Die ersten CAS-Schilder seit der Wiedereinführung: Der "Schilder-Fritz" erinnert sich gut an die Geschehnisse vor rund zehn Jahren. © Collage Martin Klose
Rückblick

Zehn Jahre CAS-Kennzeichen: „Es kehrte zurück, was verloren gegangen war“

Vor zehn Jahren wurde das CAS-Autokennzeichen wieder eingeführt. Viele sprachen sich dafür aus, einige waren strikt dagegen. Heute ist es, als wäre es nie weg gewesen. Wir blicken zurück.

Irgendwann stand Professor Ralf Bochert aus dem baden-württembergischen Heilbronn selbst in der Altstadt Castrop-Rauxels. Er trug ein Klemmbrett in der linken Hand und einen Schreiber in der rechten. Passanten, die an diesem Tag vorbeiflanierten, fragte er nach ihrem Wohnort. Und nach des Deutschem liebstem Kind: ihrem Auto. Letztlich durfte sich Bochert bestätigt fühlen.

Die These des Hochschullehrers lautete nämlich: „Die Menschen wollen sich in Zeiten der Globalisierung kleinräumiger verorten lassen.“ Kraft eines Kennzeichens. 90 Prozent der von ihm befragten Castrop-Rauxeler sprachen sich für das CAS-Schild aus. In den 70er-Jahren war dies zugunsten eines REs abhandengekommen, als die Stadt dem Kreis Recklinghausen zugeordnet wurde.

„Ich wohne ja nicht in Recklinghausen“

Vielen war das egal, aber es gab doch eine Menge Leute, die das RE über Jahre und Jahrzehnte hinweg eher widerwillig trugen. „Ich wohne ja nicht in Recklinghausen“, zitierte diese Zeitung vor zehn Jahren eine durchaus aufgebrachte Bürgerin.

Der ehemalige Bürgermeister Johannes Beisenherz (v.l.) und Ex-NRW-Verkehrsminister Michael Groschek posieren im Jahr 2012 mit dem Castrop-Rauxeler, der das erste CAS-Kennzeichen bekam: Axel Nizak (vorne).

An diesen Verdruss kann sich Jürgen Fritz noch gut erinnern. Fritz, in Castrop-Rauxel für seine Arbeit als Schilderpräger bekannt („Schilder Fritz“ am Rathaus), erzählt: „Viele Leute konnten oder mochten sich mit dem RE-Kennzeichen nicht wirklich identifizieren. Ihnen fehlte die Eigenständigkeit. Deshalb war die Zustimmung wirklich groß, als es hieß, Castrop-Rauxel bekäme vielleicht sein CAS-Kennzeichen zurück.“

Vor elf Jahren gewann diese Diskussion an Dynamik. Dafür verantwortlich zeichnete vor allem Hochschullehrer Bochert, der mit dem einigermaßen sperrig klingenden Projekt „Initiative Kennzeichenliberalisierung“ durchs ganze Land tingelte. Von 2010 bis 2012 sollen er und sein Team mit über 50.000 Personen in mehr als 200 deutschen Städten gesprochen haben. Über ihren Wohnort und über ihr Auto.

Großangelegte Umfrage bringt klares Ergebnis

72 Prozent der Befragten, so lautete das Ergebnis insgesamt, sprachen sich für die Wiedereinführung der alten Kfz-Kennzeichen aus. Nachdem der Bundesrat sein Okay gegeben hatte, waren die Kennzeichen Anfang November 2012 wieder zu bekommen. In Castrop-Rauxel also das CAS-Schild. „Damals kehrte etwas zurück, das verloren gegangen war“, sagt Fritz. „Viele Leute haben das so gesehen.“

Wollen sie das CAS-Kennzeichen? Oder nicht? Professor Ralf Borchert in der Altstadt von Castrop Rauxel. © RN-Foto Archiv © RN-Foto Archiv

Und so wurden gleich am erstmöglichen Tag laut Fritz rund 400 neue CAS-Kennzeichen an die Autos geschraubt. „Die Leute konnten sich anmelden und es dann abholen“, erinnert er sich.

Bis heute wählen die Castrop-Rauxeler lieber dieses Kennzeichen. Es sei identitätsstiftend, meint Fritz einerseits. Andererseits ist wohl auch ein wenig Nostalgie im Spiel. So berichtet Fritz von gleich mehreren Anrufen mit dem immer gleichen Ausgang: „Die Leute haben mich damals gefragt, ob ich ihnen ihr altes Kennzeichen besorgen könnte. Das, was sie vor 30, 40 Jahren schon einmal hatten – also die gleiche Kombination von Buchstaben und Zahlen. Häufig hat das geklappt“, sagt er heute. Und lacht.

Mancher Kommunalpolitiker jedoch konnte mit derlei Kennzeichen-Wünschen der Bürger seinerzeit nicht viel anfangen. So formulierte etwa CDU-Mann Hans Esser klipp und klar: „Ich spreche mich gegen den nostalgischen Kram aus.“

„Wir machen damit einen Schritt zurück“

Kreissprecher Jochem Manz meinte: „Wir drehen das Rad wieder zurück in die 70er-Jahre.“ Damals seien die Stadt-Kennzeichen abgeschafft worden, um die Verwaltung zu vereinfachen und Kosten zu reduzieren. „Wir reden heute über interkommunale Zusammenarbeit und machen mit den Kennzeichen wieder einen Schritt zurück“, bekräftigte Manz.

Seine Argumente allerdings verfingen nicht. Erst stimmten die Verkehrsminister der Länder im April 2011, also vor genau zehn Jahren, für die Wiedereinführung des alten Kennzeichens, später folgte der Castrop-Rauxeler Stadtrat. Und Fritz, der Mann „an der Quelle“, sicherte sich anschließend das Kennzeichen „CAS-JF 1“, war einer der ersten, die mit neuem Schild auf den Straßen zu sehen waren.

Inzwischen besitze er „dieses schöne Kennzeichen“ zwar nicht mehr, sagt Fritz. „Irgendwann habe ich es nicht mehr verwendet und abgegeben. Jetzt darf sich aber ein anderer Fahrer darüber freuen.“

Jürgen Fritz mit seinem alten CAS-Kennzeichen. © Michael Fritsch © Michael Fritsch
Über den Autor
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Schreibt seit 2015. Arbeitet seit 2018 für die Ruhr Nachrichten und ist da vor allem in der Sportredaktion und rund um den BVB unterwegs.
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