Kutlay Ates (43) wurde bedroht, weil er Frauen in Not half

hzPreis für Zivilcourage

Kutlay Ates (43) rettete zwei Frauen in Castrop-Rauxel vor einem übergriffigen Mann. Der Angreifer versuchte später, Ates einzuschüchtern. „Es gab vier, fünf Vorfälle dieser Art.“

Castrop-Rauxel

, 12.12.2019, 11:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es war die Nacht des 30. April 2019, etwa 3 Uhr. Kutlay Ates (43) war gerade mit seiner Bulldogge auf einen Spaziergang in der Castroper Altstadt aufgebrochen. Da sah er vor der Bäckerei Grobe zwei Frauen und einen Mann, die miteinander stritten.

Es handelte sich unter anderem um Janina M., die kurz vorher mit einer Freundin in der Altstadt-Kneipe „Zum Bus“ den Tanz in den Mai gefeiert hatte. Genauso wie der Mann, der sie jetzt belästigte. Er habe sie festgehalten.

Mann in der Spielzeuglok festgehalten

Kutlay Ates, der das beobachtete, schritt ein: Der Kampfsportler, seit vielen Jahren in Taekwon-Do aktiv, schleppte zusammen mit einem Bekannten der Frauen den Mann mit zur Spielzeuglok vor dem Schreibwaren-Geschäft Lach und hielt den Angreifer fest, bis die Polizei kam. Der Festgehaltene stellte Strafanzeige gegen Ates – wegen vermeintlich gefährlicher Körperverletzung.

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Die Anzeige wurde fallen gelassen – und mehr noch: Kutlay Ates ist jetzt, mehr als ein halbes Jahr danach, für sein Einschreiten mit einem Preis ausgezeichnet worden: Die Bürgerstiftung Emscher-Lippe-Land verlieh unter dem Motto „Zivilcourage erfordert kein Heldentum. Nur Menschlichkeit“ nun erstmals den mit insgesamt 5000 Euro dotierten Preis an drei Menschen. Den Hauptpreis bekam Kutlay Ates.

„Auch wenn dabei Nachteile in Kauf genommen wurden“

„Mit dieser Ehrung zeichnen wir Personen aus, die sich couragiert für andere Mitmenschen eingesetzt haben, auch wenn dabei vielleicht eigene Nachteile in Kauf genommen wurden“, erläuterte Vorstand Ludger Suttmeyer die Idee dahinter. Seit August, als der Preis ausgerufen wurde, bestand die Möglichkeit, Kandidaten vorzuschlagen. Anfang Dezember nun wurde der Preis von TV-Promi Joe Bausch („Tatort“) verliehen.

„Der Termin war angenehm“, sagt Ates nun im Nachgang der Veranstaltung. Es sei ein wenig wie ein Eintauchen in eine Parallelwelt für ihn gewesen: „Von meinem Umfeld her kenne ich das eher nicht“, so Ates. Er sei auf Menschen getroffen, „die ehrenamtlich versuchen, etwas zu bewirken. Leute, die Arbeit machen, ohne Geld dafür zu bekommen“.

Hauptpreis wird an diese drei Einrichtungen gespendet

Er sei schon stolz darauf – auch oder gerade weil er „nur“ einen Glaspokal und einen 300-Euro-Gutschein bei Stolzenhoff Catering bekommen hat: Das Preisgeld selbst wude komplett gespendet. Ates durfte sich den Spendenzweck aussuchen.

1000 Euro für das Kinderpalliativzentrum Datteln, wo todkranke Kinder und Jugendliche mit ihren Familien betreut werden. 1000 Euro für die Elterninitiative krebskranker Kinder an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln. 1000 Euro für die Kinderschutzambulanz in Datteln, eine Anlaufstelle für Eltern, Lehrer, Ärzte, wenn sie einen Verdacht auf Missbrauch bei Kindern und Jugendlichen haben.

