Als Nina Paulus den Grillabend auf ihrem Balkon vorbereiten wollte fand sie ein winzig kleines, nacktes Eichhörnchen. Ihr Helferinstinkt war geweckt. Doch wie rettet man dieses kleine Leben?

Henrichenburg

, 02.08.2019, 11:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Nina Paulus wollte eigentlich gemütlich grillen. Daraus wurde nichts. Die 32-Jährige aus Unna musste sich um das Eichhörnchen-Baby kümmern, was auf ihren Balkon gepurzelt war. „Die Mutter war schon vorher öfter zu uns gekommen und hat sich Futter abgeholt.“ Wahrscheinlich habe sie im Dachgiebel ein Nest gebaut. Doch zunächst war nicht nur das Eichhörnchen-Baby hilflos, sondern auch Nina Paulus mit ihrer Familie.

„Mein Sohn hat direkt angefangen zu googeln“, so Paulus. Das kleine Tier bekam zunächst abgekochtes Wasser aus einer Spritze. Als ihr Lebensgefährte, Carsten Möller (40), nach Hause kam ging die Recherche weiter und mündete zunächst in den Eichhörnchen-Notruf. Der Verein Eichhörnchen Notruf ist in ganz Deutschland aktiv und verfügt über ein Netzwerk von Ansprechpartnern und Auffangstationen. Der Haken: Die Telefonzeiten sind von 10 bis 12 und von 17 bis 19 Uhr – zu spät für die Retter aus Unna.

Hilfe bei einer Tierheilpraktikerin

Also fuhren sie zum tierärztlichen Notdienst, doch der konnte auch nicht helfen. „Mit wilden Tieren kennen die sich nicht aus“, erklärt Carsten Möller. Doch das Internet weiß alles und kennt auch Helga Maria Meissner, eine Tierheilpraktikerin aus Fröndenberg. Dahin fuhr Nina Paulus mit ihrem Lebensgefährten am selben Abend. Jedoch kam sie nicht weit, denn der 15-jährige Sohn Robin meldete sich noch einmal – es sei noch ein Eichhörnchen-Baby auf den Balkon gefallen, ebenfalls winzig klein, fast nackt und mit verschlossenen Augen. Also nochmal zurück, beide Tiere muckelig warm eingepackt und ab nach Fröndenberg.

Erste Hilfe

Das kann man tun, wenn man ein Eichhörnchen-Baby findet

1. Familienzusammenführung Am besten wartet man erst einmal ab, ob das Muttertier zurückkommt. Das Tier sollte dabei an einem sichereren Ort, weg von der Straße oder geschäftigen Plätzen sein. 2. Wärme Wenn das Tier dringend Hilfe braucht, sollte es vor allem warmgehalten werden. Das geht durch Kirschkernsäckchen, elektrische Wärmekissen oder, indem man das Eichhörnchen in ein Tuch gehüllt vorsichtig unter dem Pullover trägt. 3. Flüssigkeit Füttern kann man Eichhörnchen-Babys am besten mit einer Pipette oder Spritze in der abgekochtes Wasser mit etwas Honig und Salz vermischt ist. Auf keinen Fall darf Milch verwendet werden – weder Dosenmilch noch Katzenmilch. Davon bekommen die Tiere Durchfall. Nach ein paar Stunden, wenn das Findelkind sich etwas erholt hat, kann man es mit Hundeaufzugsmilch füttern. Bei älteren Tieren bieten sich Obst und Nüsse an.
Dort wurde dem Paar geholfen. Sie bekamen spezielle Nahrung und entscheidende Tipps. Allerdings wurden sie die Tiere dort nicht los – Meissner fuhr am nächsten Tag in den Urlaub. „Ich bin dann in der folgenden Nacht alle eineinhalb Stunden aufgestanden, um die Babys mit spezieller Eichhörnchenmilch zu füttern“, erklärt Nina Paulus. „Wir hatten keine Alternative.“ Ihren Plan, das eine Woche durchzuziehen, bis Meissner aus dem Urlaub zurück sei, warf sie direkt am nächsten Morgen über Bord – zu kräfteraubend die ganze Aktion.

