Von Moor, Emschergroppe, Zaunkönig und dem langen Atem für Umweltschutz

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In Castrop-Rauxel gibt es acht Naturschutzgebiete. Die Lippeaue ist das nächste FFH-Gebiet. Hier könnte es einen massiven Konflikt beim Bau der B 474n geben.

Castrop-Rauxel

, 19.02.2019 / Lesedauer: 4 min

Die Emschergroppe fühlt sich pudelwohl im Roßbach im Langeloh. In der ehemaligen Tongrube Lessmöllmann ist nicht nur ein Biotop als Lebensraum für zahlreiche Amphibien beheimatet, sondern es lässt auch einen Blick weit in die Erdgeschichte zu – der tiefe Aufschluss durch mehrere Schichtwasserleiter macht es möglich.

Beerenbruch ist das größte Schutzgebiet

Das sind nur zwei von acht Naturschutzgebieten (NSG) in unserer Stadt. Jedes steht mehr oder minder für andere Charakteristika. Das größte Schutzgebiet bei uns in der Gegend ist der Beerenbruch. Auf Castrop-Rauxeler Gebiet befinden sich rund 60 Hektar. Wir teilen uns den Beerenbruch genau wie das Knepper-Kraftwerk mit Dortmund. Aber um die bevorstehende Sprengung geht es hier gar nicht, sondern um allerhand Geschichten von früher und heute – mit Blick auch auf die Zukunft. Im Fokus: Natur- und Artenschutz.

Die B 474n birgt einen Konflikt zum FFH-Gebiet.
Thomas Krämerkämper

Der Brunosee im Beerenbruch, zu Fuß ganz schnell vom Deininghauser Weg zu erreichen, ist ein beliebtes Ziel. Zu verdanken ist das Eldorado für zahlreiche Zug- und Brutvögel dem Bergbau. Es entstand in den 1950er Jahren als Bergsenkungsgewässer, besitzt viele Flachwasserzonen, eine artenreiche Unterwasser-Vegetation und Röhrichte.

Graureiher in Pöppinghausen

Richtet man den Blick in den Norden liegt im Landschaftsplan Emscherniederung das 2008 ausgewiesene NSG Pöppinghäuser Wälder. Der 75 Hektar große Waldkomplex ist geprägt von naturnahen Wäldern auf unterschiedlich feuchten Böden. „Diese reichen von natürlichen Hainbuchenbeständen auf frischen Böden bis hin zu dauerhaft überstauten Grauweidenbruchwälder, aus denen sich langfristig Moore entwickeln könnten“, erklärt Kreissprecher Jochem Manz. Hier kann man zu jeder Jahreszeit viele heimische Vögel beobachten, darunter eine große Graureiherkolonie, allerhand Vögel aus der Specht-Familie und den Steinkauz.

Kanufahren auf der Lippe wird eingeschränkt

Extra ausgewiesene Vogelschutzgebiete gibt es bei uns nicht. Aber im NSG Wagenbruchquellen und im NSG Tongrube Lessmöllmann etwa schnäbeln jede Menge heimische Singvögel. Heckenbraunelle, Goldammer, Gartenbaumläufer. Ebenso Kleiber, Grünfink, Misteldrossel, Teichrohrsänger und Zaunkönig. Wenn der Landschaftsplan Ost-Vest, an dessen Aufstellung der Kreis arbeitet, rechtskräftig wird, kommen 2020 drei neue NSG hinzu, die nördlich von Ickern und Henrichenburg liegen.

Ein dickes Ausrufezeichen setzt auch der Landschaftsplan Lippe des Kreises, gültig als Satzung seit diesem Jahr. Der löst für das Gebiet um den 62 Kilometer langen Lippeverlauf eine Verordnung der Bezirksregierung ab. Der Landschaftsplan unterscheidet sich von der vorherigen Verordnung in wenigen, aber entscheidenden Punkten.

