Wer in Castrop-Rauxel plastikfrei einkaufen will, der sollte nicht in den Supermarkt gehen

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Die Mission: ein Wocheneinkauf ohne Plastikverpackungen. Der Ort: Die Castrop-Rauxeler Innenstadt. Ein Selbstversuch, der vielversprechend anfängt und als Geduldsprobe endet.

Castrop-Rauxel

, 05.05.2019, 16:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wie weit komme ich mit meinem Wocheneinkauf, wenn ich auf Plastikverpackungen verzichten will? Am liebsten gehe ich in den Supermarkt und kaufe dort alles, was auf dem Zettel steht. So auch bei diesem Selbstversuch.

Meine Erfahrungen im Supermarkt

Die Obst- und Gemüseabteilung bei Edeka stimmt mich gleich euphorisch. Kartoffeln gibt es einzeln, Radieschen im Bund (das Gummiband muss ich in Kauf nehmen), zwei Bananen und eine Gurke ohne Plastik-Kondom. Es läuft wie am Schnürchen. Einziges Manko: die Etiketten. In einigen Supermärkten wird die Ware an der Kasse gewogen und direkt berechnet. Da spart man die Aufkleber. Das ist hier anders.

Was mich positiv überrascht: Auch kleine Tomaten darf ich unverpackt kaufen. Ich wiege sie zunächst, lege sie dann in meine mitgebrachte Dose, klebe das Etikett auf den Deckel und ernte noch ein Lob von der Dame die hinter mir wartet. Von den Weintrauben nehme ich einfach eine Rebe aus der Plastiktüte raus, wiege sie, klebe das Etikett auf die Tomatendose und lege die Trauben unverpackt in den Wagen. Wer will, kann auch eine Papiertüte nehmen, die wird neben den Plastiktüten ebenfalls in der Obst- und Gemüseabteilung angeboten.

Was auch geht: Nüsse abfüllen. Unverpackt liegen sie in großen Kästen, Schäufelchen und Tüte daneben. Prima. Pinienkerne sind leider nicht dabei. Die bräuchte ich.

Wer in Castrop-Rauxel plastikfrei einkaufen will, der sollte nicht in den Supermarkt gehen

Meine Ausbeute des plastikfreien Einkaufs im Supermarkt. Was fehlt, sind Wurst, Käse, Fleisch, Süßigkeiten und Drogerieprodukte. © Iris Müller

Nach diesem wundervollen Auftakt lässt sich der Rest des plastikfreien Einkaufs-Erlebnisses im Supermarkt schnell zusammenfassen: Milch, 500-Gramm-Joghurt und Feta-Käse gibt es im Glas, das war‘s. Nudeln kaufe ich in der Lasagne-Variante. Schmeckt mit Pesto wahrscheinlich eher gewöhnungsbedürftig. Seife finde ich in einer Papp-Verpackung.

Wurst, Fleisch, Grillwürstchen, Käse, Fisch? Keine Chance. „Wir dürfen das nicht in Dosen verpacken“, erklärt die Frau hinter der Theke. Irgendwann werde das kommen, noch sei es nicht genehmigt. Ohne Wurst und Käse brauche ich aber nicht zu Hause auflaufen, da finde ich keine Freunde. Zahnpasta, Zahnbürste, Müllbeutel, Sahne, Butter und Süßigkeiten sind auch Fehlanzeige. Vor allem Letzteres wird sich auch später noch als Problem herausstellen.

Elisabeth Wigger-Düsing von der Verbraucherzentrale findet, es gibt noch kein gutes Konzept für den plastikfreien Einkauf von Fertigprodukten. Frau Wigger-Düsing, worauf kann man denn grundsätzlich beim plastikfreien Einkauf achten?

Beim Bäcker

Beim Bäcker kam ich mir - anders als im Supermarkt - nicht wie eine Exotin vor: Die Verkäuferin hat nicht einmal komisch geguckt, als ich fragte, ob ich die Brötchen direkt in meinen Beutel packen könnte. Sie stellte ein Körbchen auf die Theke, legte die Brötchen hinein und von dort wanderten sie in meine Tasche.

