WLT-Stück „Good Morning, Boys and Girls“ versucht die Erklärung, wie es zum Amoklauf kommt

hzWestfälisches Landestheater

Das WLT geht vielleicht ein Wagnis ein: Es zeigt im neuen Jugendstück die Lebensrealität eines Jugendlichen, der über einen Amoklauf und den Sinn des Lebens nachdenkt. Ist das gefährlich?

Castrop-Rauxel

, 16.04.2019, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die existenziellen Fragen, die Fragen nach dem Warum, die Fragen danach, wer man ist und was man wird: einfach sehr viele Fragen. Das sind die zentralen Inhalte des neuen Jugendstücks des Westfälisches Landestheaters, das am Sonntag um 18 Uhr im Studio auf der kleinen Bühne des Theaters Premiere feierte. „Good morning, boys and girls!“ ist der Titel.

Und wie das bei den Jugendstück-Premieren so ist: Das Publikum war eher nicht jugendlich, sondern im Durchschnitt etwa 20 Jahre älter. Aber es erhielt einen Vorgeschmack darauf, was das WLT demnächst Jugendlichen in der Region von Marl bis Lüdenscheid, von Kleve bis Hameln, von Radevormwald bis Wolfenbüttel und vielfach in Castrop-Rauxel zeigen wird.

Darf man das?

Darf man die Motivation eines Amokläufers in dieser Form auf der Bühne inszenieren? Darf man Jugendliche mit dieser Frage konfrontieren, ob ein Amoklauf der letzte Ausweg aus der eigenen Sinnkrise sein kann? Was denkt derjenige Zuschauer, der sich all diese Fragen des Protagonisten in diesem Stück selbst stellt? Taugt „Code“, so der Name des Hauptdarstellers in der virtuellen Computer-Welt, für denjenigen möglicherweise sogar zum Helden? Zu einem, dem man nacheifern sollte? „Es ist eine Popkultur geworden“, sagt der Pädagoge Nils Böckler, der sich mit Amokläufen beschäftigt und dabei verschiedene Täterprofile ausgemacht hat.

WLT-Stück „Good Morning, Boys and Girls“ versucht die Erklärung, wie es zum Amoklauf kommt

Jens alias „Code“ (gespielt von Adrian Kraege) kämpft und hadert mit sich - und seine Mutter (Edda Lina Janz) ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie ihm wirklich helfen kann. © Volker Beushausen

Immer wieder mischen die Eltern des Jugendlichen sich ein in die Gedankenwelt des Zuschauers, zum Teil auch in die Gedankenwelt des Jungen. Und auch der Lehrer spielt eine besondere Rolle: Er sitzt nicht nur sinnbildlich, sondern auch im Bühnenaufbau im Nacken des Schülers und versetzt den suchenden jungen Mann so unter einen weiteren Druck, dem dieser offensichtlich nicht Stand zu halten weiß.

„Er war doch so ein liebes Kind“

Noch nie ein Mädchen geküsst zu haben, Horror-Kurzgeschichten schreibend, Ego-Shooter am Computer spielend, sich abkapselnd von seinen Eltern - es ist aus dem wahren Leben eines Pubertierenden, das vermutlich viele Eltern im Alltag sehr und schwer beschäftigt. Und seine Mutter fragt nach der Tat die ganze Zeit: „Warum? Warum? Warum?“ Sie sagt auch: „Er war doch so ein liebes Kind.“

WLT-Stück „Good Morning, Boys and Girls“ versucht die Erklärung, wie es zum Amoklauf kommt

Jens alias „Code“ (gespielt von Adrian Kraege) kämpft und hadert mit sich - und seine Mutter (Edda Lina Janz) ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie ihm wirklich helfen kann. © Volker Beushausen

Und der Vater? Auch der im Nacken des Jungen. Er verkündet die Nachrichten von Amokläufen noch und nöcher in der ganzen Welt, mit vielen Todesopfern, mit Messerstechern, mit jungen Leuten, die Waffen benutzen.

70 Minuten im Bann der Dialoge und Monologe

Das Stück von Juli Zeh zieht die Zuschauer rund 70 Minuten lang in seinen Bann aus Gesprächen, aus Monologen. Es geht mit einem heftigen Knall aus der Pump-Gun zu Ende. Auf der Bühne sterben Menschen. Die Regie führte WLT-Intendant Ralf Ebeling selbst.

WLT-Stück „Good Morning, Boys and Girls“ versucht die Erklärung, wie es zum Amoklauf kommt

Der Vater (gespielt von Julius Schleheck, im Hintergrund) bespielt Teile des Stücks mit einer Aufzählung von real geschehenen Amokläufen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte wie dem in Winnenden, in Emsdetten, in Oklahoma und dem Rest der Welt. Es wirkt wie das latente Gedankenspiel seines Sohnes Jens. © Volker Beushausen

„Wir haben schon im Vorfeld gemerkt, dass das Interesse an dem Thema sehr hoch ist“, sagt Ebeling. „Viele Schulen verfügen über ein ausgeklügeltes Warnsystem für Amokläufe. Lehrgänge und Fortbildungen zur Prävention werden angeboten.“ Der Intendant meint auch: „Alles, was die Jugendlichen kennen, gibt es schon. Alles ist auf YouTube zu finden. Dabei haben sie nur einen Wunsch: berühmt sein und etwas tun, was vorher noch nie jemand getan hat.“

Es schreit nach Bearbeitung und Diskussion im Unterricht

Das Stück lässt die Zuschauer mit vielen Gedanken zurück. Es schreit nach Nachbearbeitung im Unterricht der Schulklassen, die es gemeinsam in den nächsten Monaten und Jahren anschauen werden. Zuschauer Lukas Boltner (27) aus Ickern sagt nach der Premiere: „Ich bin nicht sicher, ob es zu viele Fragen gestellt und zu wenige Antworten gegeben hat.“

„‚Good Morning, Boys and Girls‘ richtet sich nicht nur an jugendliche Zuschauer, sondern bietet auch für Erwachsene anregende Unterhaltung“, heißt es in der Ankündigung des WLT selbst.

Weitere Termine in Castrop-Rauxel

  • 10. Mai um 9 und 11.30 Uhr
  • 22. April 2020 um 20 Uhr, WLT-Studio
  • 23. und 24. April 2020 um 11 und 20 Uhr, WLT-Studio
  • 25. April 2020 um 20 Uhr, WLT-Studio
  • 26. April 2020 um 18 Uhr, WLT-Studio
  • 18. Mai 2020 um 11 und 13.30 Uhr, WLT-Studio
  • Karten kosten 20 Euro, ermäßigt 16 Euro.
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