Andreas Nachtigall wartet darauf, sich einen der ersten Corona-Schnelltests beim Aldi am Ickerner Markt zu kaufen. © Stephan Schütze
Coronavirus

Verkauf von Corona-Selbsttests bei Aldi: „Meine Frau hat mich hergejagt“

In Castrop-Rauxel blieb der Kundenansturm auf die Corona-Selbsttests bei Aldi am Samstagmorgen aus. Die wenigen, die doch kamen, hatten jedoch sehr persönliche Gründe.

Es ist Samstag (6. März), kurz vor sieben Uhr morgens vor der Aldi-Filiale am Ickerner Markt. Mit den ersten Sonnenstrahlen öffnet der Discounter seine Türen für das Tagesgeschäft. Vor dem Laden steht Andreas Nachtigall in den Startlöchern.

Normalerweise steht der 48-Jährige zu dieser Zeit selbst in einem Discounter und bereitet alles auf den üblichen Kundenansturm am Samstag vor. Heute wartet der Castrop-Rauxeler mit einer Handvoll anderer Kunden auf die Öffnung des Geschäfts.

Aldi bietet seit Samstagmorgen Selbsttests an

Denn seit heute hat Aldi als erste Handelskette in Deutschland Corona-Selbsttests im Angebot. Wer auf Nummer sicher gehen will, ob er sich mit dem Virus infiziert hat, muss sich nicht mehr zwingend beim Testzentrum oder dem Hausarzt machen lassen. Ein einfacher Gang zur Kasse reicht – und anschließend zu Hause natürlich die eigentliche Testung – um Sicherheit zu bekommen.

Der Kundenansturm war kurz vor Geschäftsöffnung noch überschaubar.
Der Kundenansturm war kurz vor Geschäftsöffnung noch überschaubar. © Stephan Schuetze © Stephan Schuetze

Die Nachfrage nach den Selbsttests ist in Ickern jedoch überschaubar – ganz anders als beispielsweise in Dortmund. „Ich hätte mit einem größeren Andrang gerechnet“, meint Andreas Nachtigall. Gerade mal eine Handvoll Menschen hat sich am Ickerner Markt eingefunden. „Da ist ja mehr los, wenn eine Playstation oder das neueste iPhone im Angebot sind“, scherzt der Einzelhandelsprofi.

Wenig Nachfrage, weil nur wenige es wissen?

Die Meldung, dass der Discounter bereits am Wochenende Selbsttests anbieten würde, war aber auch relativ kurzfristig. Erst am Donnerstag (4. März) drang die Nachricht an die Öffentlichkeit. „Viele haben das bestimmt noch gar nicht mitbekommen“, mutmaßt Nachtigall.

Dementsprechend flott geht es für Nachtigall dann aber auch, als sich um Punkt 7 Uhr die Türen des Aldi öffnen. Ruckzuck steht er in der kurzen Schlange vor der Kasse und fragt nach einem Fünferpack für 25 Euro – mehr darf ein Kunde pro Einkauf beim Aldi aktuell nicht kaufen.

Nur ein Paket pro Kunde

Locker greift die Kassiererin hinter sich – die strenge Reglementierung wird dadurch gewährleistet, dass es die Selbsttests nur auf Nachfrage an der Kasse gibt – und händigt Nachtigall sein Paket aus. Dann wird noch flugs bezahlt und mir nichts dir nichts ist der Castrop-Rauxeler mit seinen Selbsttests schon wieder draußen.

Wie er das Stäbchen benutzen muss, hat ihm niemand gesagt, darin sieht der 48-Jährige jedoch auch kein Problem. „Da ist eine Beilage mit drin, die werde ich mir gründlich durchlesen. Sollte es dann noch Fragen geben, schaue ich einfach ins Internet“, meint er.

Erste Anwendung noch am gleichen Tag

Sollten dann alle Unklarheiten erledigt sein, will Nachtigall gleich heute den ersten Selbsttest ausprobieren. Doch nicht aus reiner Neugier, der Grund für seinen Kauf ist ein weitaus ernsterer. „Meine Frau ist schwer krank und meine Tochter lebt in einer Wohngemeinschaft. Da ist es gut, ein wenig Sicherheit zu haben, wenigstens für die beiden“, sagt er.

Andreas Nachtigall hat ihn in der Hand: einen der ersten in Castrop-Rauxel im Handel zu erwerbenden Corona-Schnelltest.
Andreas Nachtigall hat ihn in der Hand: einen der ersten in Castrop-Rauxel im Handel zu erwerbenden Corona-Schnelltest. © Stephan Schütze © Stephan Schütze

Wie eindeutig die Ergebnisse der Selbsttests letzten Endes sind, ist bei Fachleuten noch umstritten. Da laut Verpackungsanweisung der Abstrich nur in einer Tiefe von einem Zentimeter in Nase und Rachen erfolgt, gehen sie davon aus, dass ältere Infektionen nicht erfasst würden.

Von der Ehefrau geschickt

Auch für Helmut Kathagen war seine Ehefrau der Grund, weshalb er sich um 7.30 Uhr auf den Weg zum Ickerner Markt gemacht hat. „Meine Frau hat mich hergejagt“, grummelt der 64-Jährige, als er gerade sein Rad abschließt. Nächste Woche möchten die beiden ihre Enkelin besuchen, da sollte er die Tests besorgen, um auf Nummer sicherzugehen.

Zwar sei es der erste Corona-Test überhaupt, dem der Castrop-Rauxeler sich dann überhaupt unterziehen würde, verunsichert ist er aber dennoch nicht: „Sollte ich Fragen haben, wende ich mich einfach an meine Tochter. Die ist Zahnärztin und wird mir hoffentlich weiterhelfen können.“


Kein Vertrauen in Versprechungen der Regierung

Eine Sache stört den 64-Jährigen: „Der Preis ist natürlich eine Hausnummer. Aber wenn der Staat nichts macht, muss man eben selbst die Initiative ergreifen“, meint der Castrop-Rauxeler. Auch von den Plänen des Gesundheitsministeriums, kostenlose Schnelltests einmal die Woche für jeden Bürger zu ermöglichen, hält Kathagen nichts. „Wie soll das denn logistisch klappen, und vor allem, wo sollen die ganzen Menschen denn ihre Tests machen?“

Da würde er lieber auf das vertrauen, was schon im Angebot ist. Sprichts und verschwindet im Discounter. Kurze Zeit später ist er wieder draußen, denn noch immer ist der Andrang überschaubar. Nachtigalls Prognose bewahrheitet sich offenbar: Viele Kunden wussten nicht einmal, dass der Discounter seit dem heutigen Tag Selbsttests verkaufen würde.

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Volontär
Geboren in Dorsten, nach kurzem studienbedingten Besuch im Rheinland jetzt wieder in der Region. Hat Literatur- und Theaterwissenschaften studiert, findet aber, dass sich die wirklich interessanten Geschichten auf der Straße und nicht zwischen zwei Buchdeckeln finden lassen.
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