Von Moor, Emschergroppe, Zaunkönig und dem langen Atem für Umweltschutz

Der Henrichenburger Dr. Thomas Krämerkämper ist MItglied im BUND-Landesvorstand. © Foto: Björn Althoff

So ist das Kanufahren ab dem 1. April auf der Lippe in zwei Teilabschnitten von insgesamt neun Kilometern nur noch für eine begrenzte Zahl von Booten gleichzeitig erlaubt. Und pro Kanu muss ein Insasse einen Nachweis über die Teilnahme an einer Ökoschulung besitzen.

„Das Naturschutzgebiet Lippeaue ist ein Flora-Fauna-Habitat-Gebiet, damit ein Schutzgebiet von europäischem Rang“, sagt Karl Malden, Leiter der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises. Der Kreis sei mit dem Landschaftsplan Lippe seiner Verpflichtung nachgekommen, die Lippeaue zu schützen und dafür zu sorgen, dass das Gebiet ein geeigneter Lebensraum für die dort ansässigen Arten bleibe.

Deutschland hinkt immer hinterher

„Das FFH-Gebiet endet unmittelbar an der Lippebrücke“, sagt der Henrichenburger Dr. Thomas Krämerkämper vom BUND-Landesvorstand. Würde zum Beispiel die seit zig Jahren politisch kontrovers diskutierte und vom BUND beklagte B 474n als Erschließung in die Rieselfelder und des NewPark gebaut, komme es hier zu einem Konflikt.

Grundsätzlich klagt der BUND-Mann darüber, dass Deutschland dem europäischen Recht und den umweltbezogenen Richtlinien zeitlich deutlich hinterher hinke. „Die europäische Gesetzgebung ist rechtlich für uns aber das schärfste Schwert, was wir vor Gericht haben“, sagt Krämerkämper.

Langer Atem für den Umweltschutz

Welch’ langen Atem es braucht, um den Umwelt- und Klimaschutz nach vorne zu bringen, offenbart ein Blick in ein 1989 erschienenes Buch „Umwelt-, Natur- und Tierschutz in Castrop-Rauxel“, herausgeben vom Verlag Intermedia. 1986 gab es demnach den ersten Umweltschutzbericht der Stadt. Mit der Kernaussage, dass Umweltschutz Daseinsvorsorge beinhaltet. Und dem Spruch, dass wir nur eine Erde haben. „Mit den ersten Bäumen, die gefällt wurden, begann die Kultur. Mit den letzten Bäumen, die gefällt werden, endet sie“, ist da zu lesen.

Die Naturschutzgebiete

Ja. In Castrop-Rauxel Stadt liegen zur Zeit acht rechtskräftige Naturschutzgebiete (NSG), die zwischen 1999 und 2012 ausgewiesen wurden. Alle Naturschutzgebiete wurden in Landschaftsplänen des Kreises festgesetzt. Der überwiegende Teil der NSG liegt im ältesten Landschaftsplan Castrop-Rauxels, dem Castroper Hügelland, der das gesamte südliche und mittlere Stadtgebiet umfasst.
  • In Habinghorst an der Kanalstraße das zwei Hektar große NSG Habinghorst – eine kleine reich strukturierte, natürlicherweise feuchte Fläche. Prägend sind hier bruchwaldähnliche Strukturen, die in feuchte Eichenwälder übergehen. Von besonderem Wert sind hier drei kleine offene Feuchtbereiche, geprägt von Hochstaudenfluren mit zahlreichen Seggen, Binsen und vereinzelten Lilienvorkommen.
  • Nördlich der A 42 liegt das drei Hektar große Feuchtgebiet Schlaan, ein kleiner Rest einer vormalig großen Niederungsfläche, an der vor drei Jahrzehnten mit gewerblicher Bebauung heftig geknabbert wurde.
  • Im Langeloh ist das naturnahe Tal des Roßbachs prägend. Wagenbruchquellen, Tongrube Lessmöllmann, Beerenbruch, Pöppinghauser Wälder und Becklemer Busch sind die sechs weiteren NSG. Im nächsten Jahr kommen voraussichtlich drei hinzu.
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