Schmuck für Neonazis im Shop: JVA Meisenhof sieht Skandal als Chance

hzJustizvollzugsanstalt Castrop-Rauxel

Zwei von Gefangenen der JVA Castrop-Rauxel hergestellte Schmuckstücke sorgten vergangene Woche für Aufregung. Anstaltsleiter Julius Wandelt zieht daraus Konsequenzen - auch für sich selbst.

Ickern

, 25.04.2020, 08:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Den Hammer Mjölnir kennt der eine oder andere als die Waffe des Donnergotts Thor, einer mystischen Figur der germanischen Völker. Eine Abbildung dieses Hammers gab es in einem Web-Shop auf der Internetseite der Justizvollzugsanstalten NRW zu kaufen. Klein und silbern, auf einem Lederbändchen aufgefädelt, wurde er auf knastladen.de unter der Option „Schmuck“ angeboten, hergestellt von den Gefangenen der JVA Castrop-Rauxel. Das kleine Abbild sorgt jetzt für große Aufregung.

Genauso wie ein Schlüsselanhänger in Form eines Baseballschlägers wurde der Hammer aus dem Sortiment genommen, nachdem der WDR berichtete und die beiden Produkte mit der rechtsextremen Szene in Zusammenhang gebracht hatte. Bei WDR.de heißt es: „Der Hammer wird von Neonazis als Hakenkreuz-Ersatz verwendet. (...) Baseball als Sport habe in Deutschland praktisch keine Bedeutung, der Baseballschläger als Symbol für rechte Gewalt schon.“

Absolute Neutralität wahren

Wie konnte das passieren? Anstaltsleiter Julius Wandelt erklärt auf Anfrage unserer Redaktion: „Es ist möglich, jeden Artikel bei knastladen.de einzustellen, der in den JVAs hergestellt wird. Es gibt keine Kommission, die darüber wacht. Manchmal landen dort auch Artikel, von denen wir nichts gewusst haben.“

Das rechtfertige nicht, dass zweifelhafte Schmuckstücke ihren Weg auf die Seite gefunden hätten, sagt er. „Ich wäre im Traum nicht darauf gekommen, dass jemand ein Schmuckstück einstellt, das eine Rechtsaffinität demonstrieren könnte“, so Wandelt.

Julius Wandelt, Leiter der JVA, zieht Konsequenzen aus den zweideutigen Schmuckstücken.

Julius Wandelt, Leiter der JVA, zieht Konsequenzen aus den zweideutigen Schmuckstücken. © Torben Kassler

Nach dem Hinweis des WDR habe er die Produkte direkt aus dem Sortiment nehmen lassen. „Wir müssen absolute Neutralität wahren. Da wird nicht diskutiert, solche Dinge werden hier nicht produziert und verkauft.“ Ein Team prüfe nun alle 1000 Artikel auf knastladen.de auf ähnliche Zweideutigkeiten.

Kreativität im Resozialisierungsprozess

Wandelt habe sich selbst über die Bedeutung des Hammers informiert und merkt an: „Wir haben kein Fingerspitzengefühl gehabt und nicht darüber nachgedacht, in welchem Zusammenhang der Hammer verwendet werden könnte. Wir haben sauber zu bleiben.“

Die kleinen Hämmer und Baseballschläger wurden von den Gefangenen der JVA hergestellt. Dies gehört zum Resozialisierungsprozess: Sie sollen bei der Arbeit fit gemacht werden für die Arbeitswelt draußen. Kreativität spiele hier eine große Rolle. „Es ist wichtig, an die Leute heranzukommen und herauszufinden, welche Leistung sie auf legale Weise erbringen können“, sagt Wandelt. „Man muss keine Panzer knacken, sondern kann auch Dinge zusammen schweißen und auf dem Weihnachtsmarkt verkaufen. Wir lassen den Gefangenen die Freiheit, ihre Kreativität walten zu lassen, und etwas herzustellen, das sie sich ausgedacht haben. Diese Arbeit ist wichtig für die Resozialisierung.“

Ob möglicherweise Dortmunder Neonazis, die laut WDR-Bericht immer mal wieder in der JVA Meisenhof in Ickern einsitzen, an der Herstellung der Produkte beteiligt waren, lasse sich nicht mehr nachvollziehen, so Wandelt. „Die Artikel sind seit 2018 im Sortiment.“

Hammer-Ursprung unklar

Es läge nicht im Interesse der JVA, den Gefangenen die Arbeit vorzugeben. Natürlich gebe es auch Aufträge, die die Gefangenen mit ihrer eigenen Kreativität erfüllen sollten, wie etwa der Bau von Holzautos für den Weihnachtsmarkt.

„Und so dürften auch die Hämmer hergestellt worden sein, möglicherweise von jemandem, der Fan der Serie ‚Thor‘ ist. Das gleiche gilt für die Baseballschläger, aber wir haben auch Golfschläger im Angebot“, erklärt Wandelt.

Die beiden „Schmuckstücke“ würden nun umgearbeitet - ein Teil des Lernprozesses, so Wandelt. In Zukunft könnten sie als Bremsklötze in Modellautos Platz finden.

Die Aufregung habe auch etwas positives, so Wandelt. „Solche Hinweise eröffnen uns die Möglichkeit, uns selbst zu überprüfen. Das ist Gold wert.“

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