Auf dem Markt

Meine nächste Station ist der Wochenmarkt. Hier fluppt es. Fleischwurst, Leberwurst, Aufschnitt bekomme ich problemlos. Muss nur meine Dose auf die Theke stellen und betonen, dass die Leberwurst ruhig etwas schmieren darf, ich will wirklich kein Plastikblättchen darüber. „Wie lange machen sie das schon?“, fragt eine Frau mit Einkaufskorb hinter mir. Ich wette, sie ist neidisch, hätte auch gerne dieses gute Gefühl, was man sich miteinkauft, wenn man kein Plastik benutzt. Den Grund liefert sie aber gleich mit: „Wir sind alle zu bequem geworden.“

Was mich wundert: Ich bekomme absolut keine Grillwürstchen ohne Plastik. Sie sind bei allen Händlern nur eingeschweißt im Paket zu kaufen. Auch in der Metzgerei habe ich keine Chance: „Ein bisschen Plastik hat man immer“, so die Verkäuferin. Sie will die Würstchen aus der Vakuum-Verpackung herausnehmen und mir dann verkaufen. Nicht mit mir. Das ist geschummelt, ich lehne ab. „Dann kann ich Ihnen auch nicht helfen“, höre ich.

Im Bioladen

Fisch bekomme ich ohne Probleme in meine Dose gepackt. Für Käse muss ich noch eine Station weiter: in den Bioladen Löwenzahn an der Lönsstraße. Dort stelle ich wieder die Dose auf die Theke und lerne: Schnittkäse zu Schnittkäse, Weichkäse in eine extra Dose, sonst wird der andere Käse schneller schlecht.

Wer in Castrop-Rauxel plastikfrei einkaufen will, der sollte nicht in den Supermarkt gehen

Im Bioladen kann ich meine Dose auf die Theke stellen und die Verkäuferin legt den Käse hinein. Auch Oliven gibt es hier unverpackt für alle, die ein Gefäß mitbringen. Die Dose ist übrigens aus Plastik, bevor ich sie wegschmeiße nutze ich sie so lange bis sie kaputt ist, die nächste wird aus Glas. © Iris Müller

Außerdem nehme ich hier noch Sahne in einer Glasflasche mit und endlich finde ich auch Süßigkeiten. Zumindest eine Tafel Schokolade, die in Pappe und kompostierbare Folie eingewickelt ist. Preislich ist sie mit einer Tafel Ritter Sport leider nicht zu vergleichen.

Chips und Weingummi finde ich hier nicht und auch nicht bei Hussel, obwohl die Verkäuferin dort wirklich hilfsbereit ist. Sie wiegt meine Dose und ich darf dort eine Variation von gefüllten Schoko-Kugeln hineinfüllen. Für Weingummi müsste ich wahrscheinlich auf die gute alte gemischte Tüte von der Bude zurückgreifen.

Ludger Vollmer, Inhaber des Bioladens Löwenzahn: Warum gibt es bei Ihnen noch Plastikverpackungen?

Im Drogeriemarkt

Letzte Station: der Drogeriemarkt. Hier finde ich eine Bambus-Zahnbürste und Zahnputz-Tabletten. Die kaut man bis sie cremig werden. Dann wird geputzt und ausgespuckt. Kostenpunkt: 4,88 Euro für 125 Tabletten. Das müsste also für zwei Monate reichen. Spüli, Waschmittel und Spülmaschinenpulver will ich in Zukunft selbst herstellen, diese Plastikverpackungen spare ich also direkt.

Fazit

Mittlerweile sind zwei Stunden vergangen - für meinen Geschmack etwas zu lange für einen Wocheneinkauf. Meine Liste ist fast abgearbeitet. Leider wird es keine Grillwürstchen geben, auch Sojamilch, Tofuwürstchen, Müllbeutel, Butter und Hafer habe ich nicht ohne Plastik gefunden. Statt Lasagne hätte ich lieber Spaghetti gehabt und mit den 500-Gramm-Joghurts bin ich auch eher unzufrieden. Die Menge stresst mich.

Was ich gelernt habe: Man muss flexibel und experimentierfreudig sein. Wenn es keine Beeren in Pappschachteln gibt, werden eben Birnen gegessen. Hafer- und Sojamilch werden nur im Tetra-Pack angeboten - da hilft nur selbst herstellen. Grundsätzlich braucht man Zeit, Nerven für Kommentare aller Art und leider einen etwas dickeren Geldbeutel als jemand, der ausschließlich bei Aldi, Netto und Co. einkauft.

Annette Brüggemann übt sich seit drei Jahren im plastikfreien Einkaufen. Ihr größtes Problem: Toilettenpapier. Frau Brüggemann, wie fühlen Sie sich als plastikfreie Einkäuferin?

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