Zur Sache

Das waren die beiden anderen Preisträger

  • Auf den 2. Platz wurde der 16-jährige Louis Kruse gewählt, der während seiner Busfahrt zur Schule einen Mann in seinem Auto sah, der mit Atemnot und einem späteren Herzstillstand kämpfte. Durch seine Hartnäckigkeit brachte er den Busfahrer dazu anzuhalten und verließ den Bus, der ohne Zögern weiterfuhr. Zusammen mit einem weiteren Passanten kümmerte sich Louis um den Mann, bis der Krankenwagen eintraf. Durch seine Hilfe und die der anderen Ersthelfer konnte der Mann gerettet werden. Mit seinem Handeln bewies Louis, dass Zivilcourage kein Mindestalter hat und dass das Erkennen der Notsituation der erste und wichtigste Schritt ist. Die 1.000 Euro Preisgeld nutzt er zur Unterstützung des Schulvereins Bildung+ und der Schülervertretung am Theodor-Heuss-Gymnasium in Waltrop.
  • Den 3. Preis erhielt Kirsten Beughold. Über mehrere Monate hinweg half sie einer Mutter, die an Krebs erkrankt war, indem sie sich um das Mittagessen und die Hausaufgabenbetreuung der 10-jährigen Tochter kümmerte. Darüber hinaus ist sie schon lange bei der Wohnungsnotfachstelle der Caritas Waltrop aktiv und übt verschiedene Ehrenämter aus. Das Preisgeld in Höhe von 1.000 Euro übergab sie dem Förderverein der Gesamtschule Waltrop.

Ates, der 2009 von Herne nach Castrop-Rauxel zog, konnte wieder helfen. Seine erste große Hilfsaktion beim Tanz in den Mai brachte ihm eine Anzeige ein. Und im Nachhinein eine Menge Stress: Der Mann, den er damals fixierte, wollte ihn über Wochen und Monate einschüchtern.

Einschüchterungsversuche und Racheakte nach dem Vorfall

Einmal lauerten ihm drei Personen an einem Kiosk am Münsterplatz auf. „Die haben versucht, mich anzugreifen. Leute aus Essen wollten mir etwas antun, das hat mir die Person selbst angedroht“, so Ates.

Einmal sei ein Mittelsmann auf ihn zugekommen. Er habe ihn angesprochen, er drohte ihm. „Es gab vier, fünf Vorfälle dieser Art“, so Ates. Mittlerweile sei es aber ruhiger geworden.

„Ich bin niemand“, sagt er, „den man einfach so unterdrücken kann.“ Er verweist auf seine Statur und sein Äußeres. „Für manche Augen sehe ich böse aus, ja“, sagt er. „Die Polizei ist präsent“, findet Ates, „aber nicht unbedingt stark genug.“ Er warte nun auf die Gerichtsverhandlung gegen den Mann: „Bisher hat es keine gegeben“, sagt er.

„Sie haben Menschlichkeit gelebt“

Laudator Joe Bausch sprach Kutlay Ates und den anderen beiden Couragierten seinen vollsten Respekt aus: „Sie haben mit Ihrem Handeln Menschlichkeit gelebt und sich für andere Menschen in Not eingesetzt“, sagte der TV-Promi.

„Ich hoffe sehr, dass Sie damit auch den einen oder anderen darin bestärkt haben, in Zukunft ebenfalls hinzusehen und einzugreifen – natürlich ohne sich selbst in Gefahr zu begeben. Vielen Dank, dass Sie Ihre Geschichte mit uns geteilt haben.“

Was Zivilcourage für die Stiftung bedeutet

Vorstandsmitglied Ralf Jorzik hatte zur Ausschreibung des Preises vor Monaten erläutert, was genau Zivilcourage für die Stiftung bedeutet: Es gehe nicht darum, „in jeder bedrohlichen Situation unüberlegt einzugreifen und sein Leben mit zu gefährden“, so der Stiftungs-Vorstand, sondern in alltäglichen Szenarien und Personenkonstellationen eine Notsituation zu erkennen. „Das kann der Jugendliche sein, der von Gleichaltrigen im Bus lautstark beschimpft wird, oder die Nachbarin, bei der seit mehreren Tagen kein Licht mehr gebrannt hat.“

2020 soll es eine zweite Preisverleihung dieser Art geben. Ab August 2020 werden wieder Vorschläge gesucht, die dann von einer Jury ausgewählt werden. Vorschläge können auch schon jetzt an die Bürgerstiftung per E-Mail (info@buergerstiftung-emscherlippe-land.de) übermittelt werden.

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