Die Eichhörnchen bekamen viele Kuscheleinheiten

An das Nest kam die Familie nicht dran, zu hoch war es im Dachgiebel versteckt. „Wir haben den Kleinen nochmal auf die Balkonbrüstung gelegt, quasi auf den Präsentierteller, damit die Mutter ihn vielleicht holt, leider vergeblich“, erklärt Carsten Möller. Länger als eine halbe Stunde hätten sie das auch nicht ausgehalten. Das winzige Tier tat ihnen einfach leid. Ihre Liebe war längst geweckt und gewachsen. Die winzigen Tiere – jedes einzelne weniger als eine Handvoll – bekamen die Namen Shorty und Lucky und jede Menge Kuscheleinheiten, nicht nur von Nina Paulus und Carsten Möller, sondern auch von den beiden Kindern Maximilian und Robin. Möller: „Als ich sie das erste Mal in der Hand hielt war es um mich geschehen.“

Zwei Eichhörnchen-Babys in großer Not und viele Helfer mit großem Herz

Wenn die Eichhörnchen in der Lage sind, selbst Nüsse zu knacken, können sie ausgewildert werden. © Silja Fröhlich

Nach und nach wurde die Familie zu wahren Experten: „Wenn sie Hunger haben oder es ihnen nicht gut geht, klammern sie sich an einen“, erklärt Carsten Möller, der schätzt, dass die Tiere ungefähr zwei Wochen alt waren, als sie zu ihnen „fielen“. Sie lernten, dass man die Tiere per Massage zum Urinieren anregen muss und dass ihnen ein kleiner, selbst gebauter Kobel hilft, sich wohl zu fühlen.

Die Eichhörnchen-Babys kommen nach Castrop-Rauxel

Am nächsten Tag rief er wieder beim Eichhörnchen-Notruf an und dieses Mal klappte es. Sie wurden nach Castrop-Rauxel zu den Schwestern Mechthild Trippe und Gertrud Smyra vermittelt. Die beiden gehören zu dem Verein Eichhörnchen Notruf und kümmern sich in Henrichenburg seit rund zwei Jahren um Tiere in Not. „In diesem Jahr waren schon ungefähr 150 Tiere hier“, erklärt Smyra, die sich mit Herzblut für jedes Einzelne einsetzt. Derzeit sei es rund ein Dutzend.

Zwei Eichhörnchen-Babys in großer Not und viele Helfer mit großem Herz

Carsten Möller mit Sohn Maximilian (10) und Nina Paulus sind unfreiwillig Eichhörnchen-Eltern geworden. © Paulus

Sie füttert die jungen Tiere rund um die Uhr und fährt mit ihnen zum Tierarzt. Viele haben Verletzungen von den Stürzen – kürzlich musste ein Schwanz zum Teil amputiert werden. Viele leiden unter Magen-Darm-Krankheiten. „Das ist in diesem Jahr besonders schlimm“, so Smyra. Rund ein Drittel der Tiere sei in diesem Jahr gestorben. Wer es schafft, und alleine Nüsse knacken kann, der wird ausgewildert. Auswildern bedeutet dabei explizit nicht aussetzen, sondern langsam an die echte Welt gewöhnen.

Wir waren erstmal völlig weg aus dem Alltag.
Carsten Möller, „Eichhörnchenpapa“

Bis es bei Shorty und Lucky soweit ist, wird es noch dauern. Bis dahin besucht die Familie aus Unna die beiden regelmäßig in Castrop-Rauxel. „Ich möchte gerne sehen, wie sie heranwachsen und dann ausgewildert werden“, erklärt Paulus, die tiefe Dankbarkeit für die Arbeit von Gertrud Smyra und Mechthild Trippe empfindet. „Das sind einfach gute Menschen“. Dem Staat sei es völlig egal, was mit solchen Tieren passiert.

In knapp vier Monaten wird es soweit sein. Dann heißt es Abschied nehmen. Die Eichhörnchen werden dann die Augen geöffnet haben, das Fell wird gewachsen und der Schwanz buschig sein. In einem der Auswilderungsgehege, im Langeloh, am Kemnader See oder in der Hardt bleiben sie zwei bis drei Wochen und werden dann in die Natur entlassen. Für Paulus und Möller war das Eichhörnchen-Abenteuer prägend: „Wir waren erstmal völlig weg aus dem Alltag und haben uns nur noch um die beiden gekümmert.“

Der Eichhörnchen-Notruf

  • Wer ein Eichhörnchen findet, kann sich unter Tel. 0700 200 200 12 Hilfe holen. Die Servicezeiten sind zwischen März und September täglich von 10 bis 12 und von 17 bis 19 Uhr.
  • Der Verein freut sich über Spenden an Eichhörnchen Notruf e.V., Hamburger Sparkasse - HASPA, IBAN: DE38 2005 0550 1034 2442 91, BIC: HASPDEHHXXX
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