Ein Insulintropfen an einem Pen, einer Minispritze für Diabetiker: Dem Rentner fehlte offenbar ein wichtiges Medikament. Er wurde dennoch verurteilt. © dpa
Richter gnadenlos

Zucker-Schock, Panikattacke: Warum fuhr der Mann (71) Auto ohne Erlaubnis?

Zu hoher Blutzuckerspiegel, Panik-Attacke: Ein Castrop-Rauxeler (71) wurde gestoppt, weil er zu schnell fuhr. Jetzt musste er dafür sogar vor Gericht aussagen. Denn es steckt mehr dahinter.

Ein 71-Jähriger macht eine Panikattacke dafür verantwortlich, dass er nun, rund ein Jahr später, vor dem Strafrichter im Castrop-Rauxeler Amtsgericht aussagen musste. Die Polizei hatte ihn im Sommer letzten Jahres gestoppt, weil er 10 km/h zu schnell auf der Dortmunder Straße unterwegs war. Eine Bagatelle eigentlich. Doch die Routinekontrolle deckte weit mehr auf.

Für die Panik verantwortlich war das fehlende Insulin im Kühlschrank, was der an Diabetes leidende Rentner mit Schrecken bemerkt hatte. Sein Blutzuckerspiegel war bereits viel zu hoch. Er stieg in sein Auto, holte sich beim Arzt ein Rezept und danach in der Apotheke das Medikament. Auf dem Heimweg stoppte ihn die Polizei.

Rentner belog die Polizei

Nach seinen Papieren gefragt, behauptete er, sie lägen daheim. Führerschein und Personalausweis. Bis hierhin kein großes Drama, allerdings deckte ein Blick in den Polizeicomputer eine dicke Lüge auf: Der Führerschein war seit mehr als drei Jahren eingezogen. Aufgrund der Punktezahl im Verkehrsregister. Das machte die Weiterfahrt nach der Kontrolle zu einer weiteren Straftat.

„Eigentlich habe ich immer Freunde, die mich bei Bedarf fahren“, begründete der 71-Jährige die Tatsache, sein Auto zu behalten. Nur an diesem verhängnisvollen Tag sei niemand zu erreichen gewesen. Schweißausbrüche, Angst, die Zuckerwerte viel zu hoch, da sei er einfach losgefahren. Davon hatte er den Polizisten allerdings nichts erzählt.

Denen fiel der vermeintliche Ausnahmezustand nicht auf. „Sonst hätten wir, wie bei einem medizinischen Notfall üblich, sofort einen Rettungswagen bestellt und auf keinen Fall die Ermittlungen fortgesetzt“, so einer der Beamten im Zeugenstand. Auf dem Foto, das die Polizei anfertigt, wenn ein Fahrzeugführer keine Papiere dabei hat, sähe der Mann entspannt aus. Das fand der Richter auch.

Fragen des Richters – aber keine Antworten

„Warum haben Sie kein Taxi bestellt?“, fragte der. „Warum haben Sie das wichtige Insulin nicht gleich in der Apotheke genommen?“ Und: „Warum haben Sie der Polizei nicht von Ihrer Angst berichtet?“ Fragen, auf die es keine Antworten gab.

Das sei nicht die letzte Panikattacke gewesen, berichtete der Verteidiger des Rentners. Sein Mandant, der auf Krücken gestützt in den Gerichtssaal kam, sei bei einem weiteren Zuckerschock so unglücklich gestürzt, dass er einen Oberschenkelhalsbruch erlitt.

Seiner Bitte, es bei einem Verwarngeld zu belassen, entsprach der Richter in seinem Urteil aber nicht. Er verhängte eine Geldstrafe über 500 Euro. Ein weiterer Punkt im Verkehrsregister steht einer baldigen Rückgabe des Führerscheins nun auch noch entgegen. Gut, dass der Rentner in der Regel auf seine Freunde zählen kann, die ihn chauffieren.

Über die Autorin
Redaktion Castrop-Rauxel
Ich bin seit etlichen Jahren als freie Mitarbeiterin für die Lokalredaktion tätig, besuche regelmäßig Gerichtsverhandlungen, um darüber zu berichten, und bin neugierig auf alles, was in Castrop-Rauxel passiert.
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