Als nackte Sauna-Gäste im konservativen Dorsten noch für Diskussionen sorgten

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Das Ehepaar Mechthild und Ernst Lemke hat seine Praxis für Massage und Naturheilkunde aus Altersgründen aufgegeben. Bekannt wurden sie, als sie 1972 die erste Sauna in Dorsten eröffneten.

Dorsten

, 30.05.2019, 04:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wie viele Dorstener Bürger Mechthild und Ernst Lemke im Laufe der vielen Berufsjahre buchstäblich unter ihren Händen hatten, das können sie gar nicht beziffern. „Eine riesige Zahl jedenfalls“, sagt der in der Lippestadt bestens bekannte Masseur und Heilpraktiker. Doch am Dienstag war Schluss, abends schlossen die Eheleute ihre Praxis im Gebäude des St.-Elisabeth-Seniorenzentrums an der Gahlener Straße endgültig hinter sich ab. „In unserem Alter darf man das“, sagt Ernst Lemke.

Die letzten Jahre kürzer getreten

78 Jahre alt ist er inzwischen, seine Ehefrau ist drei Jahre jünger. Beiden sieht man ihr Alter nicht an, sich um die Gesundheit und das Wohlbefinden ihrer Patienten zu kümmern, hat das Paar offensichtlich jung und rüstig gehalten. In den vergangenen Jahren sind die Lemkes zwar beruflich etwas kürzer getreten. „Wir haben unsere Praxis nur noch dienstags und donnerstags offen gehabt“, sagt Ernst Lemke, „konnten uns in der Zeit aber umso intensiver um unsere lieben Stammgäste kümmern“.

Als Masseur von Haus zu Haus

Genau 50 Jahre ist es inzwischen her, dass Ernst Lemke in Dorsten als Masseur seine ersten Meriten erwarb. „Ich zog damals mit meiner zusammenklappbaren Liege von Haus zu Haus“, erzählt er. Sein erster Patient war der Dorstener Verleger Julius Hülswitt, durch Mund-zu-Mund-Propaganda erweiterte sich sein Patientenstamm in den nächsten Monaten deutlich.

Als nackte Sauna-Gäste im konservativen Dorsten noch für Diskussionen sorgten

So sahen die Blockhaus-Sauna und der Außenbereich mit Pool im damaligen Dorstener Hallenbad aus. © Privat

Der inzwischen verstorbene Rechtsanwalt Hubert Pasterkamp war schließlich dafür verantwortlich, dass das Ehepaar Lemke durch eine nicht nur in Dorsten viel beachtete Neuerung für Schlagzeilen sorgte: Der Jurist schlug Ernst Lemke und seiner als Masseurin und medizinische Bademeisterin ausgebildeten Ehefrau vor, sich als Betreiber der ersten Dorstener Sauna im zu dieser Zeit auf Maria Lindenhof geplanten Hallenbad zu bewerben.

Bürgermeister wollte sich nicht entkleiden

„Eigentlich wollte ich das nicht so recht“, betont Ernst Lemke: „Doch als ich das nächste Mal bei Pasterkamps war, hatte er schon ein Bewerbungsschreiben verfasst, das ich nur noch unterschreiben musste.“ Im Juli 1972 war es schließlich soweit. Eine Abordnung um den damalige Bürgermeister Hans Lampen weihte die Sauna ein: „Es war aber keiner der Herren bereit, sich zu entkleiden und den ersten Saunagang zu wagen.“

Eine Menge Diskussionen

Eine Sauna mit nackten Menschen - das sorgte seinerzeit für eine Menge Diskussionen im konservativen Dorsten. „Ich könnte ein Buch über all die Anekdoten schreiben“, sagt Ernst Lemke. Einige Vorkommnisse hatte er für den 1. Band der von Edelgard Moers herausgegebenen „Dorstener Geschichten“ verfasst: über Leserbriefe in der Dorstener Zeitung, in der Hallenbad-Besucher ihr verletztes Schamgefühl beklagten, über politische Diskussionen, als die Lemkes eine Gemeinschaftssauna einrichten wollten.

Zum Heilpraktiker ausgebildet

Und über Bürger, die wegen der Zeitungsinserate für die Sauna den Bischof einschalten wollten. „Wir hatten dann mehrfach Besuch von Geistlichen“, so Ernst Lemke: „Sie wollten sich aber nicht über die Sauna beschweren, sondern sich entspannen und ihren Körper abhärten.“ Wie gesund und wohltuend ein Saunabesuch ist, sprach sich dann auch in Dorsten schnell herum: Die Lemkes erweiterten, errichteten ein Blockhaus mit Kaminzimmer, Raucherräume, ein Solarium und den Außenbereich. Zudem machte Ernst Lemke eine Heilpraktikerausbildung und eröffnete ein „Naturheilzentrum“ in den Räumlichkeiten.

Wandern im Schwarzwald

Das Aus für die Sauna kam 2001, nachdem die Stadt Investoren mit dem Bau des Atlantis-Spaßbades beauftragt hatte. Das Ehepaar zog mit seiner Praxis um zur Gahlener Straße, „dort haben wir auch ohne Sauna bis zum Schluss sehr erfolgreich gearbeitet, wofür wir sehr dankbar sind“, sagt Ernst Lemke. Jetzt freut er sich auf den wohlverdienten späten Ruhestand. „Wir beginnen mit vier Wochen Wandern im Schwarzwald“, verrät er. Und da ist sicherlich der eine oder andere entspannende abendliche Saunagang inklusive.

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