schon ausgeführt.

Der war fast überrascht, dass die Angeklagte nur eine einzige Vorstrafe hatte – Diebstahl. Jetzt kam eine Strafe dazu: Sechs Monate Freiheitsstrafe, ausgesetzt zur Bewährung. Dazu die Auflagen, regelmäßig einen Bewährungshelfer zu kontaktieren und die Therapie zu machen.

„Strafe muss sein“, so der Verteidiger, der wie das Gericht darin eine Chance auf Resozialisierung sieht. „Mut und Kraft wünschte auch der Richter der 54-Jährigen und schloss die Urteilsbegründung mit den Worten: „Wir wollen Sie hier nie wiedersehen.“

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Redaktion Castrop-Rauxel
Ich bin seit etlichen Jahren als freie Mitarbeiterin für die Lokalredaktion tätig, besuche regelmäßig Gerichtsverhandlungen, um darüber zu berichten, und bin neugierig auf alles, was in Castrop-Rauxel passiert.
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