Vom DDR-Internat in den Drogensumpf - „Ab Klasse neun war mir dann alles scheißegal“

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Steve Blumentritt ist seit fast 30 Jahren von Heroin und anderen Drogen abhängig, lebte auf der Straße und saß im Knast. Jetzt will der talentierte Boxer in Ickern Normalität finden.

Ickern

, 28.09.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es ist nur schwer nachzuvollziehen, wie es Steve Blumentritt gelingt, so detailliert über sein Leben zu sprechen. Ein Leben, das seit Jahrzehnten von illegalen Drogen und Alkohol, Entzügen und Rückfällen geprägt ist.

Ein Leben, von dem aufgrund der wenigen Hochs und der vielen Tiefs keinerlei Zeugnisse wie Fotos, Papiere oder Urkunden mehr existieren.

Steve Blumentritt muss sich allein auf sein Gedächtnis verlassen, das dem Heroin und Alkohol offenbar getrotzt hat. „Körperlich hatte der lange Konsum Auswirkungen“, sagt der 43-Jährige, „aber ich bin sehr dankbar, dass mein Kopf das alles überstanden hat.“

Und auch die Hoffnung auf eine ganz normale Zukunft hat die Zeit überdauert. Dafür möchte Blumentritt im Castrop-Rauxeler Haus Waldenburger Straße, einer Bethel.regional-Einrichtung für chronisch mehrfach abhängige Menschen, nun den Grundstein legen.

Begegnung mit einem Idol

Eigentlich deutete anfangs nichts darauf hin, dass sein Dasein einmal von Entgiftungen, Obdachlosigkeit oder Knast bestimmt würde. 1976 in Halle an der Saale geboren, begann Blumentritt schon als kleiner Junge mit dem Boxsport, bewies Talent und wurde in einem für die DDR typischen Sportinternat aufgenommen.

„Da war alles durchorganisiert. Vom Morgenappell mit weißem Hemd und Halstuch über die Schule bis hin zum Essen und Training.“

Der junge Steve nahm an Bezirks-Spartakiaden teil und durfte beim Chemie-Pokal in Halle einmal sogar dem dreifachen Olympiasieger und Amateurweltmeister Teófilo Stevenson die Medaille überreichen. Während er das erzählt, zeichnet sich ein Lächeln auf Blumentritts Gesicht ab. Keine Frage, es war die Begegnung mit einem Idol. Unvergesslich.

Dann kam die Wende

Einer geregelten Existenz in der DDR, ja vielleicht sogar einer sportlichen Karriere, schien nichts im Wege zu stehen. Doch dann kam die Wende. Das Sportinternat wurde geschlossen, Steve zog mit knapp 14 Jahren wieder zu Hause ein.

Dort traf er auf seinen Stiefvater, zu dem er ohnehin kein sonderlich gutes Verhältnis hatte, und auf seine Mutter, die sich aus Angst vor Erwerbslosigkeit im neuen System in die Arbeit stürzte und kaum noch Zeit für den Sohn aufbrachte.

Blumentritt ist sicher niemand, der die Schuld ausschließlich in den damaligen Umständen oder bei anderen sucht. Doch plötzlich hatte der Jugendliche mittags Schulschluss und musste die Freizeit selbst gestalten.

„Es gab keinen Plan mehr wie zuvor“, erinnert er sich. „Ich glaube, auch das hat mir das Genick gebrochen.“ Ähnlich erging es seiner älteren Schwester: „Zu DDR-Zeiten wollte sie Pilotin werden. Am Ende wurde sie Kassiererin bei Aldi.“

Alkohol und Cannabis

Anfangs ging der Jugendliche noch regelmäßig zur Schule, schloss sich aber bereits zu dieser Zeit der Punk-Szene an. „Denn meiner Omi hatte ich versprochen, niemals Nazi zu werden, von denen es damals viele in Halle gab.“

Doch sein neues Umfeld brachte Probleme mit sich: Alkohol und Cannabis gehörten zum guten Ton. „Als Punker wollte man provozieren, das erste Bier gab es schon vor 10 Uhr morgens.“ Und nach einer kurzen Pause fährt er fort: „Ab Klasse neun war mir dann alles scheißegal.“

Er riss sich zwar noch einmal zusammen, schaffte den Schulabschluss und begann eine Ausbildung zum Elektriker, doch die Lehre schmiss er nach zwei Jahren. Zum Alkohol gesellten sich nun Ecstasy, Speed, halluzinogene Pilze und LSD.

„Ich war vielleicht zu lieb, zu schüchtern, um da rauszukommen“, blickt Blumentritt zurück. „Erst, wenn man mir was zu trinken gab, ging ich los wie eine Dampfwalze.“

Vom DDR-Internat in den Drogensumpf - „Ab Klasse neun war mir dann alles scheißegal“

In seinem Appartement an der Waldenburger Straße ist Steve Blumentritt für vieles selbst verantwortlich - angefangen beim Zubereiten des Kaffees. © Michael Schuh

Anfang 1995 dann der erste Kontakt zum Heroin. Zunächst wurde die Droge geraucht, später durch die Nase gezogen und schließlich gespritzt. Das führte im Laufe der Jahre so weit, „dass ein Bekannter mir irgendwann die Spitze in den Hals setzen musste, weil ich keine brauchbaren Venen im Arm mehr fand.“

Die Zeit der Entgiftungen begann, wobei es immer wieder Phasen gab, in denen die Rückkehr in ein weitgehend normales, drogenfreies Leben möglich schien.

So während des Dienstes bei der Bundeswehr oder der Umschulung zum Elektroinstallateur, die er im dritten Anlauf schließlich mit sehr guten Noten bestand. Komplett clean sei er in Sachen Heroin von 1998 bis 2000 gewesen: „Aber Alkohol war eigentlich immer dabei.“

Zeit der Unrast

Es folgte eine Periode der Unrast, der Suche. Blumentritt verließ Halle und zog zu einem Freund nach Mönchengladbach, wo insbesondere die Wochenenden vom Heroinkonsum geprägt waren.

Weiter ging es nach Konstanz; von dort pendelte er zur Arbeit in die Schweiz, was zunächst auch funktionierte. „Doch irgendwann fuhr ich über den Hauptbahnhof Zürich und habe wieder ‚H‘ gekauft.“

Schließlich stieg er eines Tages „Knall auf Fall“ in den Zug nach Halle „und dort fiel ich zitternd aus dem Abteil.“ Seine Freundin, die 2003 auch seinen Sohn zur Welt brachte, habe ihm dann erst einmal was besorgt.

Dreieinhalb Jahre Knast

Doch Drogensucht beruht primär nicht auf Freundschaft, sie kostet vielmehr Geld. Illegale Geschäfte und Ladendiebstähle gehörten zum Leben des Hallensers dazu. „Aber ich habe nie einen Menschen verletzt“, sagt der 43-Jährige, „da lege ich viel Wert drauf.“

Dennoch hatten sich 2006 derart viele Vorstrafen angesammelt, dass der 1,92-Meter-Mann für dreieinhalb Jahre in den Knast musste. „Das war absolut berechtigt“, beschönigt Blumentritt nichts, „außerdem gab es dort wieder Struktur und Regeln. Und da ich beim Haftantritt nur noch 66 Kilo wog, hat mir der Richter wohl das Leben gerettet.“

Sogar Angst vor der Entlassung habe er gehabt - letztlich zu Recht. Denn die mündete in Chaos und Obdachlosigkeit: „An der ersten Tanke habe ich mir erst mal Bier und nen großen Jägermeister geholt.“

Als er 2010 im Rahmen einer Therapie jedoch Ersatzpräparate für das Heroin verschrieben bekam, zudem das Trinken stoppte und mit seiner Freundin zusammenzog, deutete vieles endlich, so Blumentritt, „auf ein stinknormales Leben hin.“

Maßlos besoffen

Doch dieser Traum sollte abrupt platzen: Seine Partnerin hatte unvermittelt einen neuen Freund. Blumentritt zog auf der Stelle aus und wohnte drei Wochen lang im Auto, „wo ich immer maßlos besoffen war.“

Der erneute Fall des Pegeltrinkers, der am Ende täglich drei Flaschen Schnaps plus Bier konsumierte, war nicht mehr aufzuhalten. Obdachlosigkeit, Psychiatrie, ein Krankenhausaufenthalt, bei dem ein Lebertumor entfernt wurde, und eine Langzeittherapie in verschiedenen Städten waren die Folge.

Bis er im April 2016 im Castrop-Rauxeler Haus Lange Straße, der Schwestereinrichtung zum Haus Waldenburger Straße, landete. Trotz anfänglicher Probleme gewöhnte er sich ein: „Nach einem Jahr habe ich die Kurve gekriegt. Denn ich habe Jahrzehnte gebraucht, um mir einzugestehen, dass ich Hilfe brauche.“

Das große Ziel

In seinem Appartement an der Waldenburger Straße, das der 43-Jährige am Montag bezog, folgt nun der nächste Schritt: Wie die anderen Klienten muss er lernen, Ordnung in sein Leben zu kriegen, Taschengeld zu verwalten, auf eigene Faust einzukaufen, ja selbst mit Bus und Bahn zu fahren. Um so künftig vielleicht wieder eine eigene Wohnung zu beziehen und arbeiten gehen zu können.

Doch Steve Blumentritt besitzt nicht nur ein hervorragendes Gedächtnis und die Fähigkeit zur Selbstkritik, sondern auch Realitätssinn. „Selbst wenn ich mein großes Ziel, eine eigene Wohnung, verwirklichen kann, werde ich wohl immer auf eine gewisse ambulante Betreuung angewiesen sein.“

Und dann sagt er: „Außer, ich finde eine ganz starke Partnerin